Studium, Ausbildung und Beruf

web uni-protokolle.de
 powered by
NachrichtenLexikonProtokolleBücherForenDonnerstag, 18. Dezember 2014 

Das Auto als Sinnbild für den arroganten Städter

12.03.2003 - (idw) Freie Universität Berlin

Über den anti-automobilen Protest in Kaiserreich und Weimarer Republik

Drahtseilattentate, Straßenblockaden, Peitschenhiebe und Steinwürfe. Tumulte in einem afrikanischen Land kurz vor der Revolution? Nein, der Kampf der Bevölkerung gilt keinem Unterdrücker aus Fleisch und Blut, sondern wir befinden uns mitten in Europa um 1900. Mit großer Feindseligkeit empfangen weite Kreise der Bevölkerung die ersten Autofahrer.

"Motorphobia". Während Hochadel und Eliten an Auto, Motor, Sport zunehmend Vergnügen finden, regt sich im Volk der Widerstand gegen das neue Verkehrsmittel. Der rücksichtslose Herrenfahrer, der seinen Reichtum als Tourist öffentlich zur Schau stellt und sich in "demonstrativem Müßiggang" übt, wirkt als Provokation. Dabei gab es am Anfang des 20. Jahrhunderts noch wenig Automobile, kaum Verkehrstote, und an Umweltverschmutzung dachte damals so gut wie niemand. Nicht einmal der notwendige Um- und Ausbau der Straßen auf Kosten der Allgemeinheit führte zur Empörung, der Kampf galt dem neuen Luxusspielzeug der Oberschicht, dem Auto.

Vor allem die Bewohner ländlicher Gegenden sahen im Auto das Sinnbild für den arroganten Städter. Aber auch das Fehlverhalten vieler Autofahrer förderte den Unmut. Für so manchen Herrn am Steuer gewann eine Ausfahrt erst dann die richtige sportliche Note, wenn er Hunde, Gänse oder Hühner überfahren konnte. Die Autobesitzer sahen in den Unmotorisierten nur noch das Publikum. Mediziner versuchten, den "Geisteszustand des Automobilisten" zu ergründen, um eine Erklärung für den Schnelligkeitsrausch zu finden. Schließlich kam es zu den gewalttätigen Übergriffen auf die Autofahrer. Die Öffentlichkeit sah darin zwar Straftaten, aber die Motive fanden oft großes Verständnis: Gegen das Auto als Symbol für Protz und Überheblichkeit richtete sich der Zorn.

Noch bis in die 1920er Jahre gab es immer wieder Proteste in Deutschland. Bis preiswertere Modelle wie Opel-"Laubfrosch" und Hanomag-"Kommissbrot" auf den Markt kamen und die Zahl der gewalttätigen Angriffe langsam ab nahm. Endgültig verschwanden die anti-automobilen Proteste aber erst in der Nazizeit. Nicht die Demokratisierung der Autonutzung, sondern die geschickte Propaganda brach den autofeindlichen Widerstand.

"Motorphobia" heißt die von Uwe Fraunholz am Fachbereich für Geschichts- und Kulturwissenschaften an der Freien Universität Berlin verfasste Dissertation zum Autohass im Kaiserreich und in der Weimarer Republik. Fraunholz interessiert sich vor allem für die geschichtlichen Zusammenhänge und Hintergründe der gewalttätigen Autokritik: Waren die Übergriffe und Drohungen Ausdruck von tiefer liegendem, sozialem Protest? Wie wirkte sich die Einführung der Demokratie nach 1918 auf den antiautomobilen Widerstand aus?

Zum Vergleich dienen dem Forscher die Reaktionen auf die Einführung des Autos in den anderen westeuropäischen Staaten und in den USA. Uwe Fraunholz wertete unter anderem die fünf wichtigsten deutschen Automobilzeitschriften systematisch aus. Über 4oo Artikel berichten von Angriffen auf Automobile im Zeitraum von 1902 bis 1932. Vor allem von Vorfällen, die vor Gericht endeten oder wenn es sich beim Opfer um einen Prominenten handelte. Noch umfangreicher und ausführlicher stellten Tages- und Lokalzeitungen die Proteste dar.

Meistens warfen Einzelne Steine gegen die Autofahrer. Die Gewalt entwickelte sich zwar nie zum Massenphänomen. Doch durch die Vielzahl der Aktionen und die Sympathie in der Bevölkerung für die Taten fühlten sich die Autofahrer massiv bedroht. In den Zeitungen erschienen Werbeanzeigen für spezielle Sicherheitsausstattung: Neue Autoscheinwerfer sollten über die Straße gespannte Drahtseile auch in der Dunkelheit sichtbar machen. Reifenhersteller boten Reifen an, die jedem Nagelbrett trotzen konnten.

Der Beginn des Automobilzeitalters war nicht nur von Gewalt geprägt, auch der nichtkriminelle Widerstand gegen das Auto fand weite Verbreitung. Von kritikloser Technikbegeisterung konnte bei der Einführung des neuen Verkehrsmittels kaum die Rede sein, denn die Autos dienten dem Vergnügen der privilegierten Oberschicht, griffen aber massiv in den Alltag der gesamten Bevölkerung ein. Einzelne oder ganze Interessensgruppen, wie die Pferdekutscher, starteten regelrechte Anzeigenkampagnen gegen Autofahrer. Nicht nur auf dem Land, sondern auch in den Industrieregionen veränderte das Auto unaufhaltsam das Gesicht der Städte. Das Auto zerstörte die Straße als Ort des Austauschs und der Begegnung. Erst die massenhafte Verbreitung des Autos sorgte für die Beruhigung der Gemüter, führte aber geradewegs zu unseren heutigen Verkehrsproblemen. Seinen Luxuscharakter behielt das Auto noch bis in die 50er Jahre bei.

von Arnulf Wieschalla

Literatur:

Uwe Fraunholz, Motorphobia. Anti-automobiler Protest in Kaiserreich und Weimarer Republik, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2002, Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft, Bd. 156, (zugl.: Freie Universität Berlin, Dissertation, 2000), ISBN: 3525351372

Weitere Informationen erteilt Ihnen gern:
Dr. Uwe Fraunholz, Tel.: 0351 / 46 33 48 99, E-Mail: Uwe.Fraunholz@mailbox.tu-dresden.de
uniprotokolle > Nachrichten > Das Auto als Sinnbild für den arroganten Städter

ImpressumLesezeichen setzenSeite versendenDruckansicht

HTML-Code zum Verweis auf diese Seite:
<a href="http://www.uni-protokolle.de/nachrichten/id/14175/">Das Auto als Sinnbild für den arroganten Städter </a>