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Mit links in die Weltrangliste

17.07.2007 - (idw) Westfaelische Wilhelms-Universität Münster

DFG-Projekt zu Linkshändern im Spitzensport an der WWU Münster Als Handball-Torwart fürchtete Norbert Hagemann linkshändige Spieler. "Warum lassen sich die Bälle so schwer halten?", fragte er sich bei jedem ihrer Angriffe verzweifelt. Am Institut für Sportwissenschaft der WWU Münster geht der inzwischen promovierte Sportpsychologe dieser Frage nun umfassend im Auftrag der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) nach. "Lateralität (Seitigkeit) im Sport" heißt das Projekt, an dem er ab September arbeitet.

"Der Anteil von Linkshändern im Spitzensport ist höher als in der Normalbevölkerung", begründet Dr. Hagemann sein Forschungsinteresse. Tatsächlich schreiben nur zehn bis 15 Prozent der Gesamtbevölkerung ihre Briefe mit links. Im Spitzensportbereich - bei Sportlern aus Bundesligen und Weltranglisten - liegt diese Quote abhängig von der Sportart mit 20 bis 55 Prozent weit darüber. Untersuchungen zufolge tritt die so genannte Links-Lateralität besonders in Zweikampfsportarten wie Tennis, Badminton, Boxen und Fechten überproportional häufig auf.

Sind Linkshänder also einfach sportlicher? Dr. Hagemann schüttelt den Kopf. Dort, wo Spieler ihre Kontrahenten beobachten müssen, um eigene Reaktionen zu planen, tummeln sich Linkshänder am häufigsten. Für ihn ein klares Zeichen, dass das Spiel mit links Gegner irritiert. "Sportler werden häufiger mit Rechtshändern konfrontiert, deshalb haben sie es mit linkshändigen Gegnern schwerer", erklärt Sportpsychologe Dr. Hagemann. Der Tennisprofi und ehemalige Weltranglistenführer Pete Sampras kannte das Phänomen - und trainierte vor wichtigen Turnieren mit linkshändigen Gegnern, um sich vorzubereiten.

Der Sportwissenschaftler will mit seinem Team verschiedene Aspekte eingehender untersuchen: Neben bestimmten Mustern in Spielverläufen interessiert ihn, ob die für den Beobachter ungewohnte Spielart Einfluss auf das Einschätzungsvermögen hat. Deshalb zeigen die Forscher ihren Probanden Filme von Tennis-, Tischtennis- und Cricketspielern. In der gespiegelten Fassung werden aus Rechtshändern linkshändige Sportler. Das Ratespiel für die Zuschauer beginnt, wenn die Sequenz beim Ballkontakt stoppt: Wo wäre der Ball gelandet, wenn der Film weitergelaufen wäre? Aus dem Abstand zwischen echtem und geschätztem Auftreffpunkt lässt sich errechnen, wie hoch der Irritationsgrad durch linkshändige Spieler ist.

"Aus Gewohnheit falsch schauen", vermutet der Sportpsychologe als weitere Ursache für die vielen Linkshänder auf Tennisplätzen und Fechtbahnen. Da Sportler - selbst in "Linkshändersportarten" - immer noch häufiger mit Rechtshändern konfrontiert werden, könnten sie sich eine bestimmte Blickrichtung angewöhnt haben, lautet seine These. Linkshänder sind dann im Vorteil, wenn der Gegner gewöhnlich erst mal die rechte Seite taxiert und ihm das entgeht, was links passiert.

"Eye Link II" heißt das Gerät, mit dem die Sportwissenschaftler das nun feststellen wollen. Zwei Kameras an einem gepolsterten Drahtgestell auf dem Kopf filmen die Pupillenbewegungen eines Probanden, während er ein Tischtennisspiel auf dem PC-Monitor verfolgt. Ähnlich wie beim ersten Experiment stoppt der Film kurz nach dem Ballkontakt und die Testpersonen raten, wo der Ball auftrifft und mit welcher Technik der Spieler den Ball geschlagen hat. Anhand der aufgezeichneten Pupillenbewegungen kann Dr. Hagemann dann nachvollziehen, ob die Probanden die Bewegungen des linkshändigen Spielers richtig fixiert haben.

Er vermutet noch eine weitere Ursache hinter der Überrepräsentanz der Linkshänder in Weltranglisten und Bundesligen: "Sie bewegen sich anders als Rechtshänder." Einen möglichen, höchst banalen Grund sieht der Sportwissenschaftler in der Tatsache, dass die meisten Trainer rechtshändig sind. "Linkshändern fehlen einfach Lernbilder." Weil ihnen niemand genau zeigen konnte, wie Bewegungsabläufe in ihrer Sportart mit links funktionieren, beschleunigen sie anders oder variieren die Technik. Um diese Vermutung zu bestätigen, lässt Dr. Hagemann im Rahmen des Projekts Sportler abfilmen und vergleicht an bestimmten Knotenpunkten, etwa Schultern und Ellenbogen, die Bewegungen von links- und rechtshändigen Spielern.

So umfassend wie er hat das Phänomen bislang kein Sportwissenschaftler unter die Lupe genommen. Alle Untersuchungen des Sportpsychologen zielen auf die Frage ab, wie künftig mit Links-Lateralität in der Sportpraxis umgegangen wird, etwa in der strategischen Ausbildung. "Denkbar ist, dass die Ergebnisse dazu führen, verstärkt Videos oder linkshändige Gegner im Training einzusetzen", so Dr. Hagemann. Erste Befunde sollen im Dezember vorliegen. Doch bis sein Team in zwei Jahren umfassende Ergebnisse zur Lateralität hat, tappen vermutlich nicht nur Handball-Torwarte bei linkshändigen Gegnern im Dunkeln.

Weitere Informationen: http://www.uni-muenster.de/Sportpsychologie/index.html Arbeitsbereich Sportpsychologie
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