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Symposium "Krieg und Vertreibung in Europa"

13.04.2007 - (idw) Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf

"Krieg und Vertreibung. Interventionen von Kunst, Medien und Wissenschaft", so lautet der Titel eines Symposiums, das die Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf vom 15. bis 17. April 2007 durchführt. Organisiert wird die Veranstaltung, eine Kooperation mit dem "K20. Kunstsammlung NRW" in Düsseldorf, von Prof. Dr. Vittoria Borsò, Romanistin und Prorektorin für internationale Angelegenheiten, und Prof. Dr. Dr. h.c. Detlef Brandes (Institut für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa). Die Tagung findet im Trinkaus-Auditorium des "K20" statt.

Kriege sind heute auch Kämpfe um die Bilder in den Medien. Gerade deshalb sind Medien keineswegs nur Beobachter des Kriegsgeschehens. Diese These unterstreicht das Symposium mit dem Begriff "Interventionen". Wie intervenieren heutige Massenmedien im Kontext von Kriegen und ihren Folgen? Dabei bleibt das Verhältnis zwischen den tatsächlichen Zielen der Parteien und der medialen Darstellung in den Kriegen der 1990er Jahre höchst umstritten. Wissenschaftler, Schriftsteller, Künstler haben früh Stellung genommen und stehen heute vor der Frage, ob sie ihre Urteile korrigieren müssen. Und schließlich zur Gegenwart: Wie intervenieren Künstler und Intellektuelle im Kontext eines Terrorismus, der sich der globalen wie lokalen Medien bedient? Das Verlangen nach political correctness scheint im Gegensatz zur Freiheit zu stehen, Minderheitenpositionen zu beziehen. Was kann, was darf also Kunst angesichts von Krieg, Vertreibung und Terror?

Zur Diskussion solcher Fragen wurden eingeladen:
o Historiker und Politologen,
o Journalisten, Medien- und Literaturwissenschaftler
o Ausstellungsmacher, darstellende Künstler und Schriftsteller.

In seinem Eröffnungsvortrag "Where is the Truth? How to Avoid Being a Victim of Propaganda in Wartime" spricht der Journalist und Schriftsteller Phillip Knightley über das Opfer der Wahrheit in Zeiten des Krieges, in denen die Berichterstatter unter dem Druck der medialen Strategien der Kriegsparteien stehen, aber auch über die Möglichkeiten, sich diesem Druck zu entziehen.

Die Urkatastrophe des Ersten Weltkriegs hat durch seine Rezeption in der Kunst, vor allem in der Literatur, Eingang in die kollektiven Erinnerungen gefunden. Dieses grundsätzliche Problem wird anhand der Präsentation durch das Medium des Museums besprochen. Das Historial de la Grande Guerre in Peronne dient als Beispiel.

Der gescheiterte Warschauer Aufstand ist ein zentraler Erinnerungsort in der polnischen Geschichte. Immer wieder wurden die Ereignisse von 1944 medial aufgegriffen und kontrovers behandelt, so etwa in Andrzej Wajdas berühmten Spielfilm "Kana?" oder in einer Multimediapräsentation im Museum des Warschauer Aufstands: hier wurde ein Bezug zwischen den Aufständischen und den heutigen Bewohnern Warschaus hergestellt.

Die Grenzstadt Triest und Istrien zeigen, wie im Zuge von Kriegen ethnische und politische Gegensätze an Schärfe gewinnen, bis hin zur Flucht oder Vertreibung von Minderheiten. Noch immer sind die Gründe für die nationale "Entmischung" umstritten. Diese wird besonders von Schriftstellern als Verlust einer multinationalen Symbiose beklagt.

Die Vertreibung der Deutschen als Folge von Krieg und Besatzungspolitik wird am Beispiel der Sudetendeutschen diskutiert. Die von verschiedener Seite unternommenen Versuche der Aufarbeitung haben die Diskussion neu entbrennen lassen. Gerade die mediale Verarbeitung des Themas "Vertreibung" in Ausstellungen ist kontrovers beurteilt worden.

Die unterschiedlichen Interventionen der Medien sowie die künstlerische und politische Auseinandersetzung mit den Kriegen und "ethnischen Säuberungen" in Jugoslawien haben die deutsche Öffentlichkeit zwischen einer dominanten und einer Minderheitenposition tief gespalten. In zwei Sektionen wird an den Beispielen Bosnien-Herzegowinas und des Kosovos Einflussnahmen durch die Medien und die Verarbeitung der Kriegsereignisse in Literatur und bildender Kunst dargestellt und diskutiert.

Schließlich müssen Konflikte außerhalb und am "Rande" Europas betrachtet werden, bei denen die Arbeit der Journalisten besonders gefährlich war und ist, wie z.B. in Tschetschenien. Dies wurde erst vor kurzem durch den Mord an Anna Politkovskaja deutlich. Obwohl Tschetschenien fern vom europäischen Zentrum, von Deutschland zu sein scheint, handelt es sich bei den dort ausgetragenen politischen und medialen Konflikten um Fragen, die uns heute direkt betreffen.

Die Fragen an das ebenfalls hochkarätig besetzte Abschlusspodium tragen dem Umstand Rechnung, dass die Mehrzahl der heutigen Kriege nicht mehr zwischen zwei Staaten auf Augenhöhe ausgetragen wird. Dabei bedienen sich die nicht-staatlichen Akteure einerseits terroristischer Methoden, versuchen andererseits aber auch die globalen Massenmedien für ihre Ziele einzusetzen. Für die asymmetrischen Kriege der Zukunft, die - wie die Anschläge von Madrid und London gezeigt haben - auch in Europa geführt werden, scheint dies um so mehr zu gelten. Gefragt sind Stellungnahmen von Kunst, Wissenschaft und Medien zur politischen Herausforderung der Kriege der Zukunft.


Das Symposium ist ein Beitrag der Heinrich-Heine-Universität zum Jahr der Geisteswissenschaften und wurde in das vom Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung geförderte Programm aufgenommen.

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