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Armutsfalle, Bürgerkrieg, Islam - aktuelle Stichworte zur Buchmesseakademie

14.03.2003 - (idw) Universität Leipzig

Nicht allein ausstellen, sondern miteinander reden, diskutieren - diesem Motto folgt die Buchmesse-Akademie der Universität Leipzig zum vierten Mal. Wurde in den zurückliegenden Jahren jeweils ein Schwerpunkt gesetzt, rücken die Veranstalter Leipziger Messe GmbH und Universität Leipzig aktuelle, brisante Themen ins öffentliche Licht.

"Wir wollen die Bücher präsentieren und ihren Inhalt transportieren." Knapp formuliert Dr. Ralf Schulze den Anspruch, den die Universität Leipzig mit der Buchmesseakademie 2003 stellt. Zum vierten Mal stellt die Alma mater Lipsiensis auf der Leipziger Buchmesse nicht nur ihre Neuerscheinungen vor, sondern bringt zugleich ausgewählte Publikationen ins öffentliche Gespräch ein. Zwei Kriterien nennt Dr. Matthias Middell, wissenschaftlicher Geschäftsführer des Zentrums für Höhere Studien (ZHS), für die Auswahl 2003: Die Bücher verstehen sich als analytische Antwort auf akute Probleme, und sie gebieten Achtung, auch über den Tag ihres Erscheinens hinaus. Dem ZHS obliegt die inhaltliche Verantwortung für die Buchmesseakademie, erläutert Dr. Schulze. "Mit dieser Form des öffentlichen Auftritts will die Universität, speziell durch ihre Geisteswissenschaften, nachweisen", so der Leiter des Dezernats für Öffentlichkeitsarbeit und Forschungsförderung, "dass sie sich mit den Problemen der Zeit auseinandersetzt, sie publiziert und kommuniziert."
Zum Exempel greift Dr. Middell die Frage "Wer sitzt in der Armutsfalle?" auf. Unter diesem Titel führen drei Leipziger Soziologen ein Theorem ad absurdum, das so alt ist wie der Sozialstaat: Der Dauerbezug staatlicher Unterstützung wie Sozialhilfe animiere Erwerbsfähige zum Verharren in der "sozialen Hängematte". Doch exakt das Gegenteil ist der Fall: Der Verbleib im Sozialhilfebezug ist mehrheitlich relativ kurz. Für dieses ebenso schlichte wie sensationelle Fazit haben Ronald Gebauer, Hanna Petschauer und Georg Vobruba auf Phrasen und Polemik verzichtet; sie stützen ihre Aussagen durch exakte Statistiken und ausführliche Interviews. Als Folge hegen sie "begründete Zweifel an den arbeitsstörenden Wirkungen von Sozialhilfe und an all den politischen Konsequenzen, die üblicherweise daraus gezogen werden". Mit dieser Aussage steuern die Leipziger Soziologen einen provozierenden Befund zum Konflikt im Inneren unserer Gesellschaft bei, der derzeit um Arbeitslosenhilfe und Krankenkassenbeiträge, um Tarifautonomie und Kündigungsschutz ausgetragen wird. Dr. Matthias Middell verspricht sich und dem Publikum vor dem Hintergrund der jüngsten Rede von Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) und des Sanierungskonzeptes der CDU/CSU eine "haarige" Diskussion. Für die sicher lebhafte Debatte mit Sozialwissenschaftlern, Kirchenvertretern und Gewerkschaftern zieht die Buchmesseakademie am Freitagabend (21. März, 19 Uhr) in die Uni-Buchhandlung um.
Ansonsten ist die Akademie am 120 Quadratmeter großen Stand der Universität Leipzig C.209 in Halle 3 zu finden. Die insgesamt 15 Gesprächsrunden folgen drei inhaltlichen Leitlinien: Europa und die Globalisierung, Konflikte und Konfliktbewältigung sowie kulturelle Wandlungen. Die Entscheidung, sich vom Grundsatz der letzten Jahre - ein zentrales Thema zu setzen - zu verabschieden, begründet Dr. Middell mit der "offenen Form, die es gestattet, Ideen kurzfristig einzubinden". Das zeigt sich nicht allein am Beispiel der "Armutsfalle", die dem zweiten Komplex zugeordnet ist. Auch der weitere Blick auf Autoren und Publikationen erhellt: Die Buchmesseakademie fungiert als Ort der öffentlichen Reflexion, bietet sich gleichsam als Scharnier zwischen der Entstehung neuen Wissens an Hochschulen und Forschungseinrichtungen sowie den Erfahrungen und dem Horizont der Bürger an. In diesem Sinne begegnen sich in den Gesprächen und Diskussionen Fachwissenschaftler und aufgeschlossene Laien - es öffnet sich die Chance, an die Stelle des Gegenübers den Dialog von Wissenschaft und Bürger zu setzen, in dessen Folge gesellschaftliches Wissen konstituiert werden kann. Die Veranstaltungen bieten mit ihrer attraktiven Präsentation von Büchern, Autoren und Gesprächspartnern hierfür hinlänglich Gelegenheit.
Unter dem Stichwort "Europa und die Globalisierung" wird vorrangig die nunmehr beschlossene Osterweiterung der Europäischen Gemeinschaft beleuchtet. Mit der absehbaren Verschiebung der EG-Außengrenzen rücken Regionen wie Polen und die Ukraine, die Türkei sowie der Kaukasus ins Blickfeld. Zudem schürft Professor Susan Zimmermann von der Central European University Budapest nach der "Geschichtlichkeit des Globalen" (Samstag, 11.30 Uhr); ein Unterfangen, das mit Studien zu Transnationalisierungen in die Geschichte zurück reicht, statt sich auf die 1990er Jahre zu beschränken.
Unter "Konflikte und Konfliktbewältigung" stehen auch internationale Aspekte zur Debatte. So rückt Herfried Winkler "Die neuen Kriege" in die Runde (22. März, 14.30 Uhr). Die versteht der Professor für Politikwissenschaft an der Humboldt-Universität Berlin als internationalisierte Bürgerkriege, die von Kriegsunternehmern auf eigene Rechnung und zu eigenem Nutzen geführt werden. Der Berliner Ulrich Schneckener wiederum sucht, gemeinsam mit dem Leipziger Prof. Stefan Troebst, "Auswege aus dem Bürgerkrieg" (Freitag, 14 Uhr) - und antwortet quasi auf Prof. Winklers Frage, in dem er Erfahrungen der Kriegseindämmung und -bewältigung beleuchtet. Zudem richtet sich das Augenmerk auf den "Schönen neuen Orient", der in den Reportagen von Navid Kermani und Atef Botros auflebt. Mit ihren Berichten führen der Berliner Publizist und der Leipziger Doktorand den Leser in all jene Regionen zwischen Ägypten und Indonesien, die heute im Brennpunkt stehen.
Die dritte Leitlinie schließlich, die dem "Kulturellen Wandel" folgt, fügt dem Anspruch des Buchmesseakademie an den Zeitbezug ihrer Bücher und Autoren eine neue Facette hinzu. "Die Kultur in der Biologie" (Freitag, 10 Uhr) wendet sich dem Leipziger Anthropologen und Kognitionsforscher Prof. Michael Tomasello zu. In dessen Modell des menschlichen Denkens ist die Aktualität als Aktualität der wissenschaftlichen Entwicklung verankert. Im Kern dreht sich die Buchmesseakademie immer darum, Gespräche anzuregen, zu führen und zu vermitteln. Schließlich bereichert das Deutsche Literaturinstitut die Präsentation um ein "schönes Buch mit feinen Texten", wie es in der Ankündigung heißt: Als "Tippgemeinschaft" legen die Studierenden eine Anthologie ihrer Lyrik und Prosa vor (Sonntag, 23. März).

Weitere Informationen: Dr. Matthias Middell

Telefon: 0341 - 97 30 230
E-Mail: middell@uni-leipzig.de
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