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Pop, Protest und Politik: Die Comics der 68er

16.07.2008 - (idw) Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt (Main)

Dr. Bernd Dolle-Weinkauff analysiert den Comic-Boom während der Studentenrevolte FRANKFURT. Als minderwertiger Unterhaltungsstoff für Kinder war der aus Amerika kommende Comic in den 1950er Jahren in der Bundesrepublik verpönt. Doch mit den 68ern änderte sich dies schlagartig: Kritische Ansichten des Zeitgeistes ließen sich als Comic-Erzählung für Heranwachsende und Erwachsene bestens verpacken. Der Comic fand einen neuen Adressatenkreis und erlebte einen wahren Boom. Dr. Bernd Dolle-Weinkauff, Kustos des Instituts für Jugendbuchforschung an der Goethe-Universität und einer der bekanntesten deutschen Comic-Forscher, schreibt dazu in der neuesten Ausgabe des Wissenschaftsmagazins Forschung Frankfurt (FF 2/2008): "Der Comic wird entdeckt als Mittel der Agitation und Mobilisierung, von dem sich die Akteure besondere Verständlichkeit und Anschaulichkeit versprechen."

Das Spektrum der Themen reicht von scheinbar Privatem bis zu Hochpolitischem. Immer wieder aufgegriffen werden von den Karikaturisten die dominierenden innen- und außenpolitischen Themen der Zeit, vor allem die Debatten um die Notstandsgesetze und den Vietnam-Krieg. Vor dem Hintergrund der sich wandelnden Geschlechterbeziehungen, des emanzipatorischen Aufbegehrens gegen bisher als unverrückbar geltende Autoritäten und der Liberalisierung der pädagogischen Vorstellungen werden Partnerschaft, Familie, Kindheit und Erziehung zu Themen der streitbaren Satire. "Dabei brechen unter der dünnen Decke hastig angeeigneter progressiver Normen die alten autoritären Muster immer wieder hervor", stellt Dolle-Weinkauff fest. "Besonders deutlich wird dies an der Aufklärungs- und Sexwelle der zweiten Hälfte der 1960er Jahre." Nicht weniger beliebt als Objekt der Satire ist die glänzende Warenwelt der Konsumgesellschaft im Zuge der Wirtschaftsbooms.

Das publizistische Zentrum von Karikatur und Satire bildete die 1961 gegründete Zeitschrift"pardon". Zu den Beiträgern von "pardon" zählen unter anderem F. W. Bernstein, Robert Gernhardt, Hans Traxler, Chlodwig Poth und F. K. Waechter, deren Werke deutlich im Kontext der 68er-Revolte, der Außerparlamentarischen Opposition (APO) und der gesellschaftlichen Emanzipationsbewegungen dieser Periode stehen, die sie mit ihren Werken teilweise vorbereitet, glossiert und satirisch aufgearbeitet haben. Nach dem Ausscheiden bei "pardon" gründen sie 1979 das Blatt "Titanic" und werden - in Anspielung auf die Schule der Kritischen Theorie Horkheimers und Adornos und deren Rolle für die Studentenbewegung - als die "Neue Frankfurter Schule" bezeichnet.

Als die markantesten Werke des Aufbruchs nennt Dolle-Weinkauff die Comic-Bücher Alfred von Meysenbugs: "Wie in kaum einem anderen Werk verdichten sich hier künstlerische, politische und soziale Ansichten in Bildgeschichten, die die Grenzen wie auch die Unterhaltungsfunktionen konventioneller Comics überschreiten." Der im Umkreis des Frankfurter Sozialistischen Deutschen Studentenbunds (SDS) tätige Zeichner war Student am Institut für Sozialforschung und bereits vorher durch seine Strips für die seit 1963 in Frankfurt erscheinende Schülerzeitschrift "Peng" in der politischen Szene bekannt geworden. In seinen Geschichten finden sich allenthalben Anspielungen auf zeitgenössische Personen und Ereignisse, nicht zuletzt auch auf das Frankfurter Milieu, charakteristische Schauplätze und Stadtansichten. Zu Meysenbugs optischer Darbietung stellt Dolle-Weinkauff fest: "Sie ist geschult an der Werbegrafik wie auch an der Pop-Art Roy Lichtensteins und setzt auf eine massive Idolisierung der Dinge. Seine bunten klein- und großformatigen Panels fügen sich zusammen zu Reportagen von prototypischen Schicksalen aus der Konsumgesellschaft."

Dass Deutschland nur ein Comic-Importland sei, dieser Einschätzung widerspricht Dolle-Weinkauff vehement. Er hat die Ausstellung "Comics made in Germany. 60 Jahre Comics aus Deutschland" kuratiert, die zu Beginn des Jahres in der Deutschen Nationalbibliothek Frankfurt zu sehen war und noch bis 6. September in der Deutschen Nationalbibliothek in Leipzig gezeigt wird. Tatsächlich haben deutsche Autoren und Zeichner im Lauf der vergangenen sechs Jahrzehnte eine Vielzahl interessanter Werke vorgestellt: Sie beginnt mit den Pionieren der Bildgeschichte Ende der 1940er Jahre und den Helden der ersten Fan-Generation wie "Sigurd" und "Tibor", "Nick Knatterton" und "Fix und Foxi". Die politisch-gesellschaftliche Aufbruch der 1960er Jahre hinterlassen im Comic ebenso ihre Spuren wie die Jugendkulturen des Folgejahrzehnts. In den 1980er und 1990er Jahren tritt neben die populären Ikonen von "Werner" bis "Kleines Arschloch" ein literarischer und künstlerischer Aufbruch, der bis in die Gegenwart anhält.

Soeben erschienen:
Wissenschaftsmagazin Forschung Frankfurt 2/2008
Schwerpunktthema "Mathematik"

Kostenlos anfordern:
steier@pvw.uni-frankfurt.de

Im Internet:
www.muk.uni-frankfurt.de/Publikationen/FFFM/2008/index.html

Informationen: Dr. Bernd Dolle- Weinkauf, Institut für Jugendbuchforschung, Fachbereich Neuere Philologien, Campus Westend, Tel. (069) 798 - 33001, E-Mail dolle-weinkauff@rz.uni-frankfurt.de

Die Goethe-Universität ist eine forschungsstarke Hochschule in der europäischen Finanzmetropole Frankfurt am Main. Vor 94 Jahren von Frankfurter Bürgern gegründet, ist sie heute eine der zehn größten Universitäten Deutschlands. Am
1. Januar 2008 gewann sie mit der Rückkehr zu ihren historischen Wurzeln als Stiftungsuniversität ein einzigartiges Maß an Eigenständigkeit. Rund um das historische Poelzig-Ensemble im Frankfurter Westend entsteht derzeit für rund 600 Millionen Euro der schönste Campus Deutschlands. Mit 45 eingeworbenen Stiftungs- und Stiftungsgastprofessuren nimmt die Goethe-Uni den deutschen Spitzenplatz ein. In drei Forschungsrankings des CHE in Folge und in der Exzellenzinitiative zeigt sich die Goethe-Universität als eine der forschungsstärksten Hochschulen Deutschlands.


Herausgeber: Der Präsident
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