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Wissenschaftsrat: Strohschneider zu aktuellen Tendenzen im deutschen Wissenschaftssystem

28.01.2008 - (idw) Wissenschaftsrat

Ergebnisse der Wintersitzungen des Wissenschaftsrates in Berlin (23.-25. Januar 2008) Erstmals wurden die Wintersitzungen des Wissenschaftsrates mit einem Bericht seines Vorsitzenden zu aktuellen Tendenzen im deutschen Wissenschaftssystem abgeschlossen. Dabei griff der Vorsitzende Professor Peter Strohschneider drei grundsätzliche wissenschaftspolitische Themen auf: die Entwicklung institutioneller Kooperationen, das derzeitige Gehaltsgefüge im Wissenschaftssystem sowie die neue Aufteilung der Verantwortlichkeiten zwischen Hochschulen und Ländern. An der anschließenden Diskussion beteiligte sich auch die an der Vollversammlung als Gast teilnehmende Bundesministerin für Bildung und Forschung, Dr. Annette Schavan.

Die jüngsten Entwicklungen in der Kooperation von Universitäten und außeruniversitären Forschungseinrichtungen aufgreifend betonte Strohschneider, es komme darauf an, diesen Prozess der Entsäulung zur Stärkung des deutschen Wissenschaftssystems zu nutzen. Dass universitäre und außeruniversitäre Einrichtungen inzwischen neue Organisationsformen der Zusammenarbeit entwickelten, sei grundsätzlich sehr positiv zu werten, da es eine Reihe von Vorteilen für beide Partner gebe. Die Frage nach dem Grad der Verflechtung von außeruniversitären und universitären Einrichtungen werde, davon gehe er aus, Gegenstand weiterer Aushandlungsprozesse sein. Ungeachtet dessen sei jedoch Voraussetzung, dass die Universitäten auch weiterhin Organisationszentren der Wissenschaft blieben. Das manifestiere sich unter anderem darin, dass sie auch weiterhin das exklusive Promotionsrecht besitzen müssten.

Im Wettbewerb um höchstqualifiziertes Personal, stellte Strohschneider heraus, stünden die Einrichtungen des deutschen Wissenschaftssystems in einer Konkurrenz nicht nur mit internationalen Wettbewerbern, sondern in vielen Fachgebieten darüber hinaus auch mit der Wirtschaft. Deutsche Forscher und Forscherinnen verdienten nicht nur weniger als ihre Kollegen in den USA und Japan, auch im europäischen Vergleich bleibe Deutschland hinter der Schweiz, Österreich und den Niederlanden zurück. Prinzipiell seien durch die W-Besoldung Möglichkeiten der Gehaltsverbesserung und der Gehaltsdifferenzierung eröffnet. Zu achten sei aber insbesondere darauf, dass es durch die Gehaltsdifferenzierung nicht zu Strukturverschiebungen zulasten der Grundlagenforschung oder der Lehre komme. "Wissenschaftliche Leistung und Qualität müssen die primären Kriterien bei der Begründung von Gehaltsunterschieden sein, sie dürfen künftig nicht allein Marktnähe oder Marktferne ausdrücken und so zu einer 'Zwei-Klassen-Gesellschaft' führen", so Strohschneider. Ansonsten sehe er die Einheit von wissenschaftlichen Institutionen ernsthaft bedroht.

Die gegenwärtige Neuverhandlung des Verhältnisses der Länderministerien zu ihren Hochschulen befinde sich, so Strohschneider, in einer sensiblen Phase. Es komme erstens darauf an, dass der Zuwachs an Freiheit, den die Länder einräumten, auch wirklich bei den Universitäten ankomme und nicht an Dritte falle. Zweitens stehe der Gewinn an institutioneller Freiheit aller Hochschulen in einem Spannungsverhältnis zur Systemverantwortung jedes Landes, aber auch der Verantwortung für das Wissenschaftssystem in Deutschland insgesamt. "Eine mögliche unerwünschte Folge kann die Reduzierung der Fächervielfalt an den Universitäten sein, sie ist imstande, die Existenz einiger kleinerer Fächer zu bedrohen. Solche nicht beabsichtigten Effekte der Neuordnung von Verantwortlichkeiten müssen genau beobachtet werden", erläuterte Strohschneider.

Zu den Ergebnissen der Wintersitzungen des Wissenschaftsrates im Einzelnen:

Dem Deutschen Archäologischen Institut (DAI) wird bescheinigt, in den vergangenen Jahren hervorragende Forschungsarbeit geleistet und seine wissenschaftlichen Serviceleistungen auf höchstem Niveau erfüllt zu haben. Ebenso finden die Modernisierungsmaßnahmen im Bereich Organisation und Forschungsplanung große Anerkennung. Dieses überzeugende Niveau ist nach Auffassung des Wissenschaftsrates aber nur zu halten, wenn das Auswärtige Amt eine adäquate finanzielle und personelle Ausstattung des DAI sicherstellt, die den bedarfsgerechten Ausbau der Serviceleistungen wie auch die fachliche Weiterentwicklung und internationale Wettbewerbsfähigkeit des DAI dauerhaft gewährleistet.

Hochschulleitung, Lehrpersonal und Studierende der Hochschule für Gestaltung Karlsruhe (HfG) haben mit nachhaltiger Innovationsfähigkeit und in seltener Einigkeit und Flexibilität die Ziele der Gründungskonzeption von 1992 erfolgreich umsetzen können. Auf diese Weise ist eine attraktive und leistungsstarke Ausbildungsstätte mit außergewöhnlichem Studienangebot entstanden, die sich darüber hinaus auch durch erfolgreiche Forschungs- und Entwicklungstätigkeit als anerkannte Kunsthochschule etablieren konnte.

Im Rahmen der institutionellen Akkreditierung hat der Wissenschaftsrat zwei Hochschulen akkreditiert: Die Jacobs University Bremen überzeugt den Wissenschaftsrat mit ihrem breiten Angebot an Bachelor-Studiengängen, der frühen Heranführung der Bachelor-Studierenden an Forschungsprojekte, ihrer internationalen Atmosphäre, dem großen Engagement aller Beteiligten sowie mit ihren vorzüglichen Betreuungsverhältnissen. Auch in der Forschung hat sich die Hochschule seit der Konzeptakkreditierung im Jahr 2001 gut weiterentwickelt. Infolge der insgesamt guten Entwicklung muss sich die Jacobs University Bremen erst in zehn Jahren der nächsten institutionellen Akkreditierung stellen.

Mit der "BSA-Private Hochschule für Prävention und Gesundheitsmanagement" (BSA) in Saarbrücken hat der Wissenschaftsrat eine Fernhochschule akkreditiert, die sich in Lehre und Forschung mit dem immer wichtiger werdenden Thema Gesundheit beschäftigt. Sie überzeugt sowohl durch ihr tragfähiges Leitbild als auch durch die akkreditierten Studiengänge, deren Absolventen auf einem expandierenden Gesundheitsmarkt gute Berufsaussichten haben. Die Akkreditierung wird für fünf Jahre ausgesprochen.

In einer Resolution hat sich der Wissenschaftsrat dafür ausgesprochen, öffentliche Aufwendungen für das Bildungs- und Wissenschaftssystem nicht mehr gegenüber Sachinvestitionen zu benachteiligen. Ausgaben für Wissenschaft, Bildung, Forschung und Technologie müsse in den öffentlichen Haushalten eine klare Priorität eingeräumt werden.


Hinweis: Der Bericht des Vorsitzenden des Wissenschaftsrates zu aktuellen Tendenzen im deutschen Wissenschaftssystem, die Resolution "Ausgaben für Wissenschaft und Bildung sind Zukunftsinvestitionen" sowie die Empfehlungen und Stellungnahmen werden im Netz als Volltext (www.wissenschaftsrat.de) veröffentlicht, sie können aber auch bei der Geschäftsstelle des Wissenschaftsrates per E-Mail (post@wissenschaftsrat.de) angefordert werden.
Weitere Informationen: http://www.wissenschaftsrat.de
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