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Eiszeitriesen am Kyffhäuser - Einwanderung der Fellnashörner früher als angenommen

11.11.2008 - (idw) Forschungsinstitut und Naturmuseum Senckenberg

Der aktuell beschriebene Schädel des ältesten Fellnashornfunds in Europa belegt, dass die Eiszeitriesen, die zwei beeindruckend lange Hörner auf ihrem Vorderschädel trugen, sehr viel früher als bisher vermutet in Mitteleuropa unterwegs waren. Die zotteligen Großsäuger weideten am Fuß des Kyffhäusergebirges, das vor 460 000 Jahren kahl und unbewaldet aus der weiten Ebene Nordthüringens ragte. - Es war eiskalt; die Temperaturen wie auch die Luftfeuchtigkeit waren zu der Zeit deutlich niedriger als heute. Nur wenige Kilometer entfernt befand sich die Stirn eines Gletschers, der sich während der Elster-Eiszeit von Skandinavien aus in Richtung Südwesten ausgedehnt hatte und langsam über die einförmige Graslandschaft schob. Doch in der so genannten Mammutsteppe konnten gut angepasste Kreaturen wie Mammuts, Rentiere, Moschusochsen und andere Kaltzeittiere überleben und fanden hier die passende Nahrung. Der einheitliche Vegetationstyp, der sich unter extremen Klimabedingungen entwickelt hatte, zog sich einst von den Küsten des Polarmeeres bis zum Pazifik und reichte im Westen bis nach Mitteleuropa.

"Dies ist das älteste Fellnashorn Europas", sagt Ralf-Dietrich Kahlke vom Forschungsinstitut Senckenberg. Mit dem Fund können wir erstmals exakt die Entstehung einer Kaltzeitfauna datieren, die sich fast über den gesamten asiatischen und europäischen Raum verbreitetet hat. Das Besondere daran ist, dass die für die Eiszeit typischen Säugetierarten unter den damaligen Klimabedingungen Kontinent übergreifend auftraten. Das gab es zu keiner anderen Zeit", erklärt der Paläontologe die Bedeutung des Fundes.

Der Schädel war schon vor etwa hundert Jahren am Fuß des Kyffhäusers entdeckt und in mehr als 50 Fragmenten aus einer Kiesgrube bei Bad Frankenhausen geborgen worden. Zwei Monate lang haben die Senckenberg-Präparatoren am Standort Weimar in präziser Detailarbeit die vielen Einzelteile zum heute weltweit vollständigsten Coelodonta tologoijensis zusammengesetzt. Nun ist der rekonstruierte Schädel der erste Nachweis dafür, dass diese Fellnashornart bereits vor der ersten Vereisung bis nach Europa gelangt war. Als das Tier vor rund 460 000 Jahren verendete, war es etwa 12 Jahre alt. Es starb in einem Schmelzwasserdelta, das sich vor dem Inlandgletscher gebildet hatte, der bis nach Mitteldeutschland vorgerückt war.

Die Vorfahren des eiszeitlichen Großsäugers sind zirka zwei Millionen Jahre früher im nördlichen Vorland des Himalaja entstanden. Über einen langen Zeitraum haben die frühen Vertreter der Gattung Coelodonta ausschließlich in dem rund 6000 Kilometer entfernten zentralchinesischen Raum und östlich des Baikalsees gelebt. Das zu der Zeit dort herrschende Klima war durch kontinentale Trockenheit und jahreszeitlich extrem schwankende Temperaturen geprägt, so dass schon die zentralasiatischen Urahnen des Frankenhäuser Fellnashorns an harte Steppennahrung angepasst und auch bestens gegen winterliche Kälte gerüstet waren.

In der kürzlich veröffentlichten Senckenberg-Studie über das älteste Fellnashorn aus der mitteleuropäischen Mammutsteppe weisen Ralf-Dietrich Kahlke und Frédéric Lacombat nach, dass Fellnashörner ihre früh erworbenen Fähigkeiten kontinuierlich an die Bedingungen ihres Lebensraums angepasst und über viele Jahrhunderttausende hinweg konsequent perfektioniert haben. Zwei Millionen Jahre zuvor stand auf dem Speiseplan von Coelodonta noch eine eher gemischte Nahrung, zu der auch die Blätter von Sträuchern und Bäumen gehörten. Da die Landschaft in der folgenden, zunehmend kälter werdenden Periode versteppte, haben die Tiere sich allmählich zu Topspezialisten für die Beweidung niedriger, am Boden wachsender Steppennahrung entwickelt. - "Die Analyse des Frankenhäuser Fundes zeigt, dass Coelodonta tologoijensis den Kopf tief über dem Boden trug und ein rasenmäherartiges Maul mit einem massiven Mahlgebiss besaß. Damit konnte es das unter diesen Klimabedingungen vorhandene Nahrungsangebot effizient nutzen", erläutert Ralf-Dietrich Kahlke die Anpassungsleistung der Fellnashörner.

Der Leiter der Weimarer Abteilung für Quartärpaläontologie und sein Co-Autor Frédéric Lacombat haben eine Vielzahl überlieferter Schädel der Eiszeitriesen aus etlichen Fundstellen in Asien und Europa untersucht. Facettenartige Abnutzungsspuren an den beeindruckend großen Vorderhörnern aus Permafrostböden zeigen, dass die Fellnashörner ihr Statussymbol nicht nur als Waffe gegen andere große Vertreter der Eiszeitfauna eingesetzt haben, sondern auch bei der Nahrungsaufnahme als "Werkzeug" verwendeten. (dve)

Hinweis für Redaktionen:

1. Die wissenschaftliche Publikation: Kahlke, R.-D., Lacombat, F.: "The earliest immigration of woolly rhinoceros (Coelodonta tologoijensis, Rhinocerotidae, Mammalia) into Europe and its adaptive evolution in Palaearctic cold stage mammal faunas" ist veröffentlicht in Quarternary Science Review, Volume 27, November 2008. - Auf Anfrage erhältlich über die Senckenberg Pressestelle, Doris von Eiff (s. u.)

2. Dr. habil. Ralf-Dietrich Kahlke ist Leiter der Abteilung für Quartärpaläontologie am Forschungsinstitut Senckenberg, Standort Weimar.
Dr. Frédéric Lacombat (Musée Crozatier in Le Puy-en Velay, Frankreich) war in der Weimarer Abteilung als Postdoc-Stipendiat beschäftigt.

3. Der Fund der Fellnashornart Coelodonta tologoijensis gehört zu den Weimarer Sammlungen des Forschungsinstituts Senckenberg.

4. Dieses und weiteres Bildmaterial wird auf Wunsch in höherer Auflösung honorarfrei zugesandt. Die Freigabe erfolgt für die Nutzung im Rahmen einer Berichterstattung. Die Quellenangabe ist obligatorisch.


Kontakt Pressestelle: Doris von Eiff, doris.voneiff@senckenberg.de,
Tel. +49 (0)69 7542 1257, mobil: +49 (0)173 54 50 196

Kontakt Wissenschaft: Dr. Ralf-Dietrich Kahlke, rdkahlke@senckenberg.de,
Tel. +49 (0)3643 49309-3330
Weitere Informationen: http://www.senckenberg.de/root/index.php?page_id=1342 Quartärpaläontologie Weimar http://www.senckenberg.de/root/index.php?page_id=99 Pressestelle Senckenberg, Frankfurt a. M.
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