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Uni Kassel: Untersuchung zu Psychosozialen Belastungen im Lehramt

30.01.2003 - (idw) Universität Kassel

Die Entwicklung grundlegender personaler und sozial-interaktiver Kompetenzen ist nach Ansicht des Zentrums für Lehrerbildung an der Universität Kassel die notwendige Voraussetzung zur Verringerung der hohen Zahl von Frühpensionierungen unter den Lehrerinnen und Lehrern.

Kassel. Die Entwicklung grundlegender personaler und sozial-interaktiver Kompetenzen ist nach Ansicht des Zentrums für Lehrerbildung an der Universität Kassel die notwendige Voraussetzung zur Verringerung der hohen Zahl von Frühpensionierungen unter den Lehrerinnen und Lehrern. Dazu sind eine Reihe grund­legender Veränderung in der Lehreraus- und Fortbildung, in den Schulleitungen und den schulischen Rahmenbedingungen nötig. Dies erklärte heute der Erziehungswissenschaftler und Vorsitzende des Zentrums Prof. Dr. Heinrich Dauber. Das Zentrum Für Lehrerbildung der Universität Kassel führt die unter­schiedlichen Ebenen der Lehrerausbildung innerhalb und außerhalb der Universität zusammen. In ihm arbeiten Fachwissenschaftler und Fachdidaktiker der Universität ebenso mit wie Lehrer, die in der Referendar­ausbildung tätig sind, und Beamte der Schulverwaltung. Wie Dauber ausführte, werden in der vorliegenden Arbeit erstmals bekannte Erkenntnisse über Belastungsfaktoren der Lehrertätigkeit und das subjektives Befinden der Lehrerinnen und Lehrer, die aus Krankheitsgründen aus dem Schuldienst ausgeschieden sind, zusammengeführt und in konkrete Vorschläge zur Änderung von Ausbildung, Personalführung und Schulorganisation umgesetzt.

Befragung
65 Prozent aller Lehrerinnen und Lehrer scheiden zur Zeit mit einem Durchschnittsalter von 57 Jahren vor Erreichen der Altersgrenze aus Krankheitsgründen aus dem Schuldienst. Im Regierungsbezirk Kassel waren das in den Jahren 1996 bis 2002 2834 Lehrerinnen und Lehrer, die in einer vom Hessischen Kultus- und Wissenschaftsministerium unterstützten Erhebung des Zentrums nach den subjektiv empfundenen Belastungsfaktoren während ihrer aktiven Dienstzeit und andererseits nach den Formen der Verarbeitung dieser Belastungen befragt wurden.
An der Spitze der Gründe für die Dienstunfähigkeit lagen (bei möglichen Mehrfachnennungen) mit Abstand psychische und psychosomatische Erkrankungen (49 %) sowie Erkrankungen des Bewegungsapparates(47 %). Auffällig war die ungleiche Verteilung der Lehrer auf die verschiedenen Schulformen: Danach waren Grund- und Berufsschullehrer überdurchschnittlich, Gymnasiallehrer stark unterdurchschnittlich vertreten. Als Hauptbelastungsfaktoren wurden vor allem genannt:
- die Fülle der Anforderungen, insbesondere
- Zunahme von Verhaltensauffälligkeiten bei Schülern
- immer mehr Erziehungsaufgaben
- zu viele Schüler(innen) in einer Klasse
- undisziplinierte Schüler
- große Leistungsunterschiede zwischen den Kindern und Jugendlichen
- sinkende Lernmotivation bei Schülerinnen und Schülern
- hoher Lärmpegel
- labiler Gesundheitszustand
- hoher Verantwortungsdruck
- zu wenig wirksame Sanktionsmöglichkeiten
- hoher Verwaltungsaufwand (Zunahme der administrativen Pflichten; generell zu viele Vorschriften und Vorgaben)
- hohe Pflichtstundenzahl/zu hohe wöchentliche Arbeitszeit.

Nur 1 Prozent der ausgeschiedenen Lehrkräfte wurde eine andere Tätigkeit im Schuldienst angeboten; 21 Prozent hätten aber eine solche akzeptiert.

Ergebnisse und Interpretationen
Fünf "vorläufige Ergebnisse und erste Interpretationen" werden von den Autoren der Studie, Prof. Dr. Heinrich Dauber und Prof. Dr. Witlof Vollstädt genannt:

1. "Das hohe Interesse an unserer Untersuchung kann zugleich als dringende Aufforderung gewertet werden, psychosozialen Belastungen nicht nur größere Aufmerksamkeit zu schenken, sondern auch mit konkreten Konzepten, Strategien und bildungspolitischen Entscheidungen konsequenter Rechnung zu tragen. Dabei sind alle Phasen der Lehrerbildung genauso gefordert wie die Lehrerfortbildung, die Schulverwaltung, die Schul- und Bildungspolitik und vor allem die Schulpraxis selbst.

2. Da die Quote an Frühpensionierungen wegen Berufsunfähigkeit in den Grundschulen, Berufsschulen und bei Haupt- und Realschullehrern besonders hoch ist, sollten Maßnahmen zur beruflichen Entlastung und zur Unterstützung beim Umgang mit belastenden Faktoren schulformspezifisch konzipiert und realisiert werden

3. Das Problem einer großen Zahl von Frühpensionierungen besteht nicht primär darin, dass ältere Lehrer aufgrund ihres Alters den Anforderungen ihres Berufes nicht mehr gewachsen sind, sondern dass sich Fülle und Art der externen Belastungen auf Dauer gesundheitlich negativ auswirkt. Die Zahl der Frühpensionierungen lässt sich - aus retrospektiver Sicht der frühpensionierten Lehrerinnen und Lehrer - verringern durch:
- weniger Schüler(innen) pro Klasse
- wirksamere Strategien im Umgang mit verhaltensauffälligen, leistungsschwachen und unmotivierten Schülern
- Verringerung des Lärmpegels an den Schulen
- wirksamere Sanktionsmöglichkeiten
- Reduzierung des Verwaltungsaufwandes
- veränderte Arbeitszeitmodelle, die nicht nur die wöchentliche Zahl der Unterrichtsstunden berücksichtigen

4. Lehrerinnen und Lehrer, die in ihrem beruflichen und privaten Umfeld bei hohem beruflichem Engagement genügend Unterstützung und positive Motivation erfahren, sind weniger von psychischen und psychosomatischen Krankheiten betroffen. Als entscheidende Faktoren, die bei der Verarbeitung beruflicher Belastungen helfen, wurden genannt:
- das eigene berufliche Ethos
- das Verhältnis und die Einstellungen zu Kindern und Jugendlichen
- die Wertschätzung und Anerkennung der eigenen pädagogischen Arbeit und des Berufs generell durch Schüler, Eltern, Schulleitung, im Kollegium und in der Gesellschaft
Daraus leiten sich nicht nur wichtige Orientierungen für die Bildungspolitik ab, sondern auch Anforderungen an berufliche Voraussetzungen und an die Ausbildung künftiger Lehrer(innen).

5. Einen besonders hohen Stellenwert besitzt nach Meinung der befragten Lehrer(innen) das soziale Klima an einer Schule. Es wirkt zum einen als enormer psychosozialer Belastungsfaktor, wenn die sozialen Beziehungen im Kollegium und zur Schulleitung gestört sind, unterrichtliche Kooperation und Koordination nicht oder nur mit großen Anstrengungen zustande kommen, die Qualität des Unterrichts nicht thematisiert wird, innovative Ideen oder Konzepte abgelehnt oder gar nicht erst entwickelt werden. In den umgekehrten Fällen kann es zum anderen auch als wichtiger Entlastungsfaktor wirken und bei der Verarbeitung beruflicher Belastungen helfen."

Die Befragung war ein Resultat der Arbeitsgruppe "Psychosoziale Belastungen im Lehramt" des Zentrums für Lehrerausbildung, die sich aus Wissenschaftlern, Schulpsychologen, einem leitenden Amtsarzt, Schulpraktikern und Ausbildern zusammensetzt. Die AG leitet ihrerseits für alle Ebenen von Lehrerausbildung und -tätigkeit aus dieser Untersuchung detaillierte Forderungen ab:
Zur universitären Phase der Lehrerausbildung heißt es u.a.: "Wir fordern daher eine praxisorientierte Ausbildung, in der die tatsächlichen objektiven wie subjektiven Anforderungen des Lehrerberufs im Vordergrund stehen und deren Ziel ein professionelles berufliches Selbstkonzept ist.
Deshalb sollten sich zukünftige Lehrerinnen und Lehrer bereits zu Beginn ihres Studiums mit den späteren Anforderungen des Lehrerberufs auseinandersetzen. Dies schließt eine kritische Überprüfung ihrer Motivationen und Erwartungen ein."
Zur Referendarausbildung heißt es u.a.: "Bisher kann sich jede/r Lehrer/in auf eine Ausbilderstelle bewerben. Wir fordern, dass AusbilderInnen sich über entsprechende Fortbildungen qualifizieren und sowohl personale als auch seminardidaktische Kompetenzen nachweisen."
Zur Lehrerfortbildung wird u.a. ein gleitender Übergang in den Beruf, verstärkte Fortbildungsangebote und die Möglichkeit gefordert, gesundheitlich beeinträchtigte Lehrerinnen und Lehrer zunehmend aus dem Klassenunterricht herausnehmen zu können.
Zur Schulleitung heißt es: "SchulleiterInnen haben einen erheblichen Einfluss auf die Arbeitszufriedenheit eines Kollegiums. Insofern fordern wir eine entsprechende Vorbereitung und Ausbildung für diese Führungsaufgaben: Gesprächsführung, Jahres- bzw. Mitarbeitergespräche, Konfliktmoderation, Management, Controlling."
Schließlich sollten nach Ansicht der Arbeitsgruppe die Rahmenbedingungen der Lehrertätigkeit verändert werden. Dazu gehören u.a. die Verzahnung der ersten (Studium) und zweiten Phase (Referendariat) der Lehrerausbildung; Unterstützung der Lehrkräfte im Bereich der Erziehungsaufgaben durch Schulpsychologen und Sozialarbeiter und die Erhöhung der Schulleitungs- und Schuldeputate (Reduzierung der Unterrichtsverpflichtung), damit nach entsprechender verbindlicher Qualifizierung die Schulleitungen ihre Führungsaufgaben im Sinne eines modernen Betriebsmanagements angemessen wahrnehmen und so Schul- und Qualitätsentwicklung verantwortlich steuern können.

Die Mitglieder des Zentrums für Lehrerbildung zeigten sich optimistisch, dass die heute vorgestellten Untersuchungsergebnisse in den Prozess einer Reform der Lehrerausbildung eingehen, für die vor wenigen Wochen eine vom Hessischen Kultus- und Wissenschaftsministerium eingesetzte Kommission weitreichende Vorschläge vorgelegt hatte.

Eine Zusammenfassung der Ergebnisse der Befragung und die Vorschläge der Arbeitsgruppe "Psychosoziale Belastungen im Lehramt" können als Datei oder im Ausdruck angefordert werden bei der Pressestelle der Universität Kassel.

jb

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Infos zum Thema
Prof. Dr. Heinrich Dauber
Universität Kassel
Zentrum für Lehrerbildung der Universität Kassel
tel 0561) 804- 3545
www.uni-kassel.de/zlb/
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