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Was lief falsch mit Hannibal und Frankenstein? Neuerscheinung: Kasseler Professorin analysiert Psyche von Filmcharaktere

19.09.2008 - (idw) Universität Kassel

Was ist normal und was ist pathologisch? Ihr Hobby zum Beruf machend haben sich Autoren verschiedener Disziplinen ihre Lieblingsfilme geschnappt und auf psychisch kranke Charaktere hin analysiert. Kassel. Was ist normal und was ist pathologisch? Ihr Hobby zum Beruf machend haben sich Autoren verschiedener Disziplinen ihre Lieblingsfilme geschnappt und auf psychisch kranke Charaktere hin analysiert. Dabei herausgekommen ist das kürzlich erschienene Buch "Frankenstein und Belle de Jour". Mitherausgeberin ist die Kasseler Professorin Heidi Möller, die seit 2007 am Fachbereich Sozialwesen lehrt.

Fiktive Filmfiguren verlangen nicht nach Schweigepflicht. Daher würden Spielfilme vermehrt dazu genutzt, psychische Prozesse und Störungen zu analysieren und der Fachöffentlichkeit darzustellen. "Wir dürfen sie nach allen Regeln der Kunst analysieren, kritisieren und pathologisieren, ohne Gefahr zu laufen, einen anderen Menschen zu kränken oder zu verletzen", so Heidi Möller im Vorwort.

Psychologisch auseinander genommen wird zum Beispiel der Abiturient Lukas, alias Daniel Brühl, in dem Film "Das Weiße Rauschen": Er befinde sich in der so genannten floriden Phase, als er nach einem Zauberpilz-Trip in der WG seiner Schwester plötzlich beginnt, Stimmen zu hören. Anhand der Internationalen Klassifizierung Psychischer Störungen (ICD-10) attestiert ihm die Klagenfurter Psychologieprofessorin Jutta Menschik-Bendele eine Paranoide Schizophrenie. Von der fachlichen Genauigkeit des Films ist sie begeistert.

Fachlich nicht ganz so korrekt verhält es sich mit Hannibal: Seinem gewissenlosen Verhalten im "Schweigen der Lämmer" nach zu urteilen könnte Hannibal als eine dissoziale Persönlichkeit eingestuft werden, so Udo Rauchfleisch, ehemals Professor für Klinische Psychologie von der Universität Basel. Jedoch sei seine Biografie, wie sie in der Romanvorlage und in "Hannibal Rising" beschrieben wird, psychologisch keineswegs stimmig. Hannibals Kannibalismus werde damit begründet, dass er als Kind Zeuge der Tötung und Verspeisung seiner Schwester wird. Trivialpsychologisch, meint Rauchfleisch. Es seien die vielen "kleinen" Verletzungen, die die Kindheit und Jugend überschattenden Verunsicherungen und die Selbstzweifel, die zu dissozialer Persönlichkeitsentwicklung führen, nicht eine einzelne auslösende Situation.

Die äußerst anregend geschriebenen 400 Seiten sind für Psychologen wie Nicht-Psychologen gleichermaßen interessant: Neben psychologischem Handwerkszeug spiegeln sie die Lust am Kino und am Exzentrischen wider. Wer das "Schweigen der Lämmer" oder den "Tod in Venedig" gesehen hat, sollte "Frankenstein und Belle de Jour" nicht verpassen.

S. Döring, H. Möller (Hg.): Frankenstein und Belle de Jour. 30 Filmcharaktere und ihre psychischen Störungen. Heidelberg 2008.

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Info
Universität Kassel
Prof. Dr. Heidi Möller
Fachbereich Sozialwesen
tel (0561) 804 2979
e-mail heidi.moeller@uni-kassel.de

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