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"Nieren-Contest" im niederländischen TV

31.05.2007 - (idw) Gesellschaft für Nephrologie e.V. (GfN)

Stellungnahme der nephrologischen Fachgesellschaften (GfN und DAGKN) Was am Abend des 29. Mai im ZDF "heute-Journal" berichtet wurde, klang ungeheuerlich:
Ein öffentlich-rechtlicher TV-Sender in den Niederlanden plant eine Show, in der Kandidaten um eine Niere kämpfen werden. Das Konzept der Sendung, die bereits am Freitag zur besten Sendezeit über den Äther laufen wird, ist wie folgt: Die schwerkranke Lisa möchte nach ihrem Tod ihre Niere spenden - und in der Show wird entschieden, welcher der drei Kandidaten mit der Organspende rechnen darf. Die drei werden sich abmühen und wahrscheinlich in bekannter Manier (man denke an die Superstar-Suche oder die Dschungel-Show) "vorgeführt", bevor dann das holländische Publikum per sms entscheidet, wer der Gewinner des lebensnotwendigen Organs sein wird.

Eine makabre Angelegenheit, die in der niederländischen Öffentlichkeit und auch im Parlament heiß diskutiert wurde. "Geschmacklos", "unmoralisch", "menschenverachtend" waren die Stichworte, die fielen - doch wie es scheint, finden die Niederländer keine rechte Handhabe dagegen. Der Sender BNN beruft sich auf die Pressefreiheit - und unterstreicht darüber hinaus, dass die Show auf den eklatanten Organmangel aufmerksam mache und somit eine gute Publicity für Organspende sei.

Die ist zwar dringend notwendig, macht aber das Konzept dieses TV-Formats nicht weniger fragwürdig.
In Deutschland warteten im Jahr 2005 nach Angaben von Eurotransplant Leiden und der Deutschen Stiftung Organtransplantation insgesamt 8.853 Patienten auf eine Nierentransplantation. Im Verlauf des Jahres wurden 2.730 Patienten neu zur Transplantation angemeldet - mehr als transplantiert wurden. Die durchschnittliche Wartezeit beläuft sich derzeit auf 40 Monate - bei Patienten mit seltenen Blutgruppen ist die noch viel länger, die maximale Wartezeit belief sich sogar auf 15 Jahre! (alle Daten entnommen aus dem neuesten Jahresbericht von "Quasi-Niere" (=Qualitätssicherung in der Nierenersatztherapie, einzusehen unter www.quasi-niere.de ). Oft verlieren die Patienten während der Wartezeit ihre "Transplantationsfähigkeit", würden einen solchen Eingriff also nicht mehr überstehen, und auch viele Patienten sterben, bevor sie ein Organ bekommen können. "Die Situation ist höchst dramatisch für die Betroffenen", so Prof. Dr. Jan Galle, Pressesprecher der Gesellschaft für Nephrologie.

Wird auch bald Deutschland den "Nieren-Star" suchen? "Wir hoffen, dass die großen Publikumssender keine gesetzliche Nische für solch eine Show finden werden", erläutert Prof. Galle. "Das in Deutschland geltende Transplantationsgesetz definiert im § 9 klar , dass Organe nur über die zentrale Vermittlungsstelle (Eurotransplant), vermittelt werden können - und zwar nach Regeln, die dem Stand der Erkenntnisse der medizinischen Wissenschaft entsprechen, insbesondere nach Erfolgsaussicht und Dringlichkeit. Eigentlich müsste das in den Niederlanden auch so gelten, denn auch dort werden die Organe über Eurotransplant vergeben. In der Show wird jedoch nach dem Sympathie- oder Funfaktor entschieden, das ist meines Erachtens zumindest mit unserer Gesetzeslage nicht vereinbar. Auch wenn so das wichtige Thema "Organspende" endlich einmal Eingang in die Massenmedien findet, ist das der falsche Weg. Wir brauchen eine ehrliche Publicity für Organspende, die mit der Würde des Menschen vereinbar ist".

Eine solche Aktion, die auf die Problematik des Organmangels aufmerksam macht, ist beispielsweise die "I-Kidney-You-Radtour", bei der ein Team von Transplantierten und Dialysepatienten bei dem "Jedermann-Rennen" am Vortag der deutschen Radmeisterschaften in Wiesbaden an den Start geht, und die verschiedenen Nierengesellschaften und -institutionen auch auf dem Eventparcour zur Meisterschaft mit einem Informationszelt vertreten sein werden. (Weitere Informationen zur Tour finden Sie unter: www.i-kidney-you.de ) "Hier würden wir uns die Unterstützung der Massenmedien wünschen. Das ist ein seriöser Event, der an die Bereitschaft zur Organspende appelliert, und nicht nur die lüsterne Sensationsgier bedient, um TV-Quoten hochzutreiben", so Galle.

Nach Meinung der nephrologischen Fachgesellschaften in Deutschland sollte man die geplante TV-Show in den Niederlanden auch zum Anlass nehmen, um über eine Reform des Transplantationsgesetzes nachzudenken - zum einen, um solche "Pannen" definitiv auszuschließen, zum anderen, um Faktoren, die zur Erhöhung des Organaufkommens führen könnten, stärker positiv zu beeinflussen.

Weitere Informationen: http://www.nierengesellschaft.de http://www.nephrologie.de http://www.i-kidney-you.de
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