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Wundern auf der Spur

10.10.2008 - (idw) Universität Konstanz

Sie ist Wundern auf der Spur. Nicht etwa, weil der Vatikan sie beauftragt hätte - Gabriela Signori ist an der Universität Konstanz Professorin für die Geschichte des Mittelalters. "Im Gespräch" hat sich bei der Wissenschaftlerin nach Details erkundigt. Frau Professor Signori, haben Sie Erklärungen für das Phänomen Wunder?

Nein, eine Erklärung für das Phänomen habe ich nicht. Dafür müsste ich ja an Wunder glauben, und das tue ich nicht. Aber ich kann die Leute verstehen, die an dem Glauben festhalten.

Sie sagen von sich selbst, dass Sie nicht gläubig sind. Trotzdem befassen Sie sich mit dem Thema Wunder?

Ja, weil die Wundergeschichten, die die Menschen seit Tausenden von Jahren aufschreiben, ein großartiger Stoff sind, mit dem sich die verschiedensten Geschichten schreiben lassen.

Wie definieren Sie den Begriff Wunder?

Ich verstehe es primär als ein Bedürfnis, auf Anhieb Unerklärliches zu erklären. Jede Zeit definiert das Wunder etwas anders. Doch fast alle Kulturen nehmen die Natur zum Maßstab, um zu definieren, was ein Wunder ist. Das heißt, das Wunder beginnt da, wo die Naturgesetze nicht mehr greifen, Phänomene (wissenschaftlich) nicht erklärbar sind. Diese Grenzen verschieben sich im Verlauf der Jahrhundert ständig. Unter Naturgesetzen verstehen wir heute völlig andere Sachverhalte als vor 500 Jahren. Der Maßstab selbst aber bleibt über die Zeiten hinweg derselbe. Das finde ich bemerkenswert.

Seit wann gibt es Wunder?

Wunder gibt es seit Menschengedenken. Die antike Welt kennt wundertätige Götter genauso wie Wunderheiler; an die Stelle der Götter treten seit dem ausgehenden 4. Jahrhundert nach und nach die christlichen Heiligen. Fortan ist das Wunder nicht mehr aus dem christlichen Vorstellungshorizont wegzudenken. Das Wunder ist nicht konfessionell gebunden; bei den Protestanten funktioniert es einfach etwas anders als bei den Katholiken.

Und wie funktioniert das Wunder?

Es braucht Orte, Rituale und vor allem anderen die Überzeugung, dass die Rituale auch wirksam sind. Was den "Ort" anbelangt finden im Verlauf der Jahrhunderte interessante Verschiebungen statt. Das antike und frühmittelalterliche Wunder ist an einen festen Ort gebunden, den die Menschen aufsuchen müssen, wollen sie ein Wunder bewirken. Auch die Rituale sind fest mit dem Ort verbunden. Die Bedeutung des Ortes verliert sich im Spätmittelalter. Heilige können fortan überall und jederzeit um ihre Hilfe angerufen werden. Das Bittgebet braucht keinen festen Rahmen. Den Ort sucht man allenfalls auf, um sich für die Gebetserhörung zu bedanken. In der frühen Neuzeit wird der Ort wieder wichtig. Ohne ihn sind später auch Wallfahrtsorte wie Lourdes nicht denkbar. Im ausgehenden 19. Jahrhundert verändern sich die Rituale allerdings grundlegend; sie gleichen eher einer medizinischen Therapie denn einem traditionellen Heiligenkult.

Wer hat die Wunder aufgezeichnet?

Im frühen Mittelalter hatte die Geistlichkeit das Monopol und mithin die Deutungshoheit über das Wunder. Nur was sie als aufzeichnungswürdig erachtete wird Geschichte. Dementsprechend überwiegt in der Frühzeit der Wunderbericht aus der Perspektive des Beobachters. Es bewegt sich an der Oberfläche, blendet Innenräume aus. Schreiben die Geistlichen über sich selbst, erzählen sie ganz andere Geschichten.

Wie sieht es im Spätmittelalter aus?

Im späten Mittelalter melden sich immer häufiger Laien zu Wort, geben Selbsterlebtes zu Protokoll (bei Heiligsprechungsverfahren) oder schreiben selbst auf, was ihnen widerfahren ist. Der Perspektivenwechsel wirkt sich massiv auf die Art und Qualität der Wundergeschichte aus. Kaum mehr ist von spektakulären (auf Anhieb sichtbaren) Behinderungen die Rede. Immer häufiger berichten die Menschen dafür von Kopfschmerzen, Zahnschmerzen oder diffusen Rückenschmerzen, die sie am Arbeiten hindern. Ihr Krankheitsverständnis ist im Übrigen ein völlig anderes als das der studierten Ärzte.

In welchem Kontext ist von Wundern die Rede?

Bei Unfällen, in Seenot und allgemein in Notsituationen. Bei gutem Ausgang schreibt man die Wohltat dem Heiligen zu, den man in seiner Not angerufen hat.

Seit wann gibt es die ersten Aufzeichnungen von Menschen, die Wunder kritisch gesehen beziehungsweise gar nicht an sie geglaubt haben?

Kritiker gab es schon im frühen Mittelalter. Viele meinten, es handle sich um einen Hokuspokus, mit dem man einfache Leute übers Ohr hauen wolle. Die Witze, die Voltaire über die Heiligen machte, gleichen den Geschichten, mit denen Erasmus von Rotterdam seine Leser zum Lachen bringt. Und worüber Erasmus spottet, darüber haben lange vor ihm schon bildungsbeflissene Klosterbrüder gelacht...

Wurden Wunder auch politisch instrumentalisiert?

Sicher, aber das ist bloß eine Dimension und vielleicht die (wissenschaftlich) langweiligste. Im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert sind diese Versuche allgegenwärtig - beispielsweise 1917 im portugiesischen Fatima. Schon im Zeitalter des Konfessionalismus wurde mit Wundern Politik gemacht. Überhaupt ist die Frühe Neuzeit - und nicht das Mittelalter - das Zeitalter des Wunders. Eben weil es als Instrument im Kampf zwischen den Konfessionen zum Einsatz gelangte.

Historiker befassen sich gewöhnlich mit anderen Dingen als mit Wundern. Ihr Forschungsthema fällt da schon etwas aus dem Rahmen. Wie reagieren Ihre Kolleginnen und Kollegen?

Mein früherer Lehrer, Franti¨ek Graus (1921-1989), meinte vor vielen Jahren, dass man mit diesem Thema in Deutschland nicht unbedingt einen Blumentopf gewinnen könne. Ich solle, meinte er kurz vor seinem Tod, mir ein zweites Standbein zulegen. Ich habe mich an seinen Rat gehalten und mir gleich mehrere "Standbeine" zulegt. Graus hatte Recht. In Frankreich und in den USA sieht dies allerdings ganz anders aus.

Der Glaube versetzt Berge, lautet ein Sprichwort. Ermöglicht er Wunder?

Ja, ich denke, dass der Glaube an die Effizienz bestimmter Rituale eine Wirkung erzielen kann. Das hat die Wissenschaft im ausgehenden 19. Jahrhundert erkannt und ihr Wissen im Verlauf des 20. Jahrhunderts verfeinert. Diese Erkenntnis ist meines Erachtens eine der wichtigsten Zäsuren in der Geschichte des Wunders, vielleicht sogar wichtiger als die Glaubensspaltung beziehungsweise die Absage, die die Neugläubigen im 16. Jahrhundert dem Heiligenkult erteilen.

Zur Person:

Gabriela Signori hat Philosophie, Geschichte und Romanistik an den Universitäten Basel, Genf, Lausanne und Paris (EHESS) studiert. Der Titel ihrer Doktorarbeit lautete "Maria zwischen Kathedrale, Kloster und Welt. Hagiographische und historiographische Annäherungen an den Typus der hochmittelalterlichen Wunderpredigt" (Thorbecke Verlag: Sigmaringen 1995). Sie habilitierte sich zum Thema "Vorsorgen - Vererben - Erinnern. Kinder- und familienlose Erblasser in der städtischen Gesellschaft des Spätmittelalters" (Veröffentlichungen des Max-Planck-Instituts für Geschichte 160) (Vandenhoeck: Göttingen 2001). Daneben hat Gabriela Signori Herausgeberschaften übernommen sowie zahlreiche Monographien und Aufsätze verfasst, darunter jüngst "Wundergeschichte(n). Einführung in die Geschichte des Mirakels (Historische Einführungen)" (Campus Verlag, Frankfurt/M, 2007). Von 2001 bis 2006 war sie Professorin für die Geschichte des Spätmittelalters und der Historischen Hilfswissenschaften an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Seit 2006 ist Gabriela Signori an der Universität Konstanz Professorin für die Geschichte des Mittelalters.


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