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Auf Gott vertrauen oder grübeln und hadern: Chronischer Schmerz und Religiosität

25.10.2007 - (idw) Deutsche Gesellschaft zum Studium des Schmerzes e.V. (DGSS)

Ein starker Glaube kann eine Hilfe sein für Patienten, die mit chronischen Schmerzen leben müssen. Er kann aber auch gegenteilige Wirkung haben, wenn die Betroffenen im Glauben nicht Zuversicht finden, sondern sich hilflos fühlen und mit Gott hadern. Das berichteten Religionspsychologen der Universität Trier beim Deutschen Schmerzkongress der DGSS in Berlin. "Gesundheitsexperten, die Schmerzpatienten betreuen, sollten deren Glauben berücksichtigen", sagte Dipl.-Psych. Claudia Appel. Es gehe vor allem darum, Schmerzpatienten im Zweifel durch alternative Glaubensinhalte zu helfen, Grübeln und Hadern zu überwinden. Glaube gewinnt in Krisen an Bedeutung

Patienten, die Schmerz verarbeiten müssen (Coping), ziehen dabei auch ihren religiösen Glauben heran: In Krisenzeiten gewinnt der Glaube sogar an Bedeutung. "In der statistischen Auswertung unserer Untersuchung an 150 Patienten mit chronischen Schmerzen zeigt sich, dass religiöses Coping nicht in nicht-religiösen Verarbeitungsformen enthalten ist, sondern sich deutlich getrennt von ihnen abbilden lässt", erklärte Claudia Appel. Dieses Ergebnis deute darauf hin, dass es sich beim religiösen Coping um ein eigenständiges Konzept handelt, das es sich zu erforschen lohnt - in Deutschland ein noch neuer Ansatz.

Einfluss kann helfen, aber auch hindern

Die Trierer Arbeiten ergaben, dass religiöses Coping umso bedeutsamer für einen Patienten ist, je mehr der eigene Glaube im Leben eine Rolle spielt. Das klingt einleuchtend und einfach, es gilt aber zu differenzieren: "Wir müssen zwei Formen religiösen Copings unterscheiden: die religiöse Sicherheit auf der einen Seite und das religiöse Ringen mit dem Glauben und einem Gott auf der anderen Seite", so Claudia Appel. Mit der Bedeutsamkeit des Glaubens steigen nicht nur vertrauensvolle religiöse Aktivitäten (= positives religiöses Coping) an, sondern auch hadernde Aktivitäten (= negatives religiöses Coping). "Beide Formen der Krankheitsverarbeitung werden je nach Stärke des eigenen Glaubens unterschiedlich verwendet, schließen einander jedoch nicht aus", so Claudia Appel, "und können durchaus einen Einfluss auf das Schmerzerleben haben." Schädliche Aspekte stellten sich den Daten der Trierer Forscher zufolge sogar als durchschlagender heraus als hilfreiche.

Helfende sollten bei Glaubensinhalten genau hinhören

Es geht bei der Schmerzverarbeitung unter anderem darum, Patienten bei Glaubenskonflikten hilfreich zur Seite zu stehen, um eine Überwindung des ständigen Haderns und Grübelns zu ermöglichen. Negatives religiöses Coping wird durch Kognitionen der Hilflosigkeit vermittelt. "Es scheint also, dass es bei dem Ringen mit dem eigenen Glauben vor allem um Themen der Hilflosigkeit bzw. Kontrolle und Zuversicht geht", folgert Claudia Appel. Dem glaubenden Patienten könne somit geholfen werden, indem ihm durch alternative Glaubensinhalte mehr Kontrollerleben vermittelt wird. Sinnvolle Hilfsmaßnahme könnte z.B. bei christlichen Patienten der Rückgriff auf bestimmte Bibelstellen sein, aber auch die Besprechung von Glaubensinhalten im Rahmen einer sonst eher säkularen Psychotherapie. "Helfende Personen in der Praxis sollten sich vor Augen halten, dass ebenso wie viele andere Aspekte auch Glaubensaspekte Einfluss auf das Schmerzerleben eines Patienten haben können", so Appel. "Dies setzt eine Auseinandersetzung mit der eigenen Einstellung des helfenden Menschen zu Glaubensthemen voraus."


Ansprechpartnerin

Dipl.-Psych. Claudia Appel, AG Religionspsychologie des Forschungszentrums für Psychobiologie und Psychosomatik der Universität Trier, Bad Kreuznach, Tel. 0671/79626852, E-Mail: claudia.appel@gmx.de

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