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Erfolgreiche Promotion mit 82 Jahren - Ältester Doktorand der Justus-Liebig-Universität

23.04.2003 - (idw) Justus-Liebig-Universität Gießen

Dissertation zum Thema "Akzeptanzprobleme von Wissenschaft und Technik in der Öffentlichkeit"


Dr. Dr. Heinz Schultheis Die Justus-Liebig-Universität Gießen gratuliert Herrn Dr. Dr. Heinz Schultheis zum äußerst erfolgreichen Abschluss seiner Promotion. Wenn der pensionierte Chemiker am 24. April 2003 am Fachbereich 07 - Mathematik und Informatik, Physik, Geographie seine Promotionsurkunde entgegen nehmen kann, so ist damit nicht nur ein persönlicher Anlass zum Feiern gegeben. Es handelt sich zugleich um ein ganz besonderes Ereignis für die gesamte Universität: Dr. Dr. Schultheis, Jahrgang 1921, ist der älteste Doktorand seit Bestehen der JLU, soweit dies aus den Statistiken ersichtlich ist. Das Thema seiner Dissertation "Akzeptanzprobleme von Wissenschaft und Technik in der Öffentlichkeit" greift Erfahrungen auf, die Dr. Schultheis während seiner beruflichen Tätigkeit bei der Bayer AG in Leverkusen vor allem im Bereich Öffentlichkeitsarbeit gemacht hat. Sowohl die Dissertation als auch die mündlichen Prüfungen wurden mit dem Prädikat "magna cum laude" bewertet. Erstgutachter der Arbeit war Prof. Dr. Bernulf Kanitscheider (Philosophie der Naturwissenschaften), Zweitgutachter Prof. i.R. Dr. Werner Becker (Philosophie, Schwerpunkt Geschichte der Philosophie).

Im Rahmen einer kleinen Feierstunde am 24. April 2003 um 11 Uhr im Zentrum für Philosophie, Philosophikum I, Otto-Behaghel-Straße 10 C1, Zimmer 210, wird der Dekan des Fachbereichs 07, Prof. Dr. Albrecht Beutelspacher, Herrn Dr. Dr. Heinz Schultheis die Promotionsurkunde überreichen. Zu diesem Termin sind auch Vertreter der Medien herzlich eingeladen.

"Mein beruflicher Werdegang verlief voller Kreuzungen und Kuriositäten" bilanziert der 82-jährige gebürtige Gießener, der seit Jahrzehnten in Leverkusen lebt, seiner Heimatstadt aber immer verbunden geblieben ist. Schultheis spielt mit damit unter anderem auf den außergewöhnlichen Umstand an, dass er 1950 in Marburg mit einer Arbeit im Fach Chemie zum Dr. phil. ernannt wurde. (Das Fach Chemie gehörte dort damals zur philosophischen Fakultät.) Über ein halbes Jahrhundert später entstand die Idee zur neuerlichen Promotion am Zentrum für Philosophie, wo Prof. Becker den Gasthörer Schultheis nach dessen 80. Geburtstag zu dem Vorhaben ermutigte. Prof. Kanitscheider, aufgrund der Promotionsordnung zuständig, hatte Schultheis bereits zuvor ebenfalls intensiv betreut und übernahm gern die Aufgabe des Doktorvaters. Im Jahr 2003 erlangt Schultheis somit für eine philosophisch orientierte Arbeit den Dr. rer. nat.. Weitere Prüfungsfächer waren Mitte Februar sein Wahlfach Theoretische Physik und zudem Angewandte Physik.

In der Dissertation beschäftigt sich Schultheis auf knapp 300 Seiten mit Akzeptanzproblemen von Wissenschaft und Technik und der hierauf gegründeten Industrien gegenüber der Öffentlichkeit bzw. den sie repräsentierenden Institutionen. Im ersten historischen Teil spannt er den weiten Bogen von der Antike bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts. Der zweite Teil behandelt die wichtigsten Akzeptanzprobleme der Gegenwart vor dem Hintergrund der unterschiedlichen religiösen, politischen und gesellschaftlichen Strömungen. Während technische Errungenschaften - angefangen etwa bei Radio und Fernsehen bis hin zum Handy - im Alltag gern genutzt werden, gehen viele Menschen auf Distanz zu wissenschaftlichen oder technischen Entwicklungen, die ungewohnt und unübersichtlich erscheinen und die sie als Bedrohung erleben (Beispiel: Kernkraftwerke/Strahlung).

Schultheis: "Diese abwartende und ablehnende Haltung wird besonders evident, wenn es sich um Neuentwicklungen auf biologischem bzw. medizinischem Gebiet handelt. Hier berührt oder überschreitet die Forschung traditionelle Grenzen, die bislang als absolut gelten; mag das Forschungsziel noch so ehrenvoll und menschenfreundlich sein, so soll seine Realisierungsmöglichkeit doch erst noch bewiesen und dann mühevoll zur erhofften praktischen Anwendung ausgearbeitet werden. Genau an dieser Stelle scheiden sich die Geister, und es kommt zu jenen harten und unversöhnlich erscheinenden Auseinandersetzungen, wie sie uns zum Beispiel von der Gen-Debatte her geläufig sind". Als eine der Ursachen für diese Skepsis macht der Naturwissenschaftler einen "starken und akuten Mangel an naturwissenschaftlichen Elementarkenntnissen bei weiten Teilen der Bevölkerung" aus. Als Ausweg aus der Akzeptanz-Krise diskutiert er zum einen die Möglichkeiten einer verbesserten Information als "Bringschuld von Wissenschaft und Industrie". Zum anderen lautet seine Frage: "In wieweit gibt es eine Holschuld seitens der Öffentlichkeit und ihrer Repräsentanten?".

Der Arbeit liegen Erfahrungen zugrunde, die Schultheis als Fachmann für Wissenschaft, Technik und Umweltschutz im Bereich Öffentlichkeitsarbeit der Bayer AG - nicht zuletzt im persönlichen Gespräch "mit Kritikern und Zweiflern" - machte. Die Beweggründe, sich im hohen Alter noch einmal einer großen wissenschaftlichen Herausforderung zu stellen, beschreibt der 82-jährige folgendermaßen: "Ich bin überzeugt davon, dass viel zu selten Menschen im Anschluss an ihre berufliche Laufbahn noch einmal über ihren Beruf nachdenken, Bilanz ziehen und daraus Schlussfolgerungen für die Zukunft ziehen, die auch für andere nützlich sein können."

Lebenslauf:

Heinz Schultheis wurde am 4. Januar 1921 in Gießen geboren, wo er nach dem Besuch des Landgraf-Ludwig-Gymnasiums von 1927 bis 1939 sein Abitur erwarb. Das 1939 begonnene Studium der Chemie nahm er nach den Wirren des Zweiten Weltkriegs und russischer Gefangenschaft im Sommersemester 1947 in Marburg (die Universität Gießen war noch geschlossen) wieder auf. Ende 1950 erfolgte die Promotion zum Dr. phil. bei Prof. Dr. Hans L. Meerwein. Nach kurzer Assistententätigkeit in Marburg war Dr. Schultheis ab Frühjahr 1951 bei der Bayer AG in Leverkusen im Bereich "Zwischenprodukte - Wissenschaftlich" als Chemiker tätig. Im Anschluss an einen zweijährigen Frankreich-Aufenthalt war er vorwiegend für den Einsatz von Kunststoffen und anderen Chemieprodukten im Bauwesen zuständig. Von 1975 bis zur Pensionierung im Januar 1986 fungierte er als Berater und Sprecher für Wissenschaft, Technik und Umweltschutz im Bereich Öffentlichkeitsarbeit. Es folgte nach der Pensionierung eine zweijährige freie Mitarbeit und Beratertätigkeit, ehe sich der damals 69-jährige ab Sommersemester 1990 an der JLU in Gießen, wo er bis heute mit Zweitwohnsitz gemeldet ist, als Gasthörer einschrieb. Schultheis ist Autor einer Reihe von zumeist populärwissenschaftlichen Veröffentlichungen und zeichnet für über 30 Bayer-Patente verantwortlich; als Co-Autor war er an dem Buch "Meilensteine" anlässlich des 125-jährigen Bestehens der Bayer AG beteiligt.

Mit der Auswahl seiner Themen in Gießen wollte Dr. Schultheis stets eine Brücke schlagen zwischen der Philosophie und den Geisteswissenschaften einerseits sowie der Soziologie und den Naturwissenschaften andererseits.

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