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Der Suchtgefährdung mit neuen Präventionskonzepten und Therapiemethoden entgegenwirken

18.02.2003 - (idw) Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf

Kongress "Süchtige Kinder und Jugendliche - Prävention und Therapie des Substanzmissbrauchs", 19. bis 21. Februar 2003 in Hamburg

Junge Menschen geraten immer früher mit Suchtmitteln in Kontakt, das Einstiegsalter sinkt. Zeitgleich nehmen bei den Jugendlichen in West- und Ostdeutschland riskante Konsumformen mit teilweise erheblichen gesundheitlichen Folgen zu. Heute stellen die Suchtstörungen eines der zahlenmäßig größten Risiken für die altersgerechte Entwicklung und Gesundheit im Kindes- und Jugendalter dar.

Auf diese, in mehreren Studien gut dokumentierte Realität will der Kongress "Süchtige Kinder und Jugendliche - Prävention und Therapie des Substanzmissbrauchs" aufmerksam machen, der vom 19. bis 21. Februar 2003 in Hamburg stattfindet. Veranstalter sind die Drogenambulanz für Jugendliche und junge Erwachsene und die Kinder- und Jugendpsychiatrie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE). Der Kongress wird geleitet von Professor Dr. Rainer Thomasius (Drogenambulanz) und Professor Dr. Schulte-Markwort (Kinder- und Jugendpsychiatrie).

Auf dem Kongress werden sich führende Vertreter aus Epidemiologie, Entwicklungspsychologie, Kinder- und Jugendpsychiatrie, Suchtmedizin, Sozialwissenschaft und Pädagogik mit dem aktuellen Wissensstand über Formen, Verbreitung, Risiken und Prävention des Substanzmissbrauchs im Kindes- und Jugendalter beschäftigen.

Ein zentrales Anliegen der Veranstalter besteht darin, neue Präventionskonzepte und Therapiemethoden auf dem dreitägigen Kongress zu erörtern. "Die vorbeugenden Maßnahmen und Ausstiegshilfen für suchtgefährdete Kinder und Jugendliche weisen in Deutschland erhebliche Mängel auf", sagen die Professoren Thomasius und Schulte-Markwort. Konzepte für Erwachsene dürften nicht einfach auf Kinder und Jugendliche übertragen werden. Strategien zur Reduzierung des Risikos einer Gesundheitsgefährdung durch eine Anleitung zum "sicheren Substanzgebrauch" seien für suchtgefährdete Kinder und Jugendliche ungeeignet, weil sie eine Entscheidungsfreiheit für oder gegen den Konsum voraussetzen würden. Suchtgefährdete Kinder und Jugendliche würden über diese Option aber nicht verfügen. "Diese Jugendlichen konsumieren nicht, um Spaß zu haben, sondern sie versuchen, mit dem Suchtmittel ihre persönlichen Schwächen und Konflikte zu bewältigen."

Deshalb fordern die Wissenschaftler, der Aufklärung über die Gesundheitsgefahren durch einen Substanzmissbrauch zukünftig einen deutlich höheren Stellenwert beizumessen, aber auch, qualifizierte Ausstiegshilfen für suchtgefährdete Kinder und Jugendliche bereitzuhalten. Es müssten geeignete Ansätze entwickelt, erprobt und umgesetzt werden, die den besonderen Entwicklungsanforderungen und Problembelastungen suchtgefährdeter Kinder und Jugendlicher gerecht werden.

Im Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf sind in den letzten Jahren derartige Ansätze modellhaft durchgeführt worden. In der Drogenambulanz für Jugendliche und junge Erwachsene, deren Behandlungsangebot in Deutschland einmalig ist, werden jährlich zwischen 600 und 800 Behandlungsfälle dokumentiert. Etwa 70 Prozent der behandlungssuchenden Patienten sind Konsumenten von Partydrogen. Anlass für die Vorstellung sind klinisch manifeste, durch Partydrogen ausgelöste Angst-, Antriebs- und Leistungsstörungen sowie drogeninduzierte Psychosen. Bei schweren Ecstasykonsumenten werden zusätzlich Störungen der Hirnfunktion diagnostiziert. Mit einzel-, gruppen- und familientherapeutischen sowie psychiatrischen Ansätzen werden sehr hohe Erfolgsquoten erzielt.

In einer bisher unveröffentlichten Studie, die von 1995 bis 2002 durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert wurde, wurde belegt, dass sich die Suchtproblematik bei 61 Prozent der Patienten, die sich einer Familientherapie unterzogen hatten, deutlich gebessert hatte. Auch die familiären Konflikte waren im Verlauf der Therapie deutlich zurückgegangen. Bei der Therapie wird auf Abstinenz hingearbeitet; Drogen werden nicht substituiert. An der Therapie nimmt nicht nur der junge Abhängige selbst, sondern auch seine Familie teil.

Bereits vor drei Jahren hatte die Forschungsgruppe um Thomasius in einer interdisziplinären Studie, die im Auftrag des Bundesministeriums für Gesundheit (BMG) im UKE durchgeführt wurde, nachweisen können, dass die synthetische Droge Ecstasy bei dauerhafter Einnahme zu Schäden der Gedächtnisfunktion und zu psychischen Störungen führt. Noch bis 2003 erforschen die Wissenschaftler im UKE im Auftrag des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) die Frage, ob sich diese Schäden bei Abstinenz zurückbilden oder ob es sich um bleibende Schäden handelt.

Mit diesen und weiteren Projekten im UKE sind in den vergangenen Jahren wichtige Impulse für die Suchtmedizin und Therapieforschung gegeben worden. Diese Position soll zukünftig noch erweitert werden. Anlässlich des Kongresses wird auf Initiative von Frau Angelika Jahr ein Verein für suchtgefährdete Kinder und Jugendliche gegründet, der das Ziel verfolgt, besondere UKE-Projekte in den Bereichen der Behandlung, Prävention und Erforschung des Substanzmissbrauchs dieser Altersgruppe zu fördern.

In Deutschland hat der Konsum von Partydrogen ein bisher unbekanntes Ausmaß erreicht. Das geht aus der "Repräsentativerhebung zum Gebrauch psychoaktiver Substanzen" des Instituts für Therapieforschung in München hervor. Die höchsten Steigerungsraten bei den Partydrogen beziehen sich auf die Droge Cannabis. In den vergangenen vier Jahren stieg die persönliche Erfahrung mit Cannabis von 24 auf 38 Prozent in der Gruppe der 18- bis 24-Jährigen (Westdeutschland) beziehungsweise von 13 auf 29 Prozent (Ostdeutschland) an. Ecstasy haben in dieser Altersgruppe in Westdeutschland 5,5 Prozent (in Ostdeutschland 6,5 Prozent bei den 18- bis 29-Jährigen) mindestens einmal konsumiert. In bestimmten Jugendgruppierungen geben sogar zwischen 30 und 95 Prozent an, vor kurzer Zeit Partydrogen genommen zu haben. Anlass zur Sorge gibt auch der Umstand, dass bereits 16 Prozent der 12- bis 18-Jährigen Cannabis konsumieren und schon bei den jungen Drogenkonsumenten Häufigkeit und Intensität des Konsums in den letzten Jahren stark zugenommen haben. Zur selben Zeit ist die Zahl Hilfe suchender Partydrogenkonsumenten in den ambulanten Beratungs- und Behandlungsstellen im Jahr 2001 stark angestiegen, wie aus dem Bericht zur Drogensituation in Deutschland der Europäischen Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht hervorgeht.

Weitere Informationen bei:

Prof. Dr. Rainer Thomasius, Tel. 040/42803-2206, und
Prof. Dr. Michael Schulte-Markwort, Tel. 040/42803-5113.
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