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Tripolis Praga

26.03.2003 - (idw) Universität Erfurt

Ausstellung zur Prager Moderne um 1900 in der Universitäts- und Forschungsbibliothek Erfurt

Die Ausstellung "Tripolis Praga. Die Prager Moderne um 1900" wird vom 2. April bis Ende Mai 2003 in der Universitäts- und Forschungsbibliothek Erfurt gezeigt. Der Geschichtswissenschaftler Prof. Dr. Joachim Bahlcke und der Literaturwissenschaftler Prof. Dr. Holt Meyer haben die Ausstellung, die über die Kultur einer Stadt im Aufbruch zur Moderne berichtet, nach Erfurt geholt. Die feierliche Eröffnung findet am 2. April 2003, 18.00 Uhr, in der Universitätsbibliothek statt. Die Ausstellung ist während der üblichen Öffnungszeiten der Bibliothek montags bis freitags von 8.00 Uhr bis 22.00 Uhr und samstags von 10.00 bis 16.00 Uhr auf mehreren Ebenen der Bibliothek in der Nordhäuser Straße 63 zu besichtigen. Der Eintritt ist frei.
Parallel zur Ausstellung veranstalten Prof. Bahlcke und Prof. Meyer in Kooperation mit dem Bildungswerk der Konrad-Adenauer-Stiftung eine Reihe von Abendveranstaltungen, bei denen namhafte Literaten, Politiker und Wissenschaftler zu den deutsch-tschechischen Beziehungen und zur heutigen kulturellen Situation in der Tschechischen Republik Stellung beziehen.

In der Ausstellung werden Dichter, Musiker und bildende Künstler mit ihren Werken vorgestellt, aber ebenso Politiker und Wissenschaftler. Die verlorene Dreieinheit und Rivalität von deutscher, tschechischer und jüdischer Kultur wird erstmals in ihrem Zusammenhang rekonstruiert. Dabei will die Ausstellung nicht die deutsche Kultur in der "Prager Moderne", nicht die tschechische Kultur und auch nicht die Leistung der deutsch- oder der tschechischsprachigen Juden jeweils isoliert in ihrer Eigenheit darstellen, sondern sie will die Kultur einer Stadt der "Moderne" in ihrer Gesamtheit zeigen.

Die Ausstellung lädt dazu ein, das Mitteleuropa der Städte wieder zu entdecken, das in den Kriegen und Vernichtungsexzessen des 20. Jahrhunderts untergegangen ist. Prag um 1900 ist eine Stadt dreier Völker gewesen: Neben der tschechischen Mehrheit gab es eine kleine, aber wirtschaftlich und kulturell einflussreiche deutsche Minderheit. Die jüdischen Einwohner Prags sahen sich zwischen den beiden Volksgruppen vor eine Entscheidung gestellt. Aus dieser Stellung zwischen den verfeindeten Nationen der Deutschen und Tschechen leiteten die Juden allgemein und insbesondere die Dichter des "Prager Kreises" um Max Brod und Franz Kafka ihre Rolle als kulturelle Vermittler ab.

Aus einer Provinzhauptstadt der Habsburger Monarchie entwickelte sich um 1900 der stolze Mittelpunkt der aufstrebenden Tschechischen Nation. "Zlatá Praha", das "Goldene Prag", entstand. Repräsentative Bauten spiegelten den wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Aufschwung der slawischen Hauptstadt. Die mit Vehemenz geschaffene tschechische Nationalkultur trug Prag zugleich den Rang einer europäischen Kulturstadt ein. Namentlich in der bildenden Kunst und der Musik ist die tschechische Moderne auch der Maßstab für die deutschen und vor allem für die jüdischen Intellektuellen, die sich besonders auf die Literatur konzentrierten. Das in Vereinen und Verbänden organisierte Deutschtum der Stadt versuchte, den Verlust des politischen Einflusses durch eine entschiedene Kulturarbeit zu kompensieren. Doch im Zuge der Sezessionsbewegungen, wie sie für die Metropolen der Moderne typisch sind, wandte sich die jüngere Generation von dieser Kultur der Abgrenzung ab. Die Autoren des Prager Kreises sahen ihre Rolle als Vermittler zwischen den Kulturen. Zugleich jedoch bildete sich eine immer stärkere Gruppierung, die nach einer eigenständigen Rolle der jüdischen "Nation" fragte, in einer "jüdischen Renaissance", die in Prag den besonderen Akzent des Kulturzionismus trug. So präsentiert die Ausstellung nicht nur die bekannten Namen jener Zeit - Franz Kafka, Alfons Mucha oder Antonín Dvorák -, sondern sie versucht, den Zusammenhang dieser Kultur im urbanen Milieu anschaulich zu machen.
Die Ausstellung "Tripolis Praga" ist von Mai bis Juni 2001 erstmals in Dresden gezeigt worden. Anschließend machte sie in Reichenberg/Liberec, Aussig/Ústí nad Labem, Brünn/Brno, Prag/Praha, Leipzig, Chemnitz und Berlin Station. Die Erfurter Ausstellung wird vielfältig in den Lehrbetrieb der Universität eingebunden: Zwei Seminare im Studium fundamentale sowie eine historisch-literaturwissenschaftliche Übung werden die Ausstellung flankieren. Überdies bereiten die Projektbetreuer, Prof. Bahlcke und Prof. Meyer, im Juli 2003 eine Exkursion mit Studenten nach Prag vor.

Die Ausstellung besteht aus 82 Tafeln, auf denen u.a. mehr als 400 Photos gezeigt werden. Sie ist vom "Mitteleuropa-Zentrum der Technischen Universität Dresden" konzipiert worden. Als Begleitmaterial für die Ausstellung gibt es neben Plakaten, einem Faltblatt und einer CD-Rom auch einen Ausstellungskatalog. Der Katalog ist als eigenständiges Lesebuch konzipiert. In einzelnen, in sich abgeschlossenen Artikeln werden die verschiedenen Ausstellungsobjekte erläutert. Querverweise zwischen den Texten gestatten dem Leser eine vertiefende Lektüre.

Begleitend präsentiert die Universitäts- und Forschungsbibliothek Erfurt/Gotha eine Vielzahl von Werken, die aus der Feder jener Autoren stammen, denen sich die Ausstellung unter anderem widmet. Zurückgreifen kann sie hier vor allem auf die ungewöhnliche Schenkung von Helena und Dr. Helmut Teufel, deren umfangreiche Sammlung seit 1997 allmählich in der Bibliothek aufgeht. Durch ihre Schwerpunkte, tschechische Literatur und Literatur- und Kulturgeschichte und Geschichte des Judentums in Mittelosteuropa, ist die Sammlung mit ihren Erstausgaben und frühen Auflagen für die Universität und nicht zuletzt auch für die Ausstellung "Tripolis Praga" besonders reizvoll.

Am 2. April 2003 um 15.00 Uhr laden die Veranstalter zu einem Pressegespräch in den Beratungsraum der Bibliothek in der ersten Etage ein.

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