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"Work must pay!": Fünf Antworten aus der Forschung zum Thema Mindestlohn

23.02.2007 - (idw) Universität Hohenheim

Großbritannien macht's vor: Der Mindestlohn als Erfolgsstory. Wie Deutschland es auch schaffen kann, klärt Dr. Stephan Seiter, Ökonom der Universität Hohenheim. Kritiker des Mindestlohnes befürchten, dass er zum Abbau von Arbeitsplätzen und zur Abwanderung deutscher Unternehmen ins Ausland führen könnte. Was sagt die Wissenschaft?
DR. SEITER: Die Politik sollte sich im Klaren sein, dass Mindestlöhne ein nicht unerheblicher Eingriff in den freien Markt sind und Konsequenzen haben. Idealerweise orientieren sich die Löhne am Markt, z.B. an der Qualifikation des Arbeitnehmers, und daran, wie anstrengend die Arbeit ist. So ist es nachvollziehbar, dass beispielsweise eine Friseurin weniger als ein Stahlarbeiter verdient. Es gibt zwar viele Untersuchungen, die sich mit der Arbeitsmarktproblematik befassen, jedoch ist es sehr schwierig, aufgrund des komplexen Wirtschaftsgefüges ein einheitliches Bild zu bekommen. In der Wissenschaft ist es ähnlich wie in der Politik, auch hier ist der Mindestlohn sehr umstritten. In Großbritannien scheint die Einführung des Mindestlohns positiv gewirkt zu haben.

Was können wir von den Briten lernen?
DR. SEITER: Entscheidend für die Akzeptanz und die Wirksamkeit von Mindestlöhnen ist die Gestaltung des Einführungsprozesses. Das hat Großbritannien 1999 mit der Einführung des Mindestlohns geschafft. Durch eine zielorientierte sachliche Diskussion haben es die Briten möglich gemacht. Eine Kommission, die "Low Pay Commission", in der Vertreter aus Wirtschaft, Wissenschaft und Gewerkschaften zusammenarbeiten, übt einen wesentlichen Einfluss auf die Mindestlohngestaltung aus. Jährlich gibt die Kommission einen Bericht heraus, in dem sie die Wirkungen des Mindestlohns auf die Gesamtwirtschaft und den Niedriglohnsektor veröffentlicht. Die Beschäftigten können mit einem Mindestlohn von umgerechnet zirka 7,35 Euro rechnen. Insgesamt ist seit der Einführung die Arbeitslosigkeit zurückgegangen, wobei dies aber primär auf das anhaltende Wirtschaftswachstum zurückzuführen ist. Man kann trotzdem sagen, dass die Einführung in Großbritannien eine gewisse Erfolgsstory ist.

Wie weit sind wir von britischen Verhältnissen entfernt?
DR. SEITER: In Deutschland ist stellenweise eine Entwicklung zum Lohndumping zu erkennen, wie z.B. in Regionen, in denen es ein zentrales Unternehmen gibt, das durch seine Monopolstellung eine so genannte Lohnsetzungsmacht besitzt. Diese Unternehmen können einen niedrigen Lohn festlegen und die Arbeitnehmer werden dann nicht nach ihrer Qualifikation und ihrem Arbeitsaufwand bezahlt. In solchen Fällen wäre ein Mindestlohn sicherlich von Vorteil und könnte sich möglicherweise auch positiv auf die Beschäftigungsentwicklung auswirken. Die deutsche Politik sollte sachlich über das Thema diskutieren und es sollten klare Vorstellungen und Ziele über die Einführung heraus gearbeitet werden. Wenn man dann soweit ist, sollte aber klar sein: Die Konsequenzen, die daraus resultieren können, muss man eben auch akzeptieren.

Bislang konnten sich die Befürworter noch nicht einmal auf ein einheitliches Modell zum Mindestlohn einigen: Manche Gewerkschaften fordern 7,50 Euro, die Linkspartei ist sogar für 9,00 Euro und Peter Bofinger, einer der Wirtschaftsweisen, steht für das Kombilohn-Modell ein. Wie beurteilen sie die Modelle?
DR. SEITER: Peter Bofinger geht davon aus, dass der Staat das Existenzminimum seiner Bürger sichern soll. Ein Mindestlohn, der sich an dem Existenzminimum Arbeitslosengeld II (ALG II) orientiert, wird dabei festgelegt. Bei Kombilohn-Modellen soll die Differenz zwischen dem bezahlten Lohn und dem als Minimum betrachteten Betrag durch staatliche Maßnahmen ausgeglichen werden. Dies bezieht sich vor allem auf Branchen mit wenig qualifizierten Beschäftigten und Branchen, denen es wirtschaftlich nicht so gut geht. Eine Kontrolle, dass die Unternehmen dieses Modell nicht ausnutzen, ist allerdings schwierig oder fast unmöglich. Bofinger appelliert hier an die Moral der Unternehmer. Bei einem Mindestlohn ab 7,50 Euro könnten insgesamt 2,4 Millionen Beschäftigte nach einer Studie des WSI mit einer Lohnerhöhung rechnen. Vor allem der Niedriglohnsektor, das heißt gering Qualifizierte, Jugendliche und Frauen, letztlich auch der Staat, könnten davon profitieren. Das Nachsehen haben allerdings die Unternehmen, die mit entsprechenden Zusatzkosten rechnen müssten. Ein Rezept für den Mindestlohn gibt es nicht, man könnte sich höchstens an Ländern wie Großbritannien orientieren, die diesen vorbildlich eingeführt haben.

Was ist ihr Appell an die Politik und die Wirtschaft?
DR. SEITER: Für die Beschäftigten in der Bundesrepublik sollte eine Mindestsicherung gewährleistet sein. Jeder Beschäftigte sollte sich seinen Lebensunterhalt durch seine Arbeit finanzieren können. Im Englischen gibt es dafür den Satz: "Work must pay!" Darum ist es wichtig, dass Arbeitnehmer einen entsprechenden Lohn für ihre Arbeit bekommen. Grundsätzlich sollte sich die Entlohnung am Leistungsprinzip orientieren. Sie sollte allerdings finanzierbar sein, dabei Gleiches gleich behandeln und die ökonomische und soziale Realität nicht aus den Augen verlieren. Der Staat ist gefordert, Anreize für die Unternehmen und die Arbeitskräfte zu schaffen, damit sich Arbeit wieder lohnt. Die Lösung dieser Probleme könnte einfacher sein, wenn sich Politik und Wirtschaft in die Situation eines Arbeiters hinein versetzen würden.


Zur Person:
Dr. Stephan Seiter, wissenschaftlicher Angestellter am Institut für Volkswirtschaftslehre, Promotion und Habilitation an der Universität Hohenheim. Forschungsschwerpunkte: Wachstums- und Konjunkturtheorie, Wirkungen neuer Technologien auf den Arbeitsmarkt.

Kontaktadresse (nicht zur Veröffentlichung):
Dr. Stephan Seiter, Universität Hohenheim, Fachgebiet VWL - insbesondere Wirtschaftstheorie I
Tel.: 0711 459-22594, E-Mail: seiter@uni-hohenheim.de

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