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Augsburger Wissenschaftspreis für Interkulturelle Studien für Dr. L. H. Seukwa (Hamburg/Frankfurt a. M.) und A. Weibert

24.04.2007 - (idw) Universität Augsburg

Feierliche Preisverleihung am 15. Mai im Goldenen Saal des Augsburger Rathauses

Der Augsburger Wissenschaftspreis für Interkulturelle Studien, der erstmals seit seiner Begründung im Jahr 1998 in Form eines Haupt- und eines Förderpreises vergeben wird, geht in diesem Jahr an den Erziehungswissenschaftler Dr. Louis Henri Seukwa (Hamburg/Frankfurt am Main) und Anne Weibert, Journalistik- und Amerikanistik-Absolventin der Universität Dortmund. Seukwa erhält den mit 4000 Euro dotierten Hauptpreis für seine an der Universität Hamburg vorgelegte Dissertation "Kompetenz als Habitus der Überlebenskunst", Weibert wird mit dem mit 1000 Euro dotierten Förderpreis für ihre an der Universität Dortmund vorgelegte Diplomarbeit "Mediale Integration ethnischer Minderheiten" ausgezeichnet. Aus insgesamt zwölf Bewerbungen wurden die diesjährigen Preisträger von einer neu zusammengesetzten Jury unter dem neuen Vorsitzenden Prof. Dr. Dr. Eckhard Nagel ausgewählt. Die Preisverleihung findet am 15. Mai 2007 um 19.00 Uhr im Goldenen Saal des Augsburger Rathauses statt. Kompetenz als Habitus der Überlebenskunst: spezifische Bildungsbedürfnisse von Flüchtlingen

Dr. Louis Henri Seukwa, 1967 in Kamerun geboren, untersucht in seiner Hamburger Dissertation "Kompetenz als Habitus der Überlebenskunst - Zum Verhältnis von Kompetenz und Migration im Spiegel von Flüchtlingsbiographien", wie es afrikanischen Flüchtlingen trotz widriger Lebensbedingungen gelingt, individuelle Potentiale zu entfalten, Bewältigungsstrategien zu entwickeln und Kompetenzen zu erwerben. Dieser Frage nähert sich Seukwa, indem er 76 in Hamburg lebende jugendliche Flüchtlinge zu ihren Schul- und sonstigen Bildungserfahrungen befragt und narrative Interviews mit drei weiteren Jugendlichen führt.

Seine Untersuchungen ergaben, dass manche Jugendliche durchaus im Stande sind, die in Afrika erworbenen Kompetenzen auch hier in Deutschland einzusetzen. Sie können sich an den neuen Kontext anpassen und trotz restriktiver und repressiver Asylgesetzgebung, die sich häufig negativ auf die Bildung der Jugendlichen auswirkt, gute Schulleistungen erbringen. Dabei helfen den Jugendlichen vor allem die im informellen Sektor erworbenen Kenntnisse und Fähigkeiten - der Autor spricht hier auch von "Überlebenskunst" -, die im formellen Bildungssektor erworbenen Kompetenzen sind in diesem Zusammenhang hingegen nahezu wertlos. Er folgert daraus, dass der afrikanischen Bildungsmisere nicht mit einer organisatorischen Reform des Bildungswesens nach europäischem Vorbild beizukommen ist, sondern dass es vielmehr um die Entfaltung einer Politik im Sinne von "good governance" gehen müsse. Von der deutschen Flüchtlingspolitik fordert er eine stärkere Orientierung an den Bildungsbedürfnissen der Flüchtlinge, um ihnen den Zugang zu Bildung zu erleichtern.

Für die Entscheidung der Jury zugunsten von Seukwas Studie war insbesondere ausschlaggebend, dass das Thema dieser Studie - die Sicherung des Grundrechts auf Bildung sowie der Umgang mit Heterogenität im Bildungswesen - sowohl die Erziehungswissenschaften als auch die Gesellschaftspolitik betrifft. Seukwa nimmt eine bislang eher selten gewählte Beobachtungsperspektive ein, indem er die Bildungs- und die Flüchtlingsforschung miteinander verknüpft. Als bemerkenswert empfand es die Jury darüber hinaus, dass die jugendlichen Flüchtlinge aus Afrika in dieser Arbeit primär nicht als Opfer sozialer und politischer Verhältnisse betrachtet werden, wie dies in vielen anderen Untersuchungen der Fall ist, sondern vielmehr als individuelle handlungsfähige Subjekte. Schließlich leiste die Arbeit Seukwas einen wertvollen Beitrag für die Praxis, indem sie aufzeigt, wie nationale Bildungseinrichtungen und die Politik auf Flüchtlinge reagieren können. Insgesamt sei die Arbeit von einer sehr erfrischenden und fruchtbaren Herangehensweise geprägt.

Mediale Integration ethnischer Minderheiten: Unterschiede zwischen US-amerikanischer und deutscher Lokalberichterstattung

Anne Weibert, die Trägerin des Förderpreises, unternimmt in ihrer Dortmunder Diplomarbeit "Mediale Integration ethnischer Minderheiten" einen - so der Untertitel - "Vergleich von Lokalberichterstattung über Türken in Deutschland und Hispanics in den USA". Inhaltsanalytisch kontrastiert die Journalistin die Lokalberichterstattung zweier deutscher und zweier US-amerikanischer Zeitungen und untersucht, inwieweit und auf welche Weise diese zur sozialen Integration der Türken in Deutschland bzw. der Hispanics in den USA beitragen.

Weiberts Untersuchung ergibt, dass beide amerikanischen Zeitungen im gleichen Zeitraum beinahe drei Mal so häufig über ethnische Minderheiten berichteten wie die deutschen. Auch in der Darstellung unterscheiden sich die Berichterstattungen: In den US-Blättern werden Hispanics sehr häufig als selbst handelnde und individuell erkennbare Personen dargestellt, in Deutschland hingegen ist häufig kollektiv von "den Türken" die Rede. Zudem unterscheiden sich die Strukturen der Lokalberichterstattung: Im klassischen Einwanderungsland USA sind wesentlich mehr ethnische Minderheiten an der Medienproduktion beteiligt, als dies in Deutschland der Fall ist. Weibert fordert aus diesem Grund die deutschen Zeitungen dazu auf, sowohl die Art der Berichterstattung über ethnische Minderheiten zu überdenken, als auch über die Einbeziehung dieser in die Medienproduktion nachzudenken. Insbesondere im Hinblick auf die mit der Globalisierung zunehmende multiethnische Zusammensetzung der deutschen Bevölkerung sieht sie hier dringenden Reformbedarf.

Für Anne Weibert als Förderpreisträgerin entschied sich die Jury insbesondere, weil sie in ihrer Arbeit eine sehr innovative Frage verfolgt und aufgrund des immer größeren werdenden Einflusses der Medien ein hochaktuelles Thema aufgreift. Es gelinge ihr, wichtige Unterschiede im Umgang mit ethnischen Minderheiten zwischen den deutschen und den US-amerikanischen Medien darzustellen. Anhand der untersuchten US-amerikanischen Zeitungen zeige sie exemplarisch, dass Lokalzeitungen sehr wohl Instanzen sein können, die sowohl aufklären als auch zwischen verschiedenen Kulturen und Ethnien ausgleichen und vermitteln können.

Der Hauptpreisträger: Dr. Louis Henri Seukwa

Dr. Louis Henri Seukwa wurde 1967 in Ndoungué, Kamerun geboren. Er studierte Philosophie mit dem Schwerpunkt Epistemologie (Erkenntnistheorie) und dem Wahlfach Erziehungswissenschaften an der Universität Yaoundé. Er promovierte an der Universität Hamburg im Fachbereich Erziehungswissenschaften. Dr. Seukwa war von 1999 bis 2005 wissenschaftlicher Mitarbeiter und beschäftigte sich im Rahmen verschiedener Projekte mit den Bildungsmöglichkeiten von Flüchtlingen. Seit Abschluss seiner Promotion im Jahr 2005 arbeitet er als wissenschaftlicher Angestellter im Fachbereich Erziehungswissenschaften der Johann Wolfgang Goethe Universität Frankfurt am Main und ist für die Evaluation der vom europäischen Sozialfonds finanzierten Entwicklungspartnerschaft "Fluchtort Hamburg: Berufliche Qualifizierung für Flüchtlinge" zuständig.

Die Förderpreisträgerin: Anne Weibert

Anne Weibert wurde 1978 in Essen geboren. Von 1997 bis 2005 studierte sie an der Universität Dortmund Journalistik mit Zweitfach Amerikanistik. Derzeit arbeitet sie als wissenschaftliche Hilfskraft am DFG-Projekt "Mediale Integration von ethnischen Minderheiten" der Universität Siegen mit; an diesem Projekt war sie bereits während ihres Studiums als studentische Hilfskraft beteiligt.

Jury in neuer Zusammensetzung und unter Vorsitz von Prof. Dr. Dr. Eckhard Nagel

Der vom Forum Interkulturelles Leben und Lernen (FILL e. V.), der Universität Augsburg und der Stadt Augsburg gemeinsam getragene Augsburger Wissenschaftspreis für Interkulturelle Studien wurde 1998/99 vom Ehepaar Helmut und Marianne Hartmann initiiert, mit einer jährlichen Dotation von 5000 Euro ausgestattet und seit 1999 jährlich vergeben. Für das Jahr 2007 wurde der Preis erstmals aufgeteilt in einen mit 4000 Euro dotierten Hauptpreis für Habilitations- und Dissertationsschriften und einen mit 1000 Euro dotierten Förderpreis für Diplom-, Magister-, Master- und Staatsexamensarbeiten. Über die Preisträger 2007 hat erstmals auch eine neu zusammengesetzte Jury entschieden: An die Stelle des langjährigen Vorsitzenden dieser Jury, Prof. Dr. Dr. h. c. mult. Wolfgang Frühwald ist Prof. Dr. Dr. Eckhard Nagel getreten.

Nach dem Studium der Humanmedizin sowie der Philosophie und der Geschichte an Universitäten in Deutschland, England, Frankreich und in den USA promovierte Eckhard Nagel 1987 zum Dr. med. und 1995 zum Dr. phil. Im Juni 1999 erhielt er einen Ruf auf den Lehrstuhl für Medizinmanagement und Gesundheitswissenschaften der Universität Bayreuth. Seit 2001 ist er Direktor des Instituts für Medizinmanagement und Gesundheitswissenschaften und der Forschungsstelle für Sozialrecht und Gesundheitsökonomie der Universität Bayreuth. Zugleich ist Nagel Leiter des Chirurgischen Zentrums sowie Chefarzt des Bereiches für Allgemein-, Viszeral- und Transplantationschirurgie des Chirurgischen Zentrums des Klinikums Augsburg. Seit 2001 ist Nagel Mitglied des Nationalen Ethikrats und des Präsidiumsvorstandes des Deutschen Evangelischen Kirchentages. Zudem war er von 2003 bis 2005 Präsident des Kirchentages Hannover. 2002/03 war er Mitglied der Kommission für die Nachhaltigkeit in der Finanzierung der Sozialen Sicherungssysteme (Rürup-Kommission) der Bundesregierung.

Neben dem bisherigen Vorsitzenden Frühwald sind auch die Professoren Friedrich Heckmann (Universität Bamberg) und Günther Kronenbitter (Augsburg/Atlanta) sowie Abt Emmeram Kränkel (Benediktinerabtei St. Stephan, Augsburg) aus der Jury ausgeschieden. An ihre Stelle sind der Augsburger Weihbischof Dr. Dr. Anton Losinger - wie Nagel Mitglied des Nationalen Ethikrates - und der Entwicklungssoziologe Prof. Dr. Dieter Neubert (Universität Bayreuth) getreten. Der Jury gehören weiterhin an Helmut Hartmann als Ehrenvorsitzender von FILL e. V:, die Erziehungswissenschaftlerin Prof. Dr. Leonie Herwartz-Emden (Universität Augsburg), die Augsburger Bürgermeisterin und Kulturreferentin Eva Leipprand, Oberkirchenrat Dr. Ernst Öffner, Dr. Sabine Tamm als Leiterin des Akademischen Auslandsamtes der Universität Augsburg und der Soziologe Prof. Dr. Peter Waldmann (Universität Augsburg).

Augsburger Wissenschaftspreis 2008: Bewerbungsfrist endet am 30. September 2007

Die Bewerbungsfrist für den Augsburger Wissenschaftspreis für Interkulturelle Studien 2008 ist der 30. September 2007. Eingereicht werden können wissenschaftliche Arbeiten, die sich im Rahmen des übergreifenden Themas "Interkulturelle Wirklichkeit in Deutschland: Fragen und Antworten auf dem Weg zur offenen Gesellschaft" bewegen. Der Hauptpreis richtet sich an Dissertationen und Habilitationsschriften, der Förderpreis an Diplom-, Magister-, Master- und Staatsexamensarbeiten. Voraussetzung für alle Arbeiten ist, dass sie nicht früher als zwei Jahre vor Bewerbungsschluss an einer deutschen Universität abgeschlossen und vorgelegt wurden. Bewerbungen sind mit folgenden Unterlagen über die Universitätsleitung der eigenen Hochschule an das Rektorat der Universität Augsburg, Universitätsstraße 2, 86159 Augsburg, zu richten: zwei Exemplare der Arbeit, eine ca. 10-seitige Zusammenfassung, mindestens ein Gutachten eines Professors/ einer Professorin sowie ein Lebenslauf.

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Kontakt und weitere Informationen:

Dr. Peter Kolb
Präsidialamt der Universität Augsburg
86135 Augsburg
Telefon: 0821/598-5102
peter.kolb@rektorat.uni-augsburg.de

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