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Mit Sport Selbstvertrauen stärken

20.12.2007 - (idw) Westfaelische Wilhelms-Universität Münster

Als die elfjährige Schülerin nach sechs Monaten in die Schule zurückkehrte, hatten Leukämie und Chemotherapie ihren Körper geschwächt. Wochenlang hatte sie abgeschottet von der Außenwelt im Krankenhausbett gelegen und sich gelangweilt. Nach der langen Pause freute sie sich auf den Sportunterricht, denn dort konnte sie endlich wieder mit anderen Kindern aus ihrer Klasse herumtollen. Doch ihr Sportlehrer traute ihr nichts zu - sie fühlte sich unterfordert. Ein Einzelfall? Keineswegs, da ist sich Christine Becker, Studentin der Fachrichtung Sportwissenschaft an der WWU Münster, sicher. In ihrer Examensarbeit befragte sie Sportlehrer aus NRW und Niedersachsen, die krebskranke Kinder in der Rehabilitationsphase unterrichteten. "Im Umgang mit diesen Schülern herrscht im Sportunterricht eine große Unsicherheit", bilanziert die 28-Jährige. Dabei sei er besonders geeignet, um Schülern Selbstvertrauen in sich und ihre körperlichen Kräfte zu geben und sie wieder in die Klasse zu integrieren. "Spiel und Sport erleichtern es Kindern nach langer Krankheit, sich wieder in den Alltag einzuleben", bestätigt Prof. Dr. Michael Krüger vom Arbeitsbereich Sportpädagogik und Sportgeschichte, der die Examensarbeit betreute.

Durch ihre ehrenamtliche Tätigkeit beim Projekt "AusZeit", in dem sich Studierende im Universitätsklinikum um krebskranke Kinder kümmern, erfuhr Becker von den Problemen der Kinder im Sportunterricht. Aus Angst, sie zu über- oder unterfordern, gingen Sportlehrer unsicher mit ihnen um. "Dabei bietet Sport enorme Chancen. Chronisch kranke Kinder merken dort, dass sie normal und leistungsfähig sind", betont Becker. Unterstützt durch Stationsärzte und Eltern betroffener Kinder, führte sie mit acht Sportlehrern der Sekundarstufe I Leitfadeninterviews. Alle hatten Kinder unterrichtet, die vor dem Wiedereinstieg in die Schule gegen Leukämie oder Keimzelltumore behandelt wurden. Becker interessierte, wie Sportlehrer über die Krankheit ihrer Schüler informiert waren und in welcher Weise sie sie später wieder in den Sportunterricht einbezogen.

"Die Untersuchung zeigt, dass der Informationsfluss sehr ungeregelt und abhängig von den Initiativen der Klassenlehrer und Eltern ist", fasst die angehende Sportlehrerin ihre Erkenntnisse zusammen. Informationen darüber, wie die Kinder sinnvoll gefördert werden können, fehlten. Zudem konnten Lehrer nicht einschätzen, wie leistungsfähig Kinder nach der Krankheit waren. "Das hängt sicherlich auch davon ab, wie viel Spaß Kinder generell am Sport haben", vermutet Becker. So berichteten Lehrer von unterschiedlichen Erfahrungen: Während ein Schüler, der nie gern Sport getrieben habe, auch nach der Krankheit lustlos war und die Krankheit vorschob, habe ein anderer genauso teilgenommen wie vor der Krebstherapie. Ein Kind, dessen Interesse an Sport vor der Erkrankung gering war, fand danach über die körperlichen Aktivitäten wieder in den Alltag zurück.

Sportunterricht, der individuelle Fähigkeiten der Schüler fördere, sei für Kinder mit Krebserkrankungen ideal, so der Tenor der befragten Lehrer. Dazu zählten etwa Ballspiele oder ein Stationsparcours. Ein Lehrer ließ eine Schülerin mit Krankheitsgeschichte die Zeiten messen, als die anderen um die Wette liefen. "Eine gute Möglichkeit, denn Sportlehrer müssen auch soziale Kompetenzen benoten", urteilt Becker. Wettbewerbe wie die Bundesjugendspiele seien dagegen eher hinderlich, da hierbei nicht individuelle Leistungsfortschritte der Schüler bewertet werden könnten.

Zwar gibt es in Deutschland mehrere Broschüren, die Lehrer über den Umgang mit chronisch kranken Schüler informieren, doch kannten die interviewten Lehrer diese meist nicht. In der Ausbildung von Sportlehrern spielt das Thema keine Rolle, entsprechende Fortbildungen fehlen. Krüger hat aus Beckers Ergebnissen Konsequenzen gezogen: Im Sommer hat er bei der Deutschen Krebshilfe ein Projekt beantragt, in dem der Umgang mit erkrankten Kindern im Sportunterricht genauer erforscht werden soll. Wenn das Projekt bewilligt wird, könnten an dessen Ende "mobile Trainer" stehen, die Sportlehrern mit Ratschlägen und Übungen helfen, ehemals kranke Kinder in den Unterricht einzubeziehen.

Weitere Informationen: http://www.uni-muenster.de/Sportwissenschaft/Paedagogik/
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