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Bedrohte iranische Sprachen bewahren

26.04.2007 - (idw) Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

Uni Kiel initiiert Sommerschule: Wissenschaft jenseits politischer Spannungen

Etwa zwei Drittel der Sprachen im Mittleren Osten haben keinen gesicherten Status und könnten demzufolge in den nächsten Jahrzehnten verschwinden, ohne im kulturellen Gedächtnis der Welt eine Spur zu hinterlassen. Dies zu verhindern und diese Sprachen rechtzeitig und professionell zu dokumentieren - das ist Ziel einer zweiwöchigen englischsprachigen Sommerschule im August an der Christian-Albrechts-Universität (CAU) zu Kiel. "Ob Anthropologe, Musikwissenschaftler oder Sprachwissenschaftler - wer sich für die iranische Sprachfamilie oder eine bedrohte Sprache des Mittleren Ostens interessiert, sie beispielsweise selbst spricht oder jemanden kennt, der sie spricht, ist herzlich eingeladen, sich bis zum 15. Juni für die Teilnahme zu bewerben", erklärt Dr. Geoffrey Haig, der Initiator der Sommerschule am Seminar für Allgemeine und Vergleichende Sprachwissenschaft. 25 Wissenschaftler und Studierende sollen hier solide Grundlagen in Theorie und Praxis der Sprachdokumentation sowie neueste technische Aufnahme- und Archivierungsmethoden vermittelt bekommen, um selbst Sprachen für die Nachwelt festhalten zu können. Dabei werden Fragen beantwortet wie: Welches Mikrofon wird für welche Situation benötigt? Wie taste ich mich an den Menschen heran? Welche Bräuche gilt es zu beachten? Diese spezifische Art der Sprachdokumentation könne schließlich auch als Beispiel für andere Regionen der Erde dienen, in denen aus kulturellen oder politischen Gründen Sprachen sterben, so Haig. Das Programm gibt es unter: http://www.linguistik.uni-kiel.de/deil/.

Als Dozenten konnten vor allem Forscher gewonnen werden, die im Rahmen der von der VolkswagenStiftung finanzierten Initiative "Dokumentation bedrohter Sprachen" seit sieben Jahren weltweit Sprachdokumentationsprojekte durchführen. Die VolkswagenStiftung finanziert auch die Sommerschule mit rund 38.000 Euro. Das Geld soll zu einem Großteil für Stipendien verwandt werden, um Interessenten aus dem Iran und benachbarten Ländern Reise und Unterkunft zu bezahlen. Bewerbungen für Stipendien können noch bis zum 31. Mai an der Uni Kiel eingereicht werden.

Die Sommerakademie vom 20. bis 31. August beleuchtet die iranische Sprachgruppe, die selbst Teil der indo-europäischen Sprachfamilie ist. Iranische Sprachen werden in Pakistan, im Iran, in Afghanistan, in Tadschikistan, in Usbekistan, im Irak und in der Türkei, teilweise auch im Kaukasus (Ossetic) und im Oman (Kumzari) gesprochen. Viele dieser Sprachen sind in hohem Grade gefährdet oder sterben sogar aus. Ihre Vielfalt spiegelt sich auch in der Bandbreite der kulturellen Gegebenheiten wider, in denen sie gesprochen werden. Das schließt auch einige einmalige, sehr kleine und bedrohte Religionsgemeinschaften ein (z. B. Zoroastrer, Ahl-i Haqq, Yezidis), so dass Sprach- und Kulturdokumentation sehr eng miteinander verwoben sind. Überhaupt erfordere diese Arbeit ein sehr hohes Maß an kultureller Sensibilität, betont der Kieler Linguist Haig: "Allein der Anblick eines Mikrofons kann die Menschen vollkommen verschließen."

Die Zusammenarbeit mit Forschern an iranischen Hochschulen ist darum ein wesentlicher Bestandteil des Programms. "Um langfristig zu erreichen, dass die Sprachen erhalten bleiben, müssen die Menschen vor Ort die Sprache richtig dokumentieren lernen. Ein Forscher aus dem eigenen Kulturkreis hat es mit dem Informanten natürlich viel leichter", so Haig. Ganzheitliche Aufnahmen, beispielsweise ein Video einer Hochzeit aufzuzeichnen, seien - wenn überhaupt - nur für einen Familienangehörigen möglich. "Im Idealfall gehen unsere Sommerschulteilnehmer zurück in den Iran und wenden die erlernten Methoden an."

Mit Blick auf die aktuelle politische Lage im Mittleren Osten betont der Rektor der Kieler Universität, Professor Thomas Bauer: "Wissenschaftlicher Austausch ist wichtig, er muss trotz und jenseits politischer Spannungen stattfinden. Gerade, wenn Regionen sich abkapseln, muss innerhalb der wissenschaftlichen Gemeinschaft der Kontakt umso intensiver gepflegt werden." So unterhält die CAU seit 2004 mit der Universität in Teheran eine Hochschulpartnerschaft und lädt in diesem Rahmen einen iranischen Philologen und Iranisten ein, an der Sommerschule teilzunehmen. Überdies passt sich das Projekt in den neuen Studien- und Forschungsschwerpunkt "Nahost" ein.

Die Sommerschule ist nur eines von drei aktuellen Projekten der Dokumentation bedrohter iranischer Sprachen, an denen die CAU beteiligt ist: Im Vorfeld zur Sommerakademie in Kiel findet vom 17. bis zum 19. August an der Universität Hamburg eine internationale Konferenz zur iranischen Linguistik statt, an der die Sommerschüler ebenfalls teilnehmen können. Schließlich arbeiten die Kieler Linguisten an einem Vorhaben mit, Gorani - eine bedrohte Sprache der Provinz Kermansah im Westiran - zu dokumentieren. Beteiligt sind hieran ebenfalls die Universitäten Hamburg und Göttingen.

Eine Grafik zum Thema steht zum Download bereit unter:
http://www.uni-kiel.de/download/pm/2007/2007-025-1.jpg


Bildunterschrift: Farbig markiert sind die Verbreitungsgebiete der iranischen Sprachen, die im Mittelpunkt der Sommerschule in Kiel stehen.
Copyright: CAU

Kontakt:
Christian-Albrechts-Universität zu Kiel
Seminar für Allgemeine und Vergleichende Sprachwissenschaft
Dr. Geoffrey Haig, Tel: 0431/880- 3314, Fax: 0431/880-7405
e-mail: haig@linguistik.uni-kiel.de
Weitere Informationen: http://www.linguistik.uni-kiel.de/deil/
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