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Germanist erforscht an der WWU Münster mittelalterliche Schulbücher

06.10.2008 - (idw) Westfaelische Wilhelms-Universität Münster

Der Fund in diesem Sommer überraschte germanistische Fachkreise: Bei der Restaurierung eines Mainzer Sakristeibuchs flatterte ein längliches Stück Pergament heraus. Darauf gekritzelt standen in regelmäßigen Abständen zwei lateinische Zeilen, eingerückt darunter die vierzeiligen deutschen Übersetzungen. "Format und deutsche Übersetzungen lassen darauf schließen, dass es sich bei dem Fragment um ein Schulheft handelt", erklärt Privatdozent Dr. Michael Baldzuhn vom Germanistischen Institut der WWU Münster. Ihn riefen die Restauratoren von der Mainzer Martinus-Bibliothek sofort hinzu, als das Schriftstück auftauchte. Für die Mainzer kam der Fund einer kleinen Sensation gleich, war ihre Dombibliothek doch im Jahr 1798 abgebrannt und nur drei Bücher aus der Sakristei von einem Domherrn gerettet worden. Deshalb zählt für sie jedes mittelalterliche Schriftstück, das heute noch auftaucht. In Deutschland gibt es nur eine Handvoll Wissenschaftler, die sich mit mittelalterlichen Schulbüchern auskennen - Baldzuhn gehört dazu. 2006 habilitierte er sich an der Uni Münster zu dem Thema. Dafür griff er auf fundiertes germanistisches Wissen und seine Lateinkenntnisse zurück. Denn Schulunterricht fand im Mittelalter überwiegend in lateinischer Sprache mit lateinischer Literatur statt. Er untersuchte verschiedene Abschriften der spätantiken Sentenzensammlung der "Disticha Catonis" und der "Fabeln des Avian".

Für Baldzuhn stellt der Schnipsel aus Mainz, den er auf die zweite Hälfte des 14. Jahrhunderts datiert, ein Musterstück mittelalterlicher Lehrliteratur dar: "Typische Gebrauchsliteratur!" Vom für damalige Verhältnisse geringen Wert zeugt auch der Fundort des Seitenstücks: Das Fragment verstärkte auf den Innenseiten die Falz des Sakristeibuchs. Gleichzeitig zeigt das Stück Pergament, wie sich mittelalterlicher Unterricht wandelte und Wissen vermittelt wurde. "Einübung von Tradition" lautete das Motto des Schulunterrichts, so Baldzuhn. "Der Lehrer legte den Text aus, die Schüler hörten zu." Darauf ließen Abbildungen mittelalterlicher Lehrsituationen und Handschriften schließen, die er im Rahmen seiner Habilitation untersuchte.

Die ältesten heute noch erhaltenen Lehrbücher datieren auf das achte Jahrhundert. Sie bestanden meist aus einem Originaltext, der mit so genannten Glossen, kleinen Anmerkungen zwischen den Zeilen, versehen war. Im 11. Jahrhundert begannen Schulbuchschreiber zusätzlich zu den Originalversen eigene Verse hinzuzudichten. "Die sollten die Moral der Fabeln auf den Punkt bringen. Man erkennt daran, dass jemand griffig lehren wollte", deutet der Mediävist die Zutat der Schreiber. Im 12. Jahrhundert bezogen sich ihre Kommentierungen nicht mehr nur wie in den Glossen auf einzelne Textpassagen. Am Rand des Originaltextes entstand ein Kommentar, der sich auf das gesamte Schriftstück bezog. Kurzzeitig packte man ihn in eigenes Buch. Im 13. Jahrhundert erfanden Schreiber jedoch ein neues Layout, das es ermöglichte, Kommentar und Originaltext wieder in einem Schriftstück zu vereinen.

"Statt direkt neben den Text schrieb man den Kommentar nun kapitelweise unter die entsprechenden Passagen", erklärt Baldzuhn. Das Schriftbild, das dabei entstand, war nicht mehr wie früher zweispaltig, sondern einspaltig. Das hatte mehrere Vorteile: Die Herstellungskosten der Lehrbücher sanken. Ab dem 14. Jahrhundert entwickelte sich in Deutschland auf dieser Grundlage außerdem ein neues Reproduktionsmodell: Nicht mehr Gelehrte schrieben Schulbuch um Schulbuch ab, sondern Schüler erstellten in speziellen Diktatstunden ihre Lehrliteratur selbst. "Das wäre bei einem zweispaltigen Layout, bei dem Zeilen passgenau nebeneinander stehen müssen, nicht möglich gewesen", meint Baldzuhn. Das deutsche Modell entwickelte sich zum Exportschlager - bis Gutenbergs Buchdruck im 15. Jahrhundert Abschreiben überflüssig machte.

Ob das Fragment aus Mainz oder die untersuchten Abschriften der "Disticha Catonis" und der "Fabeln des Avian": Nirgendwo sonst erkenne man besser, wie Unterricht im Mittelalter wirklich aussah, sagt Mediävist Baldzuhn. Zwei Erkenntnisse hat er aus seiner Forschungsarbeit mitgenommen: Schule sei keine starre Vermittlungsanstalt gewesen. Sie habe gelernt, Schriftlichkeit für ihre Zwecke zu nutzen. "Allerdings wurde dabei alles andere als didaktisch vorgegangen!"

Weitere Informationen: http://www.uni-muenster.de/Germanistik/ Germanistisches Institut der WWU Münster
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