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Die USA und der islamistische Terrorismus

10.08.2007 - (idw) Friedrich-Schiller-Universität Jena

Politikwissenschaftler der Friedrich-Schiller-Universität Jena hat umfassende Analyse publiziert Jena (10.08.07) Beim Thema "Die USA und der islamistische Terrorismus" werden die meisten Menschen unweigerlich an den 11. September und den Irakkrieg denken. Kaum jemandem würde spontan Ayman Nour, der unterlegene Kandidat der ägyptischen Präsidentschaftswahl 2005, in den Sinn kommen - Lars Berger schon. "An dieser Person lässt sich gut festmachen, wie sich die Einfluss der Amerikaner im Nahen und Mittleren Osten durch den Irakkrieg verändert hat", erläutert der Politik- und Islamwissenschaftler von der Universität Jena. In seiner Promotion hat Berger das Wechselspiel zwischen US-amerikanischer Außenpolitik, der politischen Entwicklung im Nahen und Mittleren Osten und den Strategien des islamistischen Terrorismus untersucht. Dabei nutzte er unter anderem die Erkenntnisse, die er als wissenschaftlicher Mitarbeiter eines Abgeordneten im US-Kongress vor Beginn und in der frühen Phase des Irakkrieges sammeln konnte. Mit Hilfe seiner in vielfältigen Forschungs- und Studienaufenthalten in Ägypten, Saudi-Arabien und Israel erworbenen Sprach- und Regionalexpertise stellt Dr. Berger den zahlreichen Klischees und Vorurteilen über die arabische Welt sowie die US-amerikanischen Motive und Fehler im Nahen und Mittleren Osten eine umfassende und differenzierte Analyse gegenüber. Diese ist soeben unter dem Titel "Die USA und der islamistische Terrorismus. Herausforderungen im Nahen und Mittleren Osten" im Schöningh-Verlag erschienen.

Während in Europa die Entwicklung im Irak von Anfang an vor allem durch die andauernde Gewalt und die zivilen Opfer wahrgenommen worden war, profitierte die Bush-Administration in der innenpolitischen Diskussion der USA lange Zeit von scheinbaren Anzeichen politischen Fortschritts im Irak. Zudem schien die umstrittene Vorstellung, durch die Demokratisierung des Irak, eine Demokratisierungswelle im Nahen und Mittleren Osten anstoßen zu können, durch verschiedene regionale Entwicklungen bis Ende 2005 Bestätigung zu erfahren. "Solange der politische Prozess im Irak voranschritt und es kraftvolle Bilder zum Beispiel von freien Wahlen und Verfassungsreferenden gab, konnte die amerikanische Regierung auch gegenüber verbündeten Staaten wie Ägypten auf demokratische Reformen drängen", erläutert der Mitarbeiter am Lehrstuhl für Außenpolitik und Internationale Beziehungen der Friedrich-Schiller-Universität Jena.

So seien die historischen, aber einseitigen Präsidentschaftswahlen in Ägypten im Jahr 2005 erst durch amerikanischen Druck zustande gekommen. "Dass überhaupt ein Wahlkampf stattgefunden hat, war schon ein Erfolg", sagt Berger. Zwar wurde der amtierende Präsident Hosni Mubarrak deutlich bestätigt, der pro-westliche Kandidat Ayman Nour erreichte aber immerhin knapp 10 % der Stimmen.

Seit Ende 2005/Anfang 2006 habe sich die Situation aber drastisch verändert, führt Berger aus: "Seitdem die Terrorkampagnen von Al Qaida und von Anhängern Saddam Husseins in einen Bürgerkrieg mutiert sind, ist auch in der politischen Meinung der USA ein Umschwung erfolgt". Zugleich sei die amerikanische Position gegenüber Ägypten und Saudi-Arabien drastisch geschwächt worden - und damit auch die Möglichkeit, ihre politische Entwicklung zu beeinflussen.

Der Ägypter Ayman Nour bekam das schnell am eigenen Leib zu spüren: "2006 wurde Nour unter fadenscheinigen Vorwürfen zu einer Gefängnisstrafe verurteilt, und das, obwohl der Hauptbelastungszeuge seine Aussage zurückzog", berichtet der 30-jährige Politikwissenschaftler. In diesem persönlichen Schicksal spiegele sich die allgemeine Entwicklung: "So wie es momentan läuft, haben die USA genau das Gegenteil von dem erreicht, was sie wollten", resümiert Berger.

Die Anschläge vom 11. Septembers 2001 und der folgende Irakkrieg verdecken heute oft den Blick auf die wichtigen Entwicklungen in der Zeit davor. Berger hat für seine Arbeit bewusst einen größeren Zeitraum betrachtet, der mit dem ersten Anschlag auf das World Trade Center 1993 beginnt. In seiner Analyse spielen die 1990er Jahre eine wichtige Rolle bei der Frage nach den Ursachen des islamistischen Terrorismus. "Es wird ja häufig die These vertreten: Der islamistische Terrorismus sei vor allem eine Reaktion auf die westliche Außenpolitik. Mit so einer Behauptung kann man vielleicht gut Wahlkampf machen, aber das lässt sich mit den Realitäten der letzten 20 Jahre nicht belegen", betont Lars Berger. "Zu Beginn der 1990er Jahre hat auch im Nahen und Mittleren Osten großer Optimismus geherrscht, dass es eine Lösung für den arabisch-israelischen Konflikt gibt und Frieden in die Region einzieht. Aber selbst in dieser Zeit sind die radikalen Islamisten stärker geworden. Damit lässt sich das Argument entkräften, dass der islamistische Terrorismus nur eine Reaktion auf westliche Außenpolitik ist", erläutert Berger.


Bibliografische Angaben:
Lars Berger: Die USA und der islamistische Terrorismus. Herausforderungen im Nahen und Mittleren Osten", Schöningh Wissenschaft 2007, 481 Seiten, 36,90 Euro, ISBN 978-3-506-76369-3

Kontakt:
Dr. Lars Berger
Institut für Politikwissenschaft der Universität Jena
Carl-Zeiß-Str. 3, 07743 Jena
Tel.: 03641 / 945413
E-Mail: Lars.Berger[at]uni-jena.de
Weitere Informationen: http://www.uni-jena.de
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