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Seitenwechsel mit Hindernissen

02.04.2008 - (idw) Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung (ISI)

Uni oder Industrie - wer in die Forschung geht, trifft in Deutschland meist eine Entscheidung fürs Leben. Dadurch wird viel Potenzial in der Wissenschaft verschenkt, sagt das Fraunhofer ISI. Denn Wechsler zwischen den Systemen sind kreativer, innovativer und melden mehr Patente an. In Deutschland gibt es zu wenig "Seitenwechsler" - Wissenschaftler, die zwischen Universität und Unternehmensforschung wechseln. Warum das so ist, hat das Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung genauer untersucht. Danach sind Forscherkarrieren in Deutschland oft eine Einbahnstraße. Während der Wechsel von der Hochschule in die Wirtschaft möglich ist und gut bezahlt wird, ist die Rückkehr in den akademischen Bereich schwierig. Darunter leidet die Innovationskraft: Seitenwechsler zwischen Unternehmensforschung und Universität sind kreativer und setzen Wissen besser in Anwendungen um.

Zwar wechseln junge Forscher heute schon häufiger als ältere in ihren jungen Jahren. Aber von einer Durchlässigkeit wie in den USA oder Skandinavien ist Deutschland noch weit entfernt. Der Grund: Industrieforscher sammeln zwar wertvolles Anwendungswissen, doch das ist im akademischen Umfeld weniger wert. Uni-Forscher dagegen publizieren eifrig weiter, was ihnen einen entscheidenen Vorsprung bei der akademischen Karriere verschafft. Diese institutionellen Barrieren bremsen individuelle Karrierewünsche und schränken potenzielle Transfermöglichkeiten ein. Das Karlsruher Institut belegt dies im Projekt "Mobility" für das Bundesministerium für Bildung und Forschung am Beispiel der Biotechnologie- und Pharmabranche.

Mit den Überlegungen für ein Wissenschaftsfreiheitsgesetz oder dem Wettbewerb "Austauschprozesse" zielen Bundesforschungsministerium beziehungsweise Stifterverband darauf ab, die Wertschätzung des Wechsels zwischen Universität und Industrie zu erhöhen. Sie setzen damit am richtigen Punkt an. "Die Landeshochschulgesetze müssten solche Initiativen unterstützen, indem sie die formalen Anforderungen für Universitätskarrieren anpassen", so Projektleiter Dr. Bernd Beckert.

Beckert sieht bereits positive Ansätze. So findet ein großer Teil des Wissenstransfers in Deutschland über gemeinsame Projekte und Publikationen statt. Hier lautet die Empfehlung an die Politik, noch stärker als bisher gemeinsame Forschungsprojekte zwischen akademischen Institutionen und der Wirtschaft einzufordern und zu unterstützen. Denn von solchen Kooperationen gehen oft ähnlich positive Transfereffekte aus wie vom persönlichen Wechsel.

Beckert und seine Kollegen haben bei der Wechselwilligkeit der Wissenschaftler große Unterschiede zwischen den Fachdisziplinen festgestellt. So haben Ingenieure heute kaum Aussicht auf eine Professur, wenn sie nicht einige Jahre in einem Unternehmen gearbeitet haben. Anders in Biotechnologie und Pharmazie: Wer dort eine Hochschulkarriere anstrebt, sollte sich auf die Universität konzentrieren. Ein Seitenwechsel ist dort in Zukunft nur sinnvoll, wenn sich die Anreizsysteme ändern, etwa indem Forschungsmittel an Berufserfahrung in der Industrie gekoppelt werden.

Das Buch "Intersektorale Mobilität als Form des Wissenstransfers zwischen Forschung und Anwendung" von Beckert, Bührer, Lindner (ISBN 978-3-8167-7536-2) ist im IRB-Verlag (http://www.irb.fraunhofer.de) erschienen.

Kontakt:
Dr. Bernd Beckert
Telefon: 0721 / 6809 - 171
E-Mail: bernd.beckert@isi.fraunhofer.de


Die Presseinformationen des Fraunhofer ISI finden Sie auch im Internet unter http://www.isi.fraunhofer.de/pr/presse.htm.

Das Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung ISI untersucht Marktpotenziale technischer Entwicklungen und deren Auswirkungen auf Wirtschaft, Staat und Gesellschaft. Die interdisziplinären Forschungsgruppen konzentrieren sich auf neue Technologien, Industrie- und Serviceinnovationen, Energiepolitik und nachhaltiges Wirtschaften sowie auf die Dynamik regionaler Märkte und die Innovationspolitik.

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