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Symposium beleuchtet das "Goldene Wunder" in Petrikirche

07.05.2003 - (idw) Universität Dortmund

Das "Goldene Wunder" in der Dortmunder Petrikirche, der Antwerpener Schnitzaltar aus der Zeit um 1520, steht im Mittelpunkt des Symposiums "Bildgebrauch und Bildproduktion" vom 8. bis 10. Mai in Dortmund.

Während der Tagung beleuchten Historiker, Theologen und Kunsthistoriker das komplexe Altarwerk aus verschiedenen Perspektiven. Den Schwerpunkt bilden Vorträge zu seiner Produktion und Rezeption, die dem lokalen und kunstlandschaftlichen Kontext, der liturgischen Einbindung des Retabels, seinem Zusammenspiel mit weiteren Kunstwerken in seinem Umfeld sowie den allgemeinen ökonomischen Bedingungen der Produktion und des Importes von Antwerpener Schnitzretabeln gewidmet sind. Daneben zeigen Beiträge zum Themenkreis der im "Goldenen Wunder" zentral dargestellten Gregorsmesse die komplexe Verwendung eines Bildtypus für Altarretabel in unterschiedlichen Frömmigkeits- und Funktionszusammenhängen.

Ein besonderes Anliegen der Tagung ist es, einer interessierten Öffentlichkeit das Altarwerk und sein historisches sowie kulturelles Umfeld auf der Basis aktueller wissenschaftlicher Forschung nahe zu bringen und verständlich zu machen.

Das Symposium findet an verschiedenen Orten statt und verleiht damit der vielfältigen institutionellen Einbindung der Tagung Ausdruck. Der Eröffnungsvortrag findet am Donnerstag, 8. Mai, 20.00 Uhr im Museum für Kunst und Kulturgeschichte statt. Der Freitag ist von 9.00 bis 17.00 Uhr Vorträgen und Diskussionen an der Universität Dortmund gewidmet; zum Abendvortrag um 20.00 Uhr wird dann in die St. Petrikirche - Kirche in der City - eingeladen.

Am Samstag Vormittag werden zwei Vorträge und ein Werkstattgespräch unmittelbar vor dem Altarwerk angeboten. Als Höhepunkt darf gelten, dass am Samstag Vormittag das Altarwerk eigens für die Gäste der Tagung geklappt werden wird. Damit wird die Verknüpfung der Bildprogramme mit ihrer ereignishaften Präsentation erlebbar und die ursprüngliche Nutzung des Kunstwerkes unmittelbar anschaulich. In einer einmaligen Inszenierung sind alle drei "Wandlungen" des Altarwerkes zu sehen.

Abgerundet wird das Tagungsprogramm durch eine Exkursion nach Dortmund-Kirchlinde. In der dortigen St. Josephs-Kirche befindet sich ein weiterer Antwerpener Schnitzaltar, der - so darf man annehmen - ebenfalls ursprünglich für die Dortmunder Franziskanerkirche geschaffen wurde.

Die Tagung wird ergänzt durch eine Lehrerfortbildung, in der die interdisziplinären Forschungen auf ihre Aussagefähigkeit und Relevanz für den schulischen Unterricht befragt werden. (Dieser Veranstaltungsteil wird gefördert durch die Bundesanstalt für Arbeit/Zentralstelle für Arbeitsvermittlung.)

Veranstalter des Symposiums sind die Conrad-von-Soest-Gesellschaft - Verein zur Förderung der Erforschung Dortmunder Kulturleistungen im Spätmittelalter e.V. -, das Institut für Kunst und ihre Didaktik der Universität Dortmund/Lehrstuhl für Kunstgeschichte, die Forschungsgruppe "Kulturgeschichte und Theologie des Bildes im Christentum" der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster in Kooperation mit dem Stadtarchiv Dortmund, dem Museum für Kunst und Kulturgeschichte Dortmund und der St. Petri-Kirche in der City.

Die Tagung wird gefördert durch die Kulturstiftung Dortmund, die VolkswagenStiftung und das Mercure-Hotel Dortmund City.

Informationen zum "Goldenen Wunder"

Etwa 200 Flügelaltäre, die in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts in den erfolgreichen Antwerpener Werkstätten geschaffen wurden, sind weltweit erhalten. Sie wurden von Antwerpen, einer der bedeutendsten Städte des frühneuzeitlichen Europas, aus nach ganz Europa exportiert. Der Flügelaltar in der Dortmunder Petrikirche - wegen seiner prächtigen, vergoldeten Schnitzereien das "Goldene Wunder" genannt - zählt zu den größten und aufwändigsten unter den erhaltenen Werken. Er gehört heute zu den am besten erhaltenen Antwerpener Flügelaltären und vermittelt in unvergleichlicher Weise einen Eindruck seiner ursprünglichen Gestalt und Pracht.

Das monumentale Altarwerk in St. Petri wurde 1521 in der Handels- und Kunstmetropole Antwerpen bestellt. Es gehörte ursprünglich zur Ausstattung des Hauptaltares der Franziskanerkirche in Dortmund. Als diese im 19. Jahrhundert abgerissen wurde, gelangte es in die Petrikirche, wo es noch heute den Hauptaltar schmückt.

Die Kirche der Franziskaner in Dortmund war - wie die Kirche des zweiten Bettelordens, der Dominikaner - für das Leben im spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Dortmund von herausragender Bedeutung. Die Orden der Prediger bestimmten die Frömmigkeit der Stadtgesellschaft maßgeblich. Viele Bürger suchten das Fürbittegebet der Mönche für ihr Seelenheil im jenseitigen Fegefeuer und am Jüngsten Tag. Das hohe Ansehen, das der Franziskanerorden in der Stadt besaß, äußert sich auch in der ehrgeizigen Kirchenausstattung, von der nur noch das prächtige Altarwerk in der Petrikirche erhalten ist. Soweit es heute zu beurteilen ist, übertrafen die Franziskaner 1521 mit dieser Ausstattung ihrer Kirche alle anderen Gotteshäuser: größer und aufwändiger als die Altarausstattung der Dominikaner mit dem heute noch in der Propsteikirche erhaltenen Werk von Derik Baegert, größer und aufwändiger auch als das Altarbild von Conrad von Soest in der Marienkirche, und - was besonders auffallend ist - anspruchsvoller als das Hauptaltarwerk in der städtischen Hauptkirche St. Reinoldi.

Neben seiner außergewöhnlichen Größe besitzt das Altarwerk der Dortmunder Franziskaner außerdem zwei Paar Flügel und konnte somit zweifach geklappt werden. Die Hauptansicht zeigt die prächtigen, vergoldeten Skulpturen, die beiden anderen Ansichten, die "Wandlungen", zeigen Malereien. Mit seinem doppelten Flügelpaar kann das Altarretabel dreifach im Rhythmus von Liturgie und Kirchenjahr gewandelt werden. Das Altarwerk zeigt eine geradezu überbordende Fülle von einzelnen Szenen und Bildthemen. Sie veranschaulichen zentrale Inhalte von Theologie und Frömmigkeit am Übergang vom Spätmittelalter zur frühen Neuzeit. Besonders auffallend sind die prominenten Darstellungen, die der Eucharistie und Sakramentsfrömmigkeit gewidmet sind. Hier werden Bildformulierungen und Bildprogramme gewählt, die kontrovers diskutierte Themen für die Franziskaner bei ihren täglichen Messfeiern und Gebeten anschaulich machten.

Beeindruckend ist die technische Meisterschaft des Altarwerkes. Es wurde in Antwerpen gefertigt und dann in einer Fülle von wahrscheinlich mehr als 600 Einzelteilen nach Dortmund transportiert. Hier wurde es zusammengesetzt und aufgestellt.

(Stadt-Pressedienst vom 05.05.2003, Kontakt: Dagmar Pap
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Information:
Prof. Dr. Barbara Welzel, Institut für Kunst und ihre Didaktik an der Universität Dortmund, Ruf: 0231-755 2955
E-Mail: welzel@pop.uni-dortmund.de
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