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Museen zwischen authentischen Objekten und virtueller Welt - Krise oder Chance?

14.11.2007 - (idw) Leibniz-Gemeinschaft

In einer öffentlichen Podiumsdiskussion thematisierten Experten die Rolle von
"Museen in der Informationsgesellschaft". Gastgeber dieser Veranstaltung im
Jahr der Geisteswissenschaften war das Institut für Wissensmedien Tübingen, an
dem gleichzeitig ein internationaler Workshop zum Thema "Lernen im Museum"
stattfand. Museen als Orte des "kollektiven Gedächtnisses", stehen im Zeitalter digitaler Medien vor neuen Herausforderungen, so der Tenor der Podiumsrunde, die von Dr. Carmen Zahn vom Institut für Wissensmedien moderiert wurde.

Moderne Wissenschaften erzeugen heute nicht mehr klassische Sammlungsobjekte und Fakten. Es gilt daher, auch Zeugnisse weniger greifbarer Wissenschaften wie z.B. der Nanotechnologie in eine Sammlungstradition einzubetten. Die Abbildung und Ausstellung "des Neuen (Wissens)" beinhalte immer auch den Rekurs auf "das Alte", so Frau Dr. Anke te Heesen, Leiterin des Universitätsmuseums Tübingen und verantwortlich für die laufende Ausstellung "Der Schrank in der Wissenschaft". Museen beschäftigen sich jedoch auch zunehmend damit, Prozesse der Wissensgenerierung zu thematisieren. Dadurch wird auch fragiles, kurzlebiges und teils widersprüchliches Wissen in den Fokus gerückt. Stößt der Museumsbesucher auf diese Darstellung kontroverser Informationen, können kognitive Konflikte erzeugt werden.

Den Besucher am Prozess der wissenschaftlichen Erkenntnisgewinnung teilhaben zu lassen, dazu dient beispielsweise die Einrichtung eines Gläsernen Labors am Deutschen Museum München. Intendiert ist, eine neue Form der Interaktion und der interpersonalen Kommunikation von Forscher auf der einen und dem Besucher auf der anderen Seite zu ermöglichen, wie Prof. Dr. Helmuth Trischler vom Deutschen Museum München erläuterte.

Nicht nur die museale Funktion der Wissensvermittlung wurde von den Diskutanten unterstrichen, sondern zugleich die Rolle von Museen als Wahrnehmungsschule und "Räume der Entschleunigung" in unserer komplexen Informationsgesellschaft. Prof. Dr. Gottfried Korff (Universität Tübingen) betonte die Bedeutung der unmittelbaren Begegnung mit authentischen Ausstellungsobjekten. Aus kognitionspsychologischer Sicht sei jedoch laut Prof. Dr. Stephan Schwan (Leiter der Abteilung "Wissenserwerb mit Cybermedia" des Instituts für Wissensmedien) kritisch zu hinterfragen, wie viel Wissen ein Besucher heute bereits mitbringen müsse, um die Authentizität der Ausstellungsobjekte erfassen zu können. Eine Orientierung an den (heterogenen) Alltagserfahrungen der Besucher könnte dem Einzelnen den Erkenntnisprozess erleichtern. Dies verlange den Museen jedoch ab, narrative Darstellungsformen und innovative Partizipationsmöglichkeiten für unterschiedliche Besuchertypen auszudifferenzieren. Die heutige Erwartung an die Museen, Inhalte gleichzeitig interessant, innovativ und ausgerichtet auf die verschiedenen Besuchertypen darzubieten, könne die Institutionen auch überfordern, warnt Prof. Dr. Helmuth Trischler. Die Museumsarbeit müsse sich auf ihre Kernaufgaben Sammeln, Bewahren, Forschen und Präsentieren besinnen. Die Abbildung der Sammlungen im Internet sei hingegen ein sinnvolles und ergänzendes Angebot der Museen, das kulturelle Erbe zu bewahren und zugänglich zu machen.

Die eigentliche "sinnliche Erfahrung Museum" macht jedoch auch in der heutigen Informationsgesellschaft nur derjenige, der sich Zeit nimmt, vor Ort sowohl die Ästhetik des Raums als auch die Wirklichkeit und Inszenierung der Objekte auf sich wirken zu lassen.

Die Podiumsdiskussion wurde am 09.11.2007 veranstaltet im Zusammenhang mit einem internationalen Workshop des Instituts für Wissensmedien zum Thema "Lernen im Museum". Referenten aus Kanada, den USA und Irland sprachen zu aktuellen Theorien und Forschungsmethoden, die besonders geeignet sind für die empirische Untersuchung des komplexen Themas "Lernen im Museum". Dieser Workshop ist Teil eines umfangreichen Forschungsprojektes zur Rolle digitaler Medien für das Lernen im Museum, das von der Leibniz-Gemeinschaft im Rahmen des Pakts für Forschung und Innovation der Bund-Länder-Kommission gefördert wird. Projektpartner sind das Institut für Wissensmedien Tübingen, das Deutsche Museum München und das Leibniz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften in Kiel. Das Projekt ist auf eine Laufzeit von 3 Jahren angelegt (2006-2008). Ziele des Projektes sind, problemorientiert Fragen mit Relevanz für die Museumspraxis zu untersuchen, den Wissensstand zum informellen Lernen in Museen zu erweitern und das Repertoire wissenschaftlicher Methoden für die Erforschung informeller Lernsituationen im Museum weiter zu entwickeln.

Kontakt und weitere Informationen:
Eva Reussner M.A.
Konrad-Adenauer-Str. 40
D-72072 Tübingen
Tel.: ++49 (0)7071 979-247
Fax: ++49 (0)7071 979-100
E-Mail: e.reussner@iwm-kmrc.de

Das Institut für Wissensmedien
Das Institut für Wissensmedien (IWM) in Tübingen erforscht das Lehren und Lernen mit innovativen Technologien. Rund 40 Wissenschaftler-/innen aus Psychologie, Erziehungswissenschaft und Medientechnik arbeiten hier an Forschungsfragen zum individuellen und kooperativen Wissenserwerb in medialen Umgebungen. Seit seiner Gründung im Jahre 2001 hat sich das IWM zum zentralen Ansprechpartner für den Aufbau nationaler und internationaler Forschungsverbünde zu Fragen des technologiebasierten Lehrens und Lernens entwickelt. Das Institut setzt seine Forschungsergebnisse in Pilotszenarien um, z.B. durch seine maßgebliche Mitwirkung am ersten virtuellen Graduiertenkolleg in Deutschland und bei der Entwicklung eines E-Teaching-Portals für Hochschullehrer.
Für nähere Informationen besuchen Sie uns bitte im Internet unter http://www.iwm-kmrc.de.

Die Leibniz-Gemeinschaft
Das Institut für Wissensmedien ist Mitglied der Leibniz-Gemeinschaft. Zur Leibniz-Gemeinschaft gehören 83 außeruniversitäre Forschungsinstitute und Serviceeinrichtungen für die Forschung. Die Ausrichtung der Leibniz-Institute reicht von den Natur-, Ingenieur- und Umweltwissenschaften über die Wirtschafts-, Sozial und Raumwissenschaften bis hin zu den Geisteswissenschaften. Leibniz-
Institute arbeiten interdisziplinär und verbinden Grundlagenforschung mit Anwendungsnähe. Sie pflegen intensive Kooperationen mit Hochschulen, Industrie und anderen Partnern im In- und Ausland. Das externe Begutachtungsverfahren der Leibniz-Gemeinschaft setzt Maßstäbe. Jedes Leibniz-Institut hat eine Aufgabe von gesamtstaatlicher Bedeutung. Bund und Länder fördern die Institute der Leibniz-Gemeinschaft daher gemeinsam. Die Leibniz-Institute beschäftigen rund 13.700 Mitarbeiter/-innen und haben einen Gesamtetat von mehr als 1,1 Milliarden Euro.

Näheres unter http://www.leibniz-gemeinschaft.de.

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