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Deutsches Reich, Frankreich, Indochina, DDR, Bundesrepublik: ein Leben zwischen den Fronten

20.06.2007 - (idw) Universität Bremen

Bremer Studie: Historiker Heinz Schütte zeichnet drei ungewöhnliche Lebensläufe
von intellektuellen Antifaschisten nach Sie wollten den nationalen Mausefallen entrinnen - und doch bestimmte immer wieder das blind Nationale und das politische Ausgrenzen ihr Leben. Ihre persönlichen und politischen Lebensentwürfe wurden durch die große Geschichte und die politischen Ereignisse des 20. Jahrhunderts konterkariert. Der Straßburger Erwin Borchers, der Kölner Rudy Schröder und der Wiener Ernst Frey blieben zeitlebens Intellektuelle zwischen den Fronten. In dem von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten Forschungsprojekt "Europäer in fremden Diensten - Überläufer zum Viet Minh" unter der Leitung von Professor Wilfried Wagner vom Institut für Geschichtswissenschaft an der Universität Bremen hat der Historiker Heinz Schütte diese drei außergewöhnlichen Lebenswege von linken Intellektuellen recherchiert und aufgeschrieben - und sie damit lange nach ihrem Tod vor dem Vergessen bewahrt.

"Ihr Leben", so Heinz Schütte, "erscheint mir insofern charakteristisch für das 20. Jahrhundert, als sie gegen die großen Unterdrückungen gekämpft haben - den Faschismus, den Kolonialismus, einen totalitären Kommunismus - und ihre Hoffnung, zum Entstehen einer besseren Welt beizutragen, enttäuscht wurden." Im Mittelpunkt der Studie steht die Zeit von 1945 bis zum Ende der 50er Jahre: mit der Desertion aus der französischen Fremdenlegion und dem Überlaufen zum vietnamesischen Widerstand. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten in Deutschland waren sie nach Frankreich geflüchtet. Zu Kriegsbeginn 1939 wurden sie als Feinde interniert und traten schließlich - um dem Lager und den Deutschen zu entkommen - in die Fremdenlegion ein. Nach einer Zwischenstation in Nordafrika wurden sie nach Indochina entsandt, wo sich die Drei in einer Legionskaserne in Nordvietnam kennen lernten. Hier erlebten sie die Realität des Kolonialismus hautnah und stimmten in seiner Ablehnung überein. Konspirativ betrieben sie aus der Fremdenlegion heraus Propaganda für die antikoloniale Bewegung des Viet Minh. Als Ho Chi Minh die Unabhängigkeit erklärte, desertierten sie aus der Fremdelegion und liefen zum Viet Minh über. Dort wurden sie zunächst mit offenen Armen aufgenommen und mit wichtigen militärischen Posten betraut. Doch als sich der Viet Minh infolge der Machtübernahme Maos und der Ankunft chinesischer Berater von einer alle sozialen Gruppen einschließenden antikolonialen Sammlung zu einer kommunistischen Bewegung mit bürokratisch-totalitären Strukturen verwandelten, eckten Borchers, Schröder und Frey erneut an und wurden kalt gestellt.

Die Konsequenz: Rückkehr nach Europa in die DDR. Dort feierte man sie in Zeiten des Kalten Krieges als Helden und antifaschistische Symbolfiguren. Da sie aber nicht bereit waren, im Stasi-Sumpf zu versinken und zugleich die stalinistischen Strukturen ablehnten, setzten sie sich in die Bundesrepublik ab. Ihre Hoffnungen auf einen Dritten Weg zwischen totalitärem Kommunismus und Kapitalismus erfüllten sich aber nicht - sie blieben ihr Leben lang kämpferische Intellektuelle zwischen den Fronten.

Die Spurensuche von Heinz Schütte ist unter dem Titel "Zwischen den Fronten: Deutsche und österreichische Überläufer zum Viet Minh" als Band 6 in der Reihe Berliner Südostasien-Studien im Logos-Verlag Berlin erschienen.

Weitere Informationen:

Universität Bremen
Institut für Geschichtswissenschaft
Heinz Schütte
Tel. 0033 14209 4475
E-Mail: heinzschutte@hotmail.com

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