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Wenn es den Menschen gut geht, wachsen sie in die Höhe

15.05.2002 - (idw) Eberhard-Karls-Universität Tübingen

Wenn eine Bevölkerung besser mit eiweißhaltigen Lebensmitteln versorgt wird, nehmen die durchschnittlichen Körpergrößen der Menschen zu. Das war auch in Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg der Fall. Die Forscher Prof. Jörg Baten und Andrea Wagner haben untersucht, warum die Körpergrößen in der frühen NS-Zeit von 1933 bis 37 stagnierten - obwohl Hitlers Politik häufig in Verbindung mit einem wirtschaftlichen Aufschwung gesehen wird.

Wirtschaftswissenschaftler untersuchen die Ernährungslage in der frühen Nazi-Zeit

Kindern wird häufig gesagt, sie sollten essen, damit sie groß und stark werden. Da ist was dran, denn wie groß ein Mensch in der Länge wächst, hängt unter anderem auch von der Eiweißversorgung ab. Betrachtet man einzelne Familien, spielen sicherlich die Gene eine Rolle bei der Körpergröße. Doch statistisch gesehen lässt sich an der Entwicklung der durchschnittlichen Körpergröße einer Bevölkerung die Ernährungsqualität ablesen. Wie die Ernährungslage und die Sterblichkeit der Deutschen in der frühen NS-Zeit von 1933 bis 37 aussahen, hat der Wirtschaftswissenschaftler Prof. Jörg Baten von der Universität Tübingen in Zusammenarbeit mit Andrea Wagner von der Universität München untersucht.

Seit Mitte des 19. Jahrhunderts sind die Europäer durchschnittlich immer länger geworden - solange sie sich zunehmend besser mit Lebensmitteln und medizinischen Ressourcen versorgen konnten. "Im 20. Jahrhundert nahm die durchschnittliche Körpergröße nach dem Ersten Weltkrieg kontinuierlich zu. Überraschenderweise trat etwa mit dem Beginn der NS-Zeit 1933, also vor dem Krieg, eine Stagnation ein. Das war etwa in Stuttgart und Leipzig feststellbar", sagt Baten. Im gleichen Zeitraum nahmen in den anderen europäischen Ländern die Körpergrößen weiter zu. Das Bruttoinlandsprodukt andererseits, das den Wirtschaftswissenschaftlern als Maß für den materiellen Wohlstand eines Landes dient, war in Deutschland nach der Weltwirtschaftskrise 1930-33 gestiegen, Deutschland war dabei sogar an anderen Ländern vorbeigezogen. Auch die Arbeitslosigkeit sank rapide. "In der Wahrnehmung vieler Menschen ist die frühe NS-Zeit mit einem wirtschaftlichen Aufschwung verbunden", sagt der Wirtschaftswissenschaftler. Während im europäischen Vergleich die Sterblichkeit abnahm, nahm sie jedoch in Deutschland von 1932 bis 37 in fast allen Altersklassen zu, besonders dramatisch bei Kindern zwischen fünf und fünfzehn Jahren. Während also Indikatoren der Kaufkraft einen Aufschwung signalisierten, verschlechterte sich der "biologische" Lebensstandard. Doch wie kam es zu diesen widersprüchlichen Beobachtungen?

"In dieser Zeit ist das Einkommen pro Kopf in Deutschland rapide gestiegen. Zunächst lag es nahe, die Verteilung der Einkommen zu untersuchen. Zwar ist tatsächlich die Lohnquote, der Prozentanteil der Löhne am Volkseinkommen, gesunken, aber die Familieneinkommen sind insgesamt doch gestiegen", erläutert Baten. Dies konnte die Abnahme des biologischen Lebensstandards nicht erklären. Ebenso schied eine Arbeitszeitverlängerung als Erklärung aus, da die höhere Sterblichkeit vor allem auch bei den - nicht im Arbeitsleben stehenden - Kindern und Jugendlichen auftrat. Eine Ursache findet sich eher im Gesundheitswesen. Zwar habe es bei der Zahl der Ärzte und Planbetten keine drastische Abnahme gegeben, so Baten. Vorstellbar sei, dass die Qualität der medizinischen Versorgung abgenommen hat, weil die jüdischen Ärzte ihren Beruf nicht mehr ausüben durften. "Die Ausgaben für die medizinische Versorgung sind in dieser Zeit gestiegen, wenn auch lächerlich im Vergleich zu den Rüstungsausgaben. Die Vorbeugung wurde vernachlässigt, wie zum Beispiel bei den Impfungen gegen Diphtherie erkennbar ist", sagt der Forscher.

In den USA sei die Diphtheriesterblichkeit in den Jahren 1925 bis 40 von 0,8 auf 0,1 Gestorbenen pro 10 000 Einwohner zurückgegangen, in Deutschland habe es von 1925 bis 39 dagegen einen Anstieg von 0,5 auf 1,2 Gestorbenen pro 10 000 Einwohner gegeben. Außerdem seien die einzelnen Faktoren nicht immer voneinander zu trennen. Denn auf etliche Erkrankungen wie Diphtherie und Influenza und vor allem bei Infektionen der Atemwege, bei Diarrhoe, Tuberkulose und Masern hat die Ernährung einen Einfluss. Die Todesfälle aufgrund ernährungsbezogener Krankheiten sind in Deutschland in dieser Zeit stark gestiegen.

Einen Hauptgrund für die Stagnation der durchschnittlichen Körpergröße und die erhöhte Sterblichkeitsrate sieht Baten in der Autarkiepolitik Deutschlands. Deutschland hatte Devisenmangel, Importe wurden auf Rüstungsgüter konzentriert. "Dabei war Deutschland zuvor ein starker Nahrungsmittelimporteur. Schon vor dem Ersten Weltkrieg kamen rund 30 Prozent der Proteine in Form von Fleisch und Milchprodukten aus Dänemark, dem Ostseeraum, der Ukraine und Amerika", erklärt Baten. Das Land konnte sich also nicht problemlos mit Nahrungsmitteln selbst versorgen. "Vor allem in den Küstenregionen wie Schleswig-Holstein und Mecklenburg und in den Regionen an den großen Flüssen, die vorher zu den starken Importregionen zählten, entwickelte sich die Versorgungslage mit Proteinen sehr ungünstig", erklärt Baten. Geschätzt hat er die Versorgung unter anderem an der Zahl der Rinderschlachtungen pro Einwohner. "Im Binnenland wurden diese Zahlen zum Teil sogar gesteigert oder nahmen zumindest nicht ab", so Baten. Vor allem im Nordwesten Deutschlands, und dort besonders in den städtischen Regionen, nahm auch die Kaufkraft für Rindfleisch und das Angebot an anderen Lebensmitteln stärker ab als im Süden und ländlichen Regionen.

Einen zweiten Grund für die schlechtere Versorgung der Bevölkerung hat Baten in der Desintegration der Märkte in der frühen NS-Zeit gefunden. Offenbar sank der Lebensmittelverkauf der Bauern an die Städter, möglicherweise haben die Bauern ihre Erzeugnisse verstärkt selbst konsumiert. "Die NS-Politiker befanden sich hier in der Klemme: Sie waren ihren bäuerlichen Anhängern verpflichtet, wollten aber auch die Städter nicht mit hohen Preisen drangsalieren", sagt der Forscher. Als Ausweg verringerten sie damals die Handelsspannen und verbanden dies mit antisemitischer Propaganda gegen die jüdischen Händler. Die Preise wurden staatlicherseits stark reguliert. "Dies alles führt zu weniger Produktion und weniger Angebot", erläutert Baten. Für die Großstädter, die in Städten mit mehr als 100 000 Einwohnern lebten, ergaben sich ungünstige Konsumdaten. Sie waren auch von der Erhöhung der Sterblichkeitsrate besonders betroffen. In kleinen Städten mit 15 000 bis 30 000 Einwohnern gab es teilweise sogar eine Abnahme der Sterblichkeit. In solchen Zeiten blühen dann häufig die Schwarzmärkte. "Es gibt sowohl Berichte darüber, dass Bauersfrauen Butter und Milch schwarz an Städter verkauften, als auch, dass Lebensmittelhändler schwarz an Prominente verkauften", so der Forscher. Doch der Schwarzmarkt konnte die Unterversorgung nicht ausgleichen. "Propagandaminister Goebbels ging auch mit 'exemplarischen Urteilen', drastischen Strafen, gegen den Schwarzhandel vor."

Ein wichtiges Ergebnis der Forschungen von Baten und Wagner ist, dass die NS-Wirtschaftspolitik zentrale Komponenten des Lebensstandards verschlechterte, nicht verbesserte. Zusammenfassend geben die Wirtschaftshistoriker für die stagnierenden durchschnittlichen Körpergrößen in der frühen NS-Zeit drei Gründe an: "Im Gesundheitswesen wurde zu wenig investiert, etwa in Impfungen. Zweitens waren vor allem die Großstädter durch eine Desintegration der Märkte mit geringem Angebot und hohen Preisen unterversorgt und drittens fehlten durch die strenge Autarkiepolitik der Nazis Proteinimporte." (7120 Zeichen)

Nähere Informationen:

Prof. Dr. Jörg Baten
Wirtschaftswissenschaftliches Seminar
Abteilung Wirtschaftsgeschichte

Mohlstraße 36
72074 Tübingen
Tel. 0 70 71/2 97 29 85
Fax 0 70 71/29 39 26
e-mail: joerg.baten@uni-tuebingen.de

Dipl.-Volksw. Andrea Wagner
Universität München
Seminar für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte
Ludwigstr. 33/III
80539 München
Tel. 0 89/21 80-57 70
Fax 0 89/21 80-31 68
a.wagner@swg.vwl.uni-muenchen.de

Die Studie erscheint in Kürze in der Zeitschrift "Economics and Human Biology" (www.elsevier.com/homepage/sae/econworld/econbase/ehb/frame.htm).


Der Pressedienst im Internet: http://www.uni-tuebingen.de/uni/qvo/pd/pd.html
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