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Akademiker auf Wanderschaft

07.03.2003 - (idw) Technische Universität Chemnitz

Chance für den Freistaat: In Zeiten vermehrter Abwanderung locken die Unis mehr junge Leute nach Sachsen - sie müssen allerdings auch gehalten werden

Immer mehr Sachsen kehren ihrer Heimat den Rücken. 62.300 Menschen verließen den Freistaat allein im Jahr 2001. Wie eine vom Sächsischen Landesamt für Statistik gemeinsam mit der Stiftung "Innovation und Arbeit" herausgegebene Studie zeigt, wandern vor allem junge und qualifizierte Menschen in den Westen Deutschlands ab: 53 Prozent der Fortzügler sind höchstens 30 Jahre alt, 37 Prozent verfügen über eine Fachhochschul- oder Hochschulreife. Und die sächsische Politik, so scheint es, steht dieser Entwicklung ohnmächtig gegenüber.

Steht sie aber nicht. Denn sie hat noch Trümpfe im Ärmel - die Hochschulen des Freistaates. Beispiel TU Chemnitz: Als eine der innovativsten Hochschulen Deutschlands lockt sie immer mehr junge Menschen nach Südwestsachsen, denn ihr Markenzeichen sind kurze Studienzeiten und eine gute fachliche Betreuung der Studierenden. In dieses Semester haben sich 9.400 Studierende an der Chemnitzer Universität immatrikuliert - so viele wie nie zuvor. Und auch die anderen sächsischen Hochschulen vermelden neue Einschreibe-Rekorde.

"Positiver Wanderungssaldo"

Ein genauer Blick in die sächsische Hochschul-Statistik der letzten zehn Jahre sollte deshalb positiv stimmen. Wie eine aktuelle Sonderauswertung des Sächsischen Landesamtes für Statistik zeigt, wechseln immer noch so viele deutsche Studierwillige nach Sachsen, dass sie die Abwanderungs-Quote mehr als ausgleichen. Während sich beispielsweise 4.095 junge Sachsen im Studienjahr 2001/2002 dafür entschieden, ein Studium in einem anderen Bundesland aufzunehmen, kamen 4.780 Studienanfänger aus ganz Deutschland in den Freistaat. Entgegen dem negativen Trend steht so unter dem Strich ein Zuwanderungs-Plus von 685 Erstsemestlern. Betrachtet man die Gesamtzahl der Studierenden, so ergibt sich das gleiche Bild: 28.005 Nichtsachsen studierten im vergangenen Studienjahr im Freistaat, 22.271 Sachsen dagegen in einem anderen Bundesland.

Obwohl die Abwanderung junger und gut ausgebildeter Menschen hoch ist, üben die sächsischen Hochschulen eine große Anziehungskraft aus, auch über die Grenzen des Freistaates hinweg. Besonders die Unis mit ingenieurwissenschaftlicher Ausrichtung, zu denen die TU Chemnitz gehört, wirken wie ein Magnet: Allein 3.110 der 5.734 Studierenden, die im vergangenen Studienjahr für das sächsische Zuwanderungs-Plus sorgten, lassen sich zu Ingenieuren ausbilden. Mit diesen Pfunden sollten die politischen Entscheidungsträger wuchern können, ja wuchern müssen. Denn nicht nur die Hochschulen, auch die betroffenen Regionen profitieren vom regen studentischen Leben und Wissenschaftsbetrieb.

Wissenschaft als Wirtschaftsfaktor

Um einige Beispiele zu nennen: 60 bis 70 Prozent der jährlich rund 120 Forschungs- und Entwicklungsprojekte setzt die TU Chemnitz gemeinsam mit Partnern aus Südwestsachsen in die Praxis um, Tendenz weiter steigend. Zudem sind in den letzten zehn Jahren mehr als 120 Unternehmen von Uni-Absolventen gegründet worden, von denen noch heute der überwiegende Teil hier angesiedelt ist. Auf diese Weise sind neue und sichere Arbeitsplätze geschaffen worden. Und nicht zuletzt geben die Studierenden auch ihr Geld in der Chemnitzer Region aus: immerhin weit mehr als 30 Millionen Euro jedes Jahr.
Noch lässt sich aus den Statistiken also durchaus Positives ablesen - auch die Tatsache, dass sich von den über 15.000 sächsischen Abiturienten, die 2001 ein Studium aufnahmen, immer noch fast drei Viertel für den Freistaat als Hochschulstandort entschieden. Allerdings beginnt sich gerade der Zuwanderungstrend in den letzten Jahren abzuschwächen: Wechselten im Studienjahr 1997/1998 noch 8.423 Studierende nach Sachsen, so ist dieser positive Wanderungs-Saldo bis heute schon um 32 Prozent zusammengeschmolzen.

Ost-Unis mit gutem Zeugnis

Unsicher bleibt auch weiterhin die berufliche Perspektive im Freistaat. Wie eine Studie des Hochschul-Informations-Systems (HIS) aus dem Jahr 2001 zeigt, verliert der Osten Deutschlands jedes Jahr rund vier Prozent der Hochschul-Absolventen an den Westen. Besonders hoch ist dieser Schwund in den Ingenieurwissenschaften. "Eine Abwanderung von hochqualifizierten technisch-naturwissenschaftlichen Nachwuchskräften in die alten Bundesländer fände nicht statt, wenn diese nicht besonders begehrt wären", heißt es in der HIS-Studie. Und tatsächlich wird den Unis in den neuen Ländern von ihren ehemaligen Studenten ein hervorragendes Zeugnis ausgestellt: Eine bessere Studierbarkeit, engere Kontakte zu den Lehrenden und eine bessere fachliche Beratung und Betreuung sind nur einige Argumente , die für die ostdeutsche Hochschulausbildung sprechen. "Ob und wie die neuen Länder aus diesen Qualitätsbekundungen ihrer Absolventen einen Nutzen ziehen, hängt davon ab, ob sie sich im Zuge der Wettbewerbsorientierung des Hochschulwesens als Dienstleistungsstandorte für Wissensproduktion etablieren können", so die HIS-Wissenschaftler. Ihre Empfehlung an die Politik: "Dieser Standortfaktor sollte weiter als Vorleistung ausgespielt werden und nicht kurzsichtigen Befürchtungen geopfert werden, es werde 'zu viel für den Westen' ausgebildet."

Dass der Studienort Chemnitz trotz allem häufig zur dauerhaften Heimat werden kann und auch wird, zeigt eine aktuelle Absolventen-Studie der Fakultät für Wirtschaftswissenschaften: Während ein Drittel der befragten Absolventen bereits in die alten Bundesländer abgewandert ist, haben mehr als die Hälfte der studierten Wirtschafts-Experten ihren ersten Job in Südwestsachsen gefunden.

Autor:

Alexander Friebel
Wissenschaftsredakteur der TU Chemnitz
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