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Wuppertaler Studentenwohnheim Deutschlands größtes Passivwohnhaus

04.02.2003 - (idw) Universität Wuppertal

Deutschlands größtes Passivenergie-Wohnhaus - 325 Appartements - entlastet die Atmosphäre um den Ausstoß von 680 Tonnen Kohlendioxid, was 150 Einfamilienhäusern entspricht.

Das Studentenwohnheim "Burse" des Hochschul-Sozialwerks Wuppertal, auf dem Hauptcampus der Universität Wuppertal in den Siebzigern gebaut, war vor seiner Modernisierung eine wahre "Energieschleuder". Der erste Bauabschnitt, fertiggestellt 2001, gewann wegen seiner gelungenen Architektur den Bundesbauherrenpreis und war bundesweit das erste Niedrigenergie-Studentenwohnheim. Mit dem zweiten Bauabschnitt der "Neuen Burse", der Anfang April fertig sein wird, werden erneut Maßstäbe gesetzt: Das Wuppertaler Studentenwohnheim wird mit 326 Appartements Deutschlands größtes Passivwohnhaus.

Passivhäuser? Sind das nicht diese Öko-Holzhäuser, in denen sich die Bewohner mit dem Stricken dicker Wollpullover warmhalten? Falsch. Passivhäuser sind Wohnhäuser, die einen Wärmebedarf von nur 15 Kilowattstunden pro Jahr pro Quadratmeter haben. Der Passivstandard des Gebäudes wird vor allem durch eine superdicke Dämmung und die Nutzung der Sonnenwärme durch große Fenster mit besonderen thermischen Eigenschaften erreicht. Für optimales Raumklima sorgt eine hochfein-dosierte Lüftung (wohlgemerkt keine Klimaanlage!). Wer es morgens im Bad ganz besonders mucklig warm haben möchte, der braucht nur den kleinen Heizkörper im Bad anzudrehen, den einzigen im ganzen Appartement.

Die ursprüngliche Burse, 1977 mit rund 600 Wohnplätzen eines der größten Studentenwohnheime überhaupt in Deutschland, war nach intensivster Nutzung baulich verbraucht und strukturell veraltet. "Sie drohte zum sozialen Brennpunkt zu werden und war eine Energieschleuder", so der Geschäftsführer des Hochschul-Sozialwerks Wuppertal, Fritz Berger-Marchand. Kleine Zimmer mit nur 12 Quadratmetern hatten keinerlei Infrastruktur, die Wohngruppen waren mit 16 Personen viel zu groß. Zentrale Gemeinschaftsküchen und Sanitäreinheiten für bis zu 32 Personen, fehlende Medienanschlüsse, kleine, wenig Sonne einlassende Fenster, all das entsprach zuzletzt längst nicht mehr den heutigen Anforderungen. Außerdem waren Fassaden und Dächer aufgrund konstruktiver Mängel undicht.

Die vom Hochschul-Sozialwerk Wuppertal beauftragten Architekten, das Wuppertaler Architekturkontor Michael Müller und Christian Schlüter sowie die Düsseldorfer Architekten Petzinka, Pink und Partner (bekannteste Projekte: Stadttor Düsseldorf, NRW-Landesvertretung Berlin, CDU-Bundesgeschäftsstelle Berlin) setzten mit dem ersten Bauabschnitt (9,9 Millionen Euro Baukosten) Maßstäbe, die 2001 mit dem Bundesbauherrenpreis sowie der "Auszeichnung Gutes Bauten 2000" bedacht wurden.

Die maroden Fassaden wurden dazu komplett entfernt, der alte Gebäudekern Stück für Stück abgetragen. Eine neue, hochgedämmte Fassade ließen die Architekten auf neuen Fundamenten gut zwei Meter vor die bisherige errichten. Dadurch konnten die nunmehr mit großen französischen Flügelfenstern, Parkettboden und superschneller Internetanbindung an das Hochschulrechenzentrum modern ausgestatteten Appartements eine Größe von knapp 20 Quadratmetern erreichen. Der erste Bauabschnitt erreichte bereits den sogenannten Niedrigenergiestandard - und wurde damit das erste Niedrigenergie-Studentenwohnheim in Deutschland.

Kann man auch ein mit dem Bundesbauherrenpreis ausgezeichnetes Bauwerk noch verbessern? Die Antwort der Planer: Wenn wir zur Verbesserung des Raumklimas eine zentrale, hochfein dosierte Lüftungsanlage einbringen, das Gebäude an Fassa-de und Fenstern noch stärker dämmen, dann erreichen wir Passivhaus-Standard und - können praktisch auf eine Heizungsanlage verzichten.

Warum Verbesserung des Raumklimas? Bei einer hochgedämmten Fassade kann es - bei falschem Lüftungsverhalten - zwei Probleme geben. Wird zu wenig gelüftet, entsteht im wahrsten Sinne des Wortes "Dicke Luft". Steht andauernd das Fenster offen, wird unnötig Energie verbraucht. Dies vermeidet eine zentrale Lüftung, die einen regelmäßigen und feindosierten Luftaustausch vornimmt. Mit einem umlaufenden Wärmedämmpaket, der Reduzierung des Holzanteils und der Vermeidung von Kältebrücken konnte der Dämmstandard beim zweiten Bauabschnitt noch einmal wesentlich erhöht werden. Spezielle, für Passivhäuser zertifizierte große Fenster mit überdämmtem Einbau stellen sicher, dass zwar ein Maximum an Sonnenenergie ins Studentenappartement hineinkommt, die Wärme jedoch nicht wieder ungewollt verpufft.

In jedem Appartement befindet sich nur ein einziger Heizkörper - und zwar im Bad. "Zur komfortablen Beheizung der Appartements ist der Einbau von Heizkörpern bei einem solchen Passivhausstandard eigentlich nicht erforderlich. In Verbindung mit der feindosierten und temperierten Lüftung ist immer eine angenehme Raumtemperatur gewährleistet. Mit dem kleinen Heizkörper im Bad kommen wir dem Bedürfnis der Bewohner entgegen, hier ganz ihrem persönlichen Wärmegefühl nachzugeben", erklärt dazu Architekt Dipl.-Ing. Michael Müller.

Dieser Energiestandard ist allerdings nicht zum Nulltarif zu haben. "Deshalb haben wir uns von den Fachleuten vor der Entscheidung für das Passivhaus in Machbarkeitsstudien und Wirtschaftlichkeitsberechnungen die langfristige Rentabilität nach-weisen lassen", betont Geschäftsführer Berger-Marchand. Den Mehrkosten für zentrale Lüftung und höhere Dämmung standen optimale Lufthygiene, noch geringere Heizkosten und Einsparungen beim Bau der Heizanlage gegenüber.

Durch den gegenüber der alten "Burse" auf unter 10 Prozent (!) gesenkten Energieverbrauch verringert sich der Kohlendioxid-Verbrauch drastisch: Pro Jahr wird durch die Beheizung des Passivhauses die Atmosphäre um 680 Tonnen Kohlendioxid weniger belastet. Anders ausgedrückt: Bei höchstem Wohn- und Energiestandard entlastet Deutschlands größtes Passivenergie-Wohnhaus die Atmosphäre damit - im Vergleich zum Altgebäude - um den CO-2-Ausstoß von 150 Einfamilienhäusern.

Deutschlands größtes Passivenergie-Wohnhaus wird zum 1. April bezugsfertig sein. Die Baukosten, getragen vom Land Nordrhein-Westfalen, liegen bei 12,6 Millionen Euro, die 326 Bewohner - 150 Studentinnen und Studenten haben sich schon vormerken lassen - zahlen für ihr Appartement dann 198 Euro monatlich inklusive Internetanschluß ans superschnelle Rechnernetz der Universität Wuppertal.

Kontakt:

Fritz Berger-Marchand, Hochschul-Sozialwerk Wuppertal
Telefon 0202/439-2561, -62
Michael Müller u. Christian Schlüter, ACMS,
Telefon 0202/450054
architektur.contor@wtal.de
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