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Unterricht in der Altenpflege: Sensibel für Herkunft aus fremden Kulturen

13.02.2003 - (idw) Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg

Was hat die Altenpflege in Deutschland mit Menschen zu tun, die aus anderen Ländern stammen? Sie kehren als Rentner sowieso in ihre Heimat zurück. Oder sie haben intakte Familienstrukturen, von denen sie aufgefangen werden, und können auf professionelle Hilfe verzichten. Derartige Einschätzungen, obwohl teilweise von Fachleuten vertreten, sind kurzsichtig: Migrantinnen und Migranten in wachsender Zahl werden ihren Lebensabend hier verbringen. Sie brauchen fachkundige Pflege und haben Anspruch darauf. Sind die Pflegenden auf diese Klienten nicht vorbereitet, dann sind Missverständnisse und Enttäuschung auf beiden Seiten vorprogrammiert. Das Sozialwissenschaftliche Forschungszentrum (SFZ) der Universität Erlangen-Nürnberg hat auf die absehbare Entwicklung reagiert und Unterrichtsmaterialien erarbeitet, die ab Februar 2003 jeder Altenpflegeschule in Bayern zur Verfügung stehen.


Margarete und Konrad G., beide achtzigjährig, sind vor 13 Jahren von der Wolga nach Deutschland gekommen. Hier leben auch die zwei Söhne und zwei Töchter, die ihnen von elf Kindern geblieben sind.
Osman B., 69, reiste 1969 als Arbeitsmigrant von der türkischen Schwarzmeerküste ein. Als Rentner kümmert er sich um seine zwei Jahre ältere, stark geh- und sehbehinderte Frau Mevlüde. Entstanden ist der Plan des Teams um Prof. Dr. Manfred Stosberg während eines Vorläuferprojekts zur Verbesserung der Pflege ausländischer Patientinnen und Patienten in deutschen Krankenhäusern. "Für eine Auseinandersetzung der Pflegenden mit dem Thema gab es kaum geeignetes Schulungsmaterial", erinnert sich die Projektkoordinatorin Ulrike Krämer. Die Erfahrung mündete in der Idee, einen Film zu produzieren, um die Lücke zu schließen. Er sollte informativ sein und zudem die Neugier wecken und die Einfühlung anregen. Im Endprodukt sind Biographien und Interviews mit Expertinnen, Kurzreportagen und Praxisberichte, ergänzende Texte und Unterrichtshilfen, wie Anleitungen zum Rollenspiel, auf einer DVD aufgezeichnet.

Der Dokumentarfilm "Die Wolken, sie ziehen dahin" stellt zum Einstieg die Situation zweier Rentnerpaare in Deutschland vor, von denen eines aus der Türkei, das andere aus Kasachstan zugewandert war. Der türkische Ehemann sorgt zu Hause für seine pflegebedürftige Frau; ihre Kinder sind ausgezogen. In der Aussiedlerfamilie, wo drei Generationen unter einem Dach leben, pflegt die Tochter ihre hochbetagten Eltern. Über zwanzig Minuten werden der Umgang mit Alter und Krankheit, der Weg durch den Dschungel der Pflegeversicherungs-Regelungen und die hinderlichen Verständigungsprobleme auf diesem Weg, der Bedarf an Hilfe und Beratung an Hand der zwei Beispiele geschildert; religiöse Praktiken, kulturelle Besonderheiten, familiäre Netzwerke werden thematisiert und Fragen danach aufgeworfen, was das Herkunftsland den älteren Menschen bedeutet und inwiefern ein Ort, der immer noch fremd, aber trotzdem schon zweite Heimat ist, einen erfüllten und gesicherten Lebensabend versprechen kann.
Ergänzende Kurzfilme beleuchten Themen wie Sprache und Kommunikation, Sterben, Tod und Trauer, die Bedeutung der Religion für Alltag und Pflegepraxis oder typische Migrationsbiographien. Zwei türkische Rentnergruppen in Nürnberg berichten von dem, was sie beschäftigt. Ein Seniorenzentrum in Duisburg wird als Modell für kultursensible Altenpflege gezeigt. Es geht um Essgewohnheiten, um Vorurteile und Stereotype, um die Grenzen dessen, was mit Gesten, mit Händen und Füßen ausgedrückt werden kann. Die Ausbildung soll den Pflegenden vermitteln, dass negative Gefühle erlaubt und als Ansätze zur Konfliktlösung nutzbar sind, dass andere Normen anzuerkennen nicht heißt, sie zu übernehmen, und dass Kompromisse zu finden erlernt werden kann. Die Sensibilisierung für die Lage pflegebedürftiger Migrantinnen und Migranten hilft nicht nur diesen, sie erleichtert auch die Arbeit des Pflegepersonals.

Zu dem filmischen Material von insgesamt etwa 90 Minuten kommen Texte, die ausgedruckt und vervielfältigt werden können. Der DVD-Datenträger ermöglicht es, auf jeden einzelnen Film- bzw. Textteil schnell und direkt zuzugreifen und themenbezogene Kombinationen nach Wunsch herzustellen. Für die Produktion kooperierte das Team, dem Ulrike Krämer und Dr. Gaby Voigt vom SFZ und Johanna Myllymäki-Neuhoff vom Diakonischen Werk Neuendettelsau angehören, mit den Filmemachern Jochen Menzel und Gülseren Suzan-Menzel von transfers-film. Das bayerische Arbeits- und Sozialministerium hatte in Abstimmung mit dem Kultusministerium den Auftrag erteilt und die Finanzierung gesichert; Zuschüsse kamen vom Seniorenamt und dem Ausländerbeirat der Stadt Nürnberg. Die DVD mit dem Titel "Wenn ich einmal alt bin" ist im Oktober letzten Jahres mit dem Münchner Pflegepreis 2002 ausgezeichnet worden.

Weitere Informationen

Ulrike Krämer M.A.
Projektkoordinatorin
Sozialwissenschaftliches Forschungszentrum
Tel.: 0911/5302 -648
ulrike.kraemer@.wiso.uni-erlangen.de
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