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Wertewandel in Europa - Gravierende Veränderungen in den Moralauffassungen

26.04.2003 - (idw) Universität zu Köln

Köln, den 25. April 2003 - Sowohl im Hinblick auf die geltende Sexual- und Familienmoral als auch im Fall der bürgerlichen Moral haben sich in den letzten 20 Jahren in den europäischen Ländern gravierende Veränderungen ergeben. Dies zeigt die europäische Wertestudie, an der auch Professor Dr. Wolfgang Jagodzinski vom Zentralarchiv für empirische Sozialforschung der Universität zu Köln beteiligt ist. Vom 23. bis 26. April 2003 findet an der Universität zu Köln eine Konferenz der an diesem internationalen Forschungsprojekt beteiligten europäischen Wissenschaftler statt. Auf einer Pressekonferenz trugen die Wissenschaftler Ergebnisse der Studie vor.

Die europäische Wertstudie ist ein großes internationales Projekt, das bereits im Jahr 1978 gestartet wurde. Das Projekt hatte sich zum Ziel gesetzt, mit der Methode der wissenschaftlichen Befragung die grundlegenden Werthaltungen der europäischen Bevölkerungen zu untersuchen. Eine erste Befragung, für die auf deutscher Seite das Institut für Demoskopie in Allensbach verantwortlich war, wurde im Jahre 1981 durchgeführt. Eine zweite Studie im Jahre 1990 sollte es ermöglichen, die längerfristigen Veränderungen der Werthaltungen zu untersuchen. Die dritte Studie aus dem Jahre 1999, die in Deutschland unter der wissenschaftlichen Leitung der Professoren Jagodzinski (Universität zu Köln) und Hans-Dieter Klingemann (Wissenschaftszentrum Berlin) von INFAS durchgeführt wurde, ermöglicht es nun, den Wandel der europäischen Gesellschaften über mehr als ein Viertel Jahrhundert hinweg zu beobachten und zu analysieren.

In vielen westlichen Ländern, besonders aber in der Bundesrepublik, haben Thesen vom Werteverfall eine lange Tradition. Eine permissive Erziehung, wachsender Hedonismus und Egoismus werden diagnostiziert. Die Wertstudie 1999 legt hier eine klare Differenzierung nahe. Geht es um Steuerhinterziehung, Schwarzfahren, eine Spritztour im gestohlenen Auto oder um die Bestechung von Beamten, so hält eine Mehrheit der Befragten dies für absolut unzulässig. Die Spritztour wird von mehr als ¾ der Befragten verdammt. Dagegen werden Homosexualität, Abtreibung, Scheidung aber auch Euthanasie als unter Umständen erlaubt angesehen. Moralische Normen im Bereich von Sexualität und Familie scheinen in den letzten Jahrzehnten in weit stärkerem Maße ins Wanken geraten zu sein als moralische Normen, die sich auf Besitz, Eigentum oder die staatsbürgerlichen Pflichten beziehen. Das eine sind Komponenten einer Sexualitäts- und Familienmoral, das andere Komponenten einer bürgerlichen Moral.

Dass die erstgenannte sehr viel stärkeren Schwankungen unterliegt, kommt in der folgenden Grafik in den großen Länderdifferenzen zum Ausdruck (blaue Linie). Zwischen einem Land wie Dänemark, das auf der 10-Punkte-Skala einen Punktewert von über sieben erreicht und Ländern wie Malta, Rumänien oder Slowenien ist der Abstand sehr groß. Hohe Werte bedeuten bei der Sexual- und Familienmoral eine freizügige Haltung. Der höchste Wert 10 würde erreicht, wenn alle Befragte die vier Verhaltensweisen uneingeschränkt billigten. Hohe Werte bedeuten umgekehrt im Falle der bürgerlichen Moral, dass die Befragten die Verhaltensweisen eher missbilligen. Wie man an der roten Linie erkennt, sind hier die Unterschiede zwischen den Ländern ungleich geringer. Die im Bereich von Familie und Sexualität geltenden Konventionen geraten beim Übergang in die Dienstleistungsgesellschaft sehr viel mehr unter Druck als die klassischen bürgerlichen Tugenden.

Einstellungen zu Sexualität und Familie und bürgerliche Moral
Ergebnisse der europäischen Wertstudie 1999

(Die an dieser Stelle befindliche Grafik können Sie unter http://www.uni-koeln.de/pi/i/2003.063.htm ansehen)

Auch die Veränderungen im Bereich der Sexual- und Familienmoral, die im Zeitraum zwischen der ersten Umfrage im Jahre 1981 und der bislang letzten Umfrage im Jahre 1999 in den westeuropäischen Gesellschaften stattgefunden haben, bestätigen eine Tendenz zu mehr Liberalität und Freizügigkeit. In der folgenden Grafik bedeutet ein positiver Wert, dass die Auffassungen zwischen den zwei aufeinander folgenden Umfragen permissiver geworden sind. Von zwei Ausnahmen (Finnland 1990-99 und Dänemark 1981-90) abgesehen, liegen alle Säulen im positiven Bereich. Auch in Dänemark bleibt über den Gesamtzeitraum von 27 Jahren hinweg eine Tendenz zu mehr Permissivität, so dass man insoweit von einer westeuropä-ischen Entwicklung sprechen kann. Ob dies allerdings in allen Teilen eine unumkehrbare Entwicklung ist, kann man bezweifeln.

(Die an dieser Stelle befindliche Grafik können Sie unter http://www.uni-koeln.de/pi/i/2003.063.htm ansehen)

Was die Religiosität in einzelnen Gesellschaften anbelangt, so widerlegt auch die neue Studie die Auffassung, dass der religiöse Glaube trotz abnehmender Kirchgangshäufigkeit unverändert fort existiert. Katholiken, die noch an die Lehre ihrer Kirche glauben, jedoch nicht mehr zur Kirche gehen, sind eine seltene Ausnahme. Gleiches gilt selbstverständlich auch für evangelische Christen. Mit dem Kirchgang nimmt die Wichtigkeit und Zentralität des Glaubens ab, was sich besonders eindrucksvoll im Ländervergleich am Zusammenhang zwischen der Kirchgangshäufigkeit und der Wichtigkeit Gottes belegen lässt. Je niedriger die durchschnittliche Kirchgangshäufigkeit in einem Land, desto weniger wichtig ist Gott im Leben der Bevölkerung. Mit der Zentralität des Glaubens verflüchtigen sich auch die Bilder, Mythen und Legenden, die herkömmlich Bestandteil des Glaubens sind.

Ob nun der Wandel des Glaubens einen Verlust an kirchlicher Bindung zur Folge hat oder umgekehrt - das ist ein Henne-Ei-Problem, das sich auch mit unseren Daten nicht entscheiden lässt. Zu betonen ist jedoch, dass die abnehmende kirchliche Bindung selten in einen kämpferischen Atheismus mündet. Atheisten sind, selbst in den sog. säkularisierten skandinavischen Ländern eher eine Randerscheinung. Das Resultat schwindenden Glaubens sind Indifferenz und Gleichgül-tigkeit, nicht aber eine klar definierte Gegenposition zum tradierten Glauben.

(Die an dieser Stelle befindliche Grafik können Sie unter http://www.uni-koeln.de/pi/i/2003.063.htm ansehen)

Die Studie hat auch eine Vielzahl interessanter Befunde zum Bildungs- und Erziehungssystem in der Türkei zutage gefördert. So konnte Professor Yilmaz Esmer von der Bosporus Universität in Istanbul zeigen, dass Bildung und Erziehung in der Türkei einen ganz erheblichen Einfluss auf die Werthaltungen der Menschen haben. Türkische Hochschulabsolventen unterscheiden sich im Hinblick auf Werte wie Toleranz, politische Mitbestimmung oder Gleichheit der Geschlechter nur wenig von Westeuropäern, während es zwischen der türkischen Bevölkerung und der Bevölkerung westeuropäischer Länder nach wie vor große Unterschiede gibt. Professor Esmer führt diese Bildungseffekte darauf zurück, dass in der Türkei im Unterschied etwa zum Iran bewusst der Versuch gemacht worden ist, die Modernisierung durch ein säkularisiertes Schulsystem voranzutreiben. Seine Untersuchung verdeutlicht zugleich, welch hoher Stellenwert einer zeitgemäßen Erziehung im Rahmen des europäischen Integrationsprozesses zukommt.

(Die an dieser Stelle befindliche Grafik können Sie unter http://www.uni-koeln.de/pi/i/2003.063.htm ansehen)

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Verantwortlich: Dr. Wolfgang Mathias

Für Rückfragen steht Ihnen Dr. Hermann Duelmer unter der Telefonnummer 0221/4769430 der Faxnummer 0221/4769472 und der E-Mail Adresse Duelmer@za.uni-koeln.de zur Verfügung.
Unsere Presseinformationen finden Sie auch im World Wide Web (http://www.uni-koeln.de/organe/presse/pi/index.html).
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