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Erziehungswissenschaftler begleiten die Einführung eines Qualitätsmanagementmodells

08.01.2007 - (idw) Eberhard Karls Universität Tübingen

Wie in vielen anderen Branchen soll auch die Qualität von Weiterbildungseinrichtungen durch ein Qualitätsmanagement und Kontrollinstrumente gesichert werden. 2003 beschlossen Bund und Länder die Einführung des Modells "Lernerorientierte Qualitätstestierung in der Weiterbildung" (LQW 2). Der Lehrstuhl Erwachsenenbildung/Weiterbildung der Universität Tübingen evaluiert die Implementierung des Modells in das System der Weiterbildung. Pressedienst Forschung Aktuell 1/2007

Ein Tüv für die Weiterbildung

Ein Qualitätsmanagement und eine Qualitätskontrolle sind in vielen Firmen längst etabliert, etwa bei der Herstellung von Strümpfen, Schrauben oder Autos. Die Anforderung, ein Qualitätsmanagement einzuführen, wurde vor einigen Jahren auch an eine Branche herangetragen, bei der sich die Produkte nicht mit dem Zollstock oder durch einen Belastungstest messen lassen: Weiterbildungseinrichtungen. Im Bundesland Bremen ist für öffentlich geförderte Einrichtungen eine Qualitätssicherung sogar gesetzlich vorgeschrieben. Abgestimmt auf die Anforderungen in Weiterbildungseinrichtungen, wie zum Beispiel Volkshochschulen, Sprachschulen oder Fortbildungsabteilungen von Unternehmen, wurde die "Lernerorientierte Qualitätstestierung in der Weiterbildung" (LQW 2) entwickelt. LQW 2 wird in einem Bund-Länder-Verbundprojekt seit dem 1. Juni 2003 bundesweit in Einrichtungen der Weiterbildung eingeführt. Dr. Stefanie Hartz vom Lehrstuhl Erwachsenenbildung/Weiterbildung am Institut für Erziehungswissenschaft der Universität Tübingen hat unter der Leitung von Prof. Dr. Josef Schrader die wissenschaftliche Verantwortung für ein Projekt, in dem die Einführung von LQW 2 in Weiterbildungseinrichtungen prozessbegleitend evaluiert wird. Den Auftrag dazu hat das Tübinger Institut vom Deutschen Institut für Erwachsenenbildung (DIE) in Bonn erhalten. Die vollständige Auswertung der Studie steht noch aus. Erste Ergebnisse und Trends zeichnen sich bereits jetzt ab.

"Am Anfang der Qualitätsmanagementdebatte hat man versucht, die aus der Industrie bekannte ISO-Norm auch auf Weiterbildungseinrichtungen zu übertragen", berichtet Stefanie Hartz. "Doch die Wirkungen blieben hinter den Erwartungen zurück." Das habe auch daran gelegen, dass die ISO-Normverfahren sehr "mechanisch" wirkten, die Sprache sehr technisch sei, das sei bei den Pädagogen auf Ablehnung gestoßen. LQW 2 beziehungsweise ihr Vorgänger LQW 1 wurden sowohl in Anlehnung an die internationale ISO-Norm als auch an das weniger verbreitete Zertifikat der EFQM (European Foundation for Quality Management) entwickelt. "EFQM ist selbstevaluativ, die Betonung liegt auf dem Prozess", sagt die Forscherin, "während ISO Fremdevaluation forciert". LQW verbindet selbst- und fremdevaluative Elemente. Die branchenbezogene Übersetzung für Weiterbildungseinrichtungen hatten zunächst vor allem Praktiker und Wissenschaftler in Niedersachsen mit einem Pilotprojekt vorangetrieben - ein Qualitätsmanagement für die Branche von der Branche. Andere Länder sind darauf aufmerksam geworden. Auch die so genannten Hartz-Verordnungen zur Reform des Arbeitsmarktes - mit denen die Forscherin allerdings nichts zu tun hat - erkennen LQW 2 als relevantes Qualitätsmanagementsystem an.

LQW 2 können so unterschiedliche Einrichtungen wie Personalentwicklungsbetriebe, der Kirche nahe stehende Einrichtungen, Privatinstitute, gemeinnützige Betriebe und Landesförderungen einführen. "In der praktischen Testphase waren mehr als die Hälfte der Einrichtungen Volkshochschulen", sagt die Wissenschaftlerin. Dies hänge auch damit zusammen, dass LQW in einem volkshochschulnahen Milieu entwickelt wurde. Am Anfang der Einführung von LQW 2 steht eine Analyse der Stärken und Schwächen, die die Weiterbildungseinrichtung selbst vornimmt. Ein Leitbild muss erstellt und vor allem auch eine Definition gelungenen Lernens entwickelt werden - denn darauf baut das lernerorientierte Qualitätsmanagement auf. "Gelungenes Lernen kann bei einer berufsnahen Fortbildung zum Beispiel die Vermittlungsquote der Absolventen auf dem Arbeitsmarkt sein, während bei einem privaten Institut beispielsweise auch die Lernatmosphäre und deren Bewertung durch die Lernenden eine Rolle spielen kann", erklärt Stefanie Hartz. An der einrichtungsindividuellen Justierung setze auch eine Kritik an LQW 2 an: ein Testat können alle diese Einrichtungen erhalten, vergleichbar ist der durchlaufene Prozess, vergleichbar sind nicht die konkreten, zur Qualitätssicherung initiierten Maßnahmen. "In positiven Fällen lief die Entwicklung des Leitbilds basisdemokratisch, sowohl mit den Pädagogen als auch den Verwaltungsmitarbeitern. In anderen Einrichtungen, die besonders stark unter Zeitdruck stehen, hat der Geschäftsführer einfach das Leitbild formuliert und vorgegeben." In der Entwicklungsphase müssen die Maßnahmen geplant und durchgeführt werden, ein Selbstreport wird erstellt. Am Schluss des Prozesses steht die Prüfung, an deren Ende bei Erfolg das Testat steht. Der Einführungsprozess von LQW 2 ist auf ein Jahr festgelegt, die Testierung muss alle vier Jahre wiederholt werden.

An der Einführung von LQW 2 haben zunächst 286 Weiterbildungseinrichtungen teilgenommen - in Baden-Württemberg nur eine einzige. Für die Implementierung von LQW 2 in das System der Weiterbildung wurden bundesweit sechs Unterstützungseinrichtungen etabliert. "Sie erklären vor Ort, wie man mit dem Modell umgehen sollte. Sie machen vor allem auch in zurückhaltenden Bundesländern wie Baden-Württemberg und Bayern Werbung", sagt Stefanie Hartz. Für die Evaluation der Implementierung von LQW 2 hat sie verschiedene Handlungsebenen in dem Prozess zu jeweils zwei Messzeitpunkten untersucht: auf der Ebene der Gesellschaft wurden Vertreter der Landesministerien, der Testierungsstelle sowie der Gutachter und Berater zunächst zu ihren Erwartungen befragt, auf der Vernetzungsebene die Zentralstelle im DIE sowie die regionalen Unterstützungsstellen. In den Weiterbildungseinrichtungen selbst - auf der Ebene der Organisationen - wurden zum ersten Messzeitpunkt im Sommer 2004 mit Hilfe von Fragebögen Daten zu ihrem Qualitätsverständnis, dem Entwicklungsbedarf der Einrichtung, den Erwartungen an LQW 2 und den Teilnahmemotiven erhoben. Darüber hinaus wurden Einrichtungen befragt, die ihre Teilnahme zunächst zu- und dann wieder abgesagt haben, und solche, die sich für ein anderes Testierungssystem entschieden hatten. Auf der Interaktionsebene gingen die Fragen der Wissenschaftler direkt an die Mitarbeiter und die Teilnehmenden von Weiterbildungseinrichtungen. Hier ist die Studie zusätzlich explorativ angelegt an drei Weiterbildungseinrichtungen, einer privatwirtschaftlichen und zwei großstädtische Volkshochschulen.

Zum zweiten Messzeitpunkt wurden abermals alle Ebenen einbezogen. Die LQW 2-Testierung sollte dafür in der Einrichtung abgeschlossen sein, um die Wirkungen abfragen zu können. "In der Praxis mussten wir diese Daten von August 2005 bis heute erheben, da es in vielen Einrichtungen Verzögerungen bei der Einführung gab", sagt Stefanie Hartz. Zwar sind noch immer einige Einrichtungen im Prozess, in der Summe haben das Testat aber alle Weiterbildungseinrichtungen erreicht - bis auf eine. Dies zeuge von der Entwicklungsorientierung des Modells. "Als positiven Effekt von LQW 2 konnten wir feststellen, dass die Kommunikation zwischen den Mitarbeitenden unterschiedlicher Positionsebenen der Einrichtungen besser geworden ist, die Verwaltungen wurden deutlich aufgewertet", sagt sie. LQW 2 könne Prozesse ordnen, zum Beispiel das Beschwerdemanagement optimieren. "Insgesamt waren aber die Erwartungen höher als die Wirkungen. An das Lehren, das Lernen und die Lernenden, die ja im Mittelpunkt des Qualitätsmanagements stehen sollen, kommt man damit nicht wirklich heran", sagt die Forscherin. Die Ergebnisse ihrer Untersuchungen gibt sie an das DIE zurück, damit die Leitlinien und Empfehlungen für die Einführung von LQW 2 verbessert werden können. Für die Weiterbildungseinrichtungen sei die Einführung eines Qualitätsmanagements wichtig, bedeute aber keinen Marktvorsprung, sagt Stefanie Hartz, "es ist mehr eine 'Eintrittskarte zum Mitspielen'". (7648 Zeichen)

Nähere Informationen:

Das BLK-Verbundprojekt "Qualitätstestierung in der Weiterbildung" wird gefördert mit Mitteln des Bundesministeriums für Bildung und Forschung, des Europäischen Sozialfonds und des Ministeriums für Wissenschaft, Wirtschaft und Verkehr des Landes Schleswig-Holstein.

Dr. Stefanie Hartz
Institut für Erziehungswissenschaft
Münzgasse 11
72070 Tübingen
Tel. 0 70 71/2 97 28 68
Fax 0 70 71/29 51 40
E-Mail stefanie.hartz@uni-tuebingen.de


Der Pressedienst im Internet: http://www.uni-tuebingen.de/uni/qvo/pd/pd.html

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Verantwortlich für diese Ausgabe: Janna Eberhardt
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