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Erstes Lehrbuch zum gesprochenen Rumänisch

02.04.2003 - (idw) Universität Leipzig

Der gestandene Romanist hat bislang rund 30 Promotionen und Habilitationen zu romanischen Sprachen betreut; der junge Historiker soeben seine Dissertation zu "Sprachkonflikt, Sprachbewusstsein und Sprachloyalität in der Republik Moldova" verteidigt. Doch nicht allein bei der Promotion kreuzten sich die Wege der beiden Leipziger Wissenschaftler. Gemeinsam zeichnen Prof. Klaus Bochmann und Dr. Vasile Dumbrava für "Limba Romana vorbita in Moldova istorica" verantwortlich - das erste Lehrbuch, das sich der Analyse des gesprochenen Rumänisch widmet.

15 Forscher aus drei Ländern verschnüren über 200 Texte zu einem Lehrbuch in zwei Bänden. Schlussendlich sagen die beiden Herausgeber: "Wir hoffen, dass es die Funktion eines Standardwerkes erhält." Die Erwartung, die Prof. Klaus Bochmann und Dr. Vasile Dumbrava mit "Limba Romana vorbita in Moldova istorica" ("Gesprochenes Rumänisch in der historischen Moldau", Leipziger Universitätsverlag) verknüpfen, gründet auf die Reaktion, die das Werk bislang erfahren hat. Bereits bei der Vorstellung des ersten Lehrbuches, das der Erforschung des gesprochenen Rumänisch dient, stieß es auf "gute Resonanz" - sowohl am Institut für Linguistik der Akademie der Wissenschaften Rumäniens als auch an den Universitäten Rumäniens und der Republik Moldovas (deutsch: Moldau). Damit hat die Startauflage von 500 Exemplaren in jenen beiden Nachbarländern, deren ethnische und sprachliche Verflechtung bis ins 14. Jahrhundert zurück reicht, eine wohlwollende Aufnahme erfahren.
Doch während die rumänische Sprache in Rumänien als Nationalsprache anerkannt ist, ist sie landläufig in Moldova mit Vorurteilen und Abwertungen besetzt. Auch die Tatsache, dass 1989 - unter dem politisch motivierten Synonym "Moldauisch" - Rumänisch zur offiziellen Sprache des Landes erklärt wurde, vermochte die Ressentiments nicht vollständig auszuschalten. Bis heute dominiert in der einstigen Moldauischen Sozialistischen Sowjetrepublik das bis 1989 politisch oktroyierte Russisch. Nach wie vor gebieten es die gesellschaftlichen Konventionen in der jungen, seit August 1991 unabhängigen Republik, im Beisein eines nicht rumänischsprachigen Menschen russisch zu sprechen. Und noch immer dient auch das von der Mehrheit der Bevölkerung verstandene Russisch als allgemeine Verkehrssprache.
Angesichts dieser Situation und ihrer historischen Wurzeln weitet "Limba Romana vorbita in Moldova istorica" die linguistische Untersuchung hin zur soziolinguistischen Analyse. Bei diesem Ansatz stützten sich die jeweils fünf Wissenschaftler aus Deutschland, Moldova und Rumänien, die sich in das Lehrbuch einbrachten, auf zwei Ausgangspunkte: zum einen auf die Sprachforschung in westlichen Sprachräumen wie Englisch, Französisch und Deutsch, die den sozialen Kontext als Wesenszug von Sprache begreift; zum anderen auf vorliegende fundierte Studien zur Schriftsprache und zur Sprachgeschichte des Rumänischen. Auf diese Basis gründete sich das Anliegen, "die moderne Umgangssprache zu untersuchen" (Prof. Bochmann) - in Zusammenarbeit mit den rumänischsprachigen Ländern und innerhalb der "Wege nach Europa", jenes Programms der VW-Stiftung, das auf die Modernisierung von Forschung und Lehre an den Hochschulen der osteuropäischen Reformländer zielt.
Die erstmalige Untersuchung des gesprochenen Rumänisch konzentriert sich auf den Bereich der historischen Moldau - aus geschichtlicher Perspektive umfasst dies das Fürstentum Moldau bis zur Teilung 1812; aus heutiger Sicht gehören die eigenständige Republik Moldova und die rumänische Moldau hinzu. Adäquat zur einheitlichen Dialektgrundlage, auf die das Rumänisch sowohl in Rumänien als auch in Moldova baut, konzentrierten sich die Wissenschaftler bei der Sammlung von Beispielen für das gesprochene Rumänisch auf die moderne städtische Fassung wie sie in Iasi und Balti sowie Chisinau (beide Republik Moldova) zu hören ist. Mit dem Institut für Linguistik der Akademie der Wissenschaften und der Universitäten von Iasi (Rumänien) sowie der Universität Chisinau (Republik Moldova) brachten sich jene Institutionen in die Arbeit des Sammelns und Analysierens der Texte ein, die bereits als Zentren der rumänischen Sprachforschung fungieren.
So sind in Band II, den "dicken", über 200 Texte eingeflossen, aufgenommen aus all jenen Bereichen, in den mündlich verhandelt wird: Der gelehrte Disput an der Universität und der Unterricht in der Schule ebenso wie der Prozess vor Gericht und der Besuch beim Arzt, der Schwatz auf der Straße und die Verständigung in der Familie ebenso wie die Stegreifrede des Bürgermeisters und der Talk im Radio - kurzum: unterschiedlichste Situationen, in denen die gesprochene Sprache sehr unterschiedlich gebraucht und auch variiert wird. Doch so selbstverständlich bei der Aufnahme und beim Abhören der Textbänder gesprochenes Rumänisch zu hören war, so natürlich stellte sich beim Transkribieren vor Ort die Frage: Soll das gesprochene Wort authentisch wiedergegeben werden oder sollen offenkundige "Sprachschnitzer" und "Kunstpausen" zu Gunsten der Lesbarkeit der Texte zurückgenommen werden. "Durchaus ein Dilemma", erinnert sich Prof. Bochmann, dem sich alle beteiligten Wissenschaftler stellen mussten. Letztlich fiel die Entscheidung zugunsten einer exakten Wiedergabe.
Eine Entscheidung, die im Resümee von Prof. Bochmann seine Begründung findet. Die Erkenntnisse des Leipziger Romanisten greifen - neben den linguistischen Ergebnissen - genau jene Wertungen auf, die Gefühle ansprechen und oft Ausdruck von Minderwertigkeit sind. Prinzipiell ist die Sprache Rumänisch natürlich bekannt - der Reiz allerdings, der in den unterschiedlichen Strukturen schriftlicher und mündlicher Sprache begründet liegt, ist bislang jedoch nicht erschlossen; künftig bedarf es sowohl einer anderen Art der Forschung als auch ein anderen Art der Vermittlung des gesprochenen Rumänisch im Vergleich zum geschriebenen. Neben dieser grundlegenden Differenz erhellen die erfassten Sprachproben verschiedene Formen des gesprochenen Rumänisch: Je nachdem, auf welcher Stufe die Texte - in der Weite zwischen der formal-institutionellen und der spontanen Ebene - entstehen, ergibt sich eine breite Skala von sprachlichen Abstufungen. Zudem zeigt sich, dass in der Republik Moldova sowie im moldauischen Teil Rumäniens "eine Art Regionalrumänisch" gesprochen wird. "Bisher", erläutert Prof. Bochmann, "wurde der Begriff vermieden." Doch auf dem Fundament der linguistischen Studien lässt er sich nun erstmals anwenden. Allerdings: "Wir benötigen den Vergleich mit anderen Regionen Rumäniens." Und der steht noch aus.
Die jetzige Analyse hat schließlich auch die Unterschiede in Aussprache, Wortschatz und Grammatik zwischen dem gesprochenen Rumänisch im heutigen Rumänien und der Republik Moldova belegt: beispielsweise werden Redewendungen, die dort ein Gespräch einleiten oder beenden, als Floskeln überhört; während hier Sätze wie "Ärgern Sie sich nicht." ernst genommen werden. In Moldova haben außerdem bestimmte Redewendungen des Rumänischen überlebt, die in Rumänien bereits als "alt" gelten. "Aber", betont Dr. Dumbrava, "in der Summe genügen die Unterschiede nicht, in der Republik Moldova eine eigenständige Nationalsprache 'Moldauisch' wissenschaftlich zu begründen." Vielmehr knüpfen der rumänischsprachige Moldauer Dr. Dumbrava und der Leipziger Romanist Prof. Bochmann eine zweite Hoffnung an die Studie: "Von hier aus kann die Forschung zum gesprochenen Rumänisch in anderen Landstrichen wie Bukarest, dem Banat und Siebenbürgen ausgehen." Daniela Weber

Weitere Informationen: Prof. Dr. Klaus Bochmann

Telefon: 0341 97 37411
E-Mail: bochmann@uni-leipzig.de
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