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Friedrich Schleiermachers Vorlesungen über die Dialektik

07.02.2003 - (idw) Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften

Einladung zur Buch-Präsentation
am Donnerstag 27. Februar 2003, 14 Uhr im Akademiegebäude am Gendarmenmarkt, Jägerstraße 22/23, 10117 Berlin, Konferenzraum 2
mit
Prof. Dr. Kurt-Victor Selge (BBAW, Leiter der Schleiermacherforschungsstelle)
Dr. Claus-Jürgen Thornton (Verlag Walter de Gruyter)
Prof. Dr. Andreas Arndt (FU Berlin, BBAW-Schleiermacherforschungsstelle)

Die BBAW lädt Sie zur Vorstellung einer neuerschienenen kritischen Ausgabe ein:
"Vorlesungen über die Dialektik" von Friedrich Schleiermacher, herausgegeben von Andreas Arndt. Die Ausgabe ist Ende letzten Jahres im Verlag Walter de Gruyter erschienen.
Diese kritische Ausgabe der Wissenschaftslehre, für die Schleiermacher in Absetzung von Fichte den Titel "Dialektik" wählte, umfaßt sämtliche erhaltenen Manuskripte, nach denen diese Vorlesung in der Philosophischen Fakultät der Berliner Universität gehalten wurde (1811 bis 1831 und eine Ausarbeitung von 1832/33) sowie Nachschriften zu den Kollegien 1811, 1818/19 und 1822. Sie dokumentiert die Entwicklung und offenen Fragen dieser bedeutsamen Lehre vom Wissen im Urzustand der Überlieferung und ersetzt alle bisherigen Ausgaben, die weniger vollständig sind und verschiedene Materialien kompilieren. Nachschriften der Kollegien 1811 und 1818/19 werden erstmals ediert.

Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher (1768-1834) war nicht nur Neubegründer einer Religionsphilosophie (mit den Reden "Über die Religion. An die Gebildeten unter ihren Verächtern" 1799), Theologieprofessor (1804-06 in Halle, 1810-34 in Berlin) und reformierter Pfarrer (1796-1802 an der Charité, 1802-04 Hofprediger in Stolp/Pommern, 1809-34 an der Dreifaltigkeitskirche in Berlin-Mitte), sondern zugleich Wissenschaftstheoretiker. Als Mitglied der Königlichen Akademie der Wissenschaften (und Sekretar von deren historisch-philologischer, danach der philosophischen Klasse), las er neben seinen theologischen Kollegs fast in jedem Semester in der philosophischen Fakultät ein mehrstündiges Kolleg über ein philosophisches Thema. Bis heute berühmt ist er auf diesem Gebiet durch seine Plato-Übersetzung, die später mindestens in ihrer Reclamausgabe in allen gebildeten Häusern im Bücherschrank stand, durch seine gleichermaßen epochemachende Lehre von der Hermeneutik und durch seine Pädagogik. Als hermeneutischer Klassiker wirkt er von Wilhelm Dilthey bis über Hans Georg Gadamer hinaus bis in die Gegenwart nach. Verstärkte Aufmerksamkeit haben in den letzten Jahrzehnten aber auch seine Philosophische Ethik und seine Dialektik gefunden, in denen sein System der Natur- und der Vernunftwissenschaft seine Grundlegung findet. Seine Zeit ist die Epoche der idealistischen Wissenschaftssysteme von Fichte, Schelling und Hegel, denen er kritisch seinen eigenen, Spekulation und Erfahrung wechselseitig aufeinander beziehenden Entwurf gegenüberstellt.
Schleiermacher hat in der Umbruchzeit nach der von ihm als epochebildend begriffenen Aufklärungsrevolution und politischen Umwälzung für Kirche und Theologie, Wissenschaft und Staatsreform orientierend und praktisch handelnd gewirkt. Er war programmatisch und praktisch an der Durchführung der Union der beiden protestantischen Kirchen in Preußen beteiligt und hat neben seinem vollen akademischen Lehramt ein volles Pfarramt bekleidet, und er hat in seinen philosophischen und philologischen Vorträgen an der Universität und in der Akademie der Wissenschaften von der Seite der Geisteswissenschaft und der Wissenschaftstheorie her vor einer großen Hörerschaft gewirkt.
Im 20. Jahrhundert tritt zunächst die negative Auseinandersetzung mit ihm seit dem ersten Weltkrieg in den Vordergrund, seit etwa 1970 wurde sie durch eine Wiederbesinnung auf seine positiven Anregungen abgelöst. Diese Schleiermacherrenaissance hat sich auch in wesentlichen Teilen der Kulturwissenschaften eingestellt, in denen über die ungebrochene Nachwirkung seiner Hermeneutik und Pädagogik hinaus auch die anderen Gebiete seiner Philosophie, insbesondere die Ethik, Dialektik und Ästhetik Gegenstand vielfacher Studien geworden sind.

Diese Schleiermacherrenaissance hat die Anregung gegeben zu dem Projekt einer schon seit den zwanziger Jahren vergeblich geforderten neuen Kritischen Gesamtausgabe seiner Schriften. Die Ausgabe erscheint seit 1980 in fünf Abteilungen, von denen drei in Bearbeitung sind, eine vierte geplant ist: I. Schriften und Entwürfe, II. Vorlesungen, III. Predigten, IV. Übersetzungen, V. Briefwechsel und biographische Dokumente. Die Ausgabe wird an zwei Forschungsstellen in Berlin und Kiel unter der Betreuung durch die Berlin-Brandenburgische und die Göttinger Akademie der Wissenschaften bearbeitet. Von der in Kiel bearbeiteten I. Abteilung liegen bisher 12 Bände vor, sie wird in Kürze abgeschlossen sein; von der in Berlin bearbeiteten V. Abteilung wird der 6. Briefband (bis zum Jahr 1802) in diesem Jahr erscheinen. Zusätzlich hat die Berliner Forschungsstelle auf Anregung schon der Westberliner Akademie der Wissenschaften die II. Abteilung "Vorlesungen" eröffnet, von der Band 8 "Vorlesungen über die Lehre vom Staat" 1998 vorgestellt wurde; in Bearbeitung sind die Vorlesungen über das "Leben Jesu", über "Hermeneutik und Kritik", "Kirchengeschichte" sowie, von der DFG gefördert, über "Kirchliche Geographie und Statistik". Ebenfalls von der DFG gefördert, werden an der Universität Jena die Vorlesungen über "Pädagogik" und "Psychologie" bearbeitet.
Nachdem die finanzielle Förderung der Berliner Forschungsstelle durch die Evangelische Kirche der Union und die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg 1999 eingestellt worden war und nur für die Jahre 2000 und 2001 noch ein kleiner Förderbetrag zur Verfügung gestellt wurde, war es der BBAW gelungen, den Berliner Teil der Schleiermacherforschung ab Januar 1999 in das Akademienprogramm der BLK zu übernehmen. Allerdings wurden Mittel zunächst nur für die Fortführung der Briefausgabe zur Verfügung gestellt. Für die Edition der Vorlesungen wurde die gleiche Lösung angestrebt, die allerdings bis heute nicht realisiert werden konnte. Als Überbrückung wurden bis 2004 DFG-Mittel eingeworben.

Friedrich Schleiermachers Vorlesungen über die Dialektik, zu deren Präsentation eingeladen wird, entwerfen eine Theorie des werdenden Wissens, die sich als grundsätzliche Alternative zu den Systembildungen der nachkantischen Philosophie um 1800 und namentlich zu Fichtes "Wissenschaftslehre" versteht. Ihr Ausgangspunkt ist die Einsicht, daß keines der konkurrierenden Systeme seinen ausschließenden Anspruch auf Gültigkeit realisieren könne und daher bis auf weiteres eine Pluralität philosophischer Ansätze unhintergehbar sei. In dieser Situation komme es allererst darauf an, sich über die Regeln des Streits über die Prinzipien der Philosophie zu verständigen, um zu einem streitfreien Denken zu gelangen. Die Kunstlehre, wie dieser Streit auf dem Gebiet des reinen Denkens zu führen sei, bezeichnet Schleiermacher in Anlehnung an Platon als Dialektik; sie umfaßt die sich aus den Bedingungen des Streits ergebenden transzendentalen Voraussetzungen des Wissens ebenso wie die technischen Regeln zur Produktion des Wissens. Die Vorlesungen über die Dialektik hatten eine kaum zu überschätzende Wirkung, obwohl Schleiermacher eine geplante Bearbeitung für den Druck nicht abschließen konnte; sie beeinflußten - von Trendelenburg bis Feuerbach - wesentlich die Hegel-Kritik nach 1831.


"Vorlesungen über die Dialektik" der "Kritische Gesamtausgabe Friedrich Schleiermachers"
Abt. II: Vorlesungen, Bd. 10/Tlbd. 1+2, Tlbd1: LXXXVIII, 426 S. Tlbd 2: 815 S. Leinen. Hrsg. v. Andreas Arndt, ISBN 3-11-017209-7 ist zum Preis von Euro 368,- im Buchhandel erhältlich.

Im Anschluß an die Präsentation besteht Gelegenheit zu Gesprächen bei einem kleinen Imbiß.
- mit freundlicher Unterstützung des Verlags Walter de Gruyter -


Informationen erteilt:
Akademienvorhaben "Schleiermacher: Kritische Gesamtausgabe", Frau Lüke, Tel: 030/20 370 567.
Anmeldung unter Tel: 030/20 370 245, Frau Künzel bzw. email: kuenzel@bbaw.de erbeten
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