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Wie Medikamente Krankheiten verhüten könn(t)en

14.11.2008 - (idw) Paul-Martini-Stiftung (PMS)

Bis heute gelten Jugendlichen-Diabetes und Prostatakrebs als Krankheiten, vor denen man sich nicht schützen kann. Doch bald schon könnte es Medikamente geben, die ihnen vorbeugen. Das zeigen Forschungsergebnisse, die beim Symposium "Prinzipien und Perspektiven der medikamentösen Prävention" am 14. und 15. November in Berlin diskutiert werden. Veranstalter sind die Paul-Martini-Stiftung und die Deutsche Akademie der Naturforscher Leopoldina. Auf dem Symposium soll insbesondere herausgearbeitet werden, was schon die nicht-medikamentöse Prävention bringt und was darüber hinaus Medikamente leisten können. Das Potenzial von Medikamenten, Krankheiten nicht nur zu behandeln, sondern sogar zu verhindern, wird noch ungenügend genutzt. Das ist die Überzeugung mehrerer Referenten des Symposiums. Schon mit den heute zugelassenen Medikamenten könnten nahezu 16 % der global auftretenden Krebserkrankungen vermieden werden, bilanziert beispielsweise Nobelpreisträger Prof. Dr. Harald zur Hausen. In der Praxis sei man davon weit entfernt. Auf dem Symposium zeigt zur Hausen, wie die Identifizierung infektiöser Ursachen für Krebserkrankungen neue Ansätze in der Prävention eröffnet.

Auch bei Prostatakrebs - für den keine infektiöse Ursache angenommen wird - könnten Medikamente zukünftig das Erkrankungsrisiko senken. Denn Studienergebnisse mit einem Präparat gegen gutartige Prostatavergrößerung und Resultate der Grundlagenforschung lassen erwarten, dass die Hemmung zweier Enzyme, 5-alpha-Reduktase Typ 1 und 2, Prostatakrebszellen an der Vermehrung hindert. Ein Präparat mit diesem Wirkprofil befindet sich derzeit in klinischer Erprobung.

Für Diabetes Typ 1 - früher Jugendlichen-Diabetes genannt - gibt es ebenfalls bis heute keine wirksame Vorbeugung: Lediglich für Ciclosporin, einen Wirkstoff aus der Transplantationsmedizin, konnte bisher gezeigt werden, dass es diese Autoimmunkrankheit aufhalten kann, jedoch nur mit inakzeptablen Nebenwirkungen. Auf dem Symposium werden nun Medikamente in Entwicklung vorgestellt, die vielleicht das gleiche leisten, jedoch besser verträglich sind, weil sie beispielsweise nur gezielt einzelne Komponenten des Immunsystems hemmen. Aber auch bestimmte Nahrungsbestandteile wie Vitamin D3, Fischöl und hydrolysierte Kuhmilch können möglicherweise - wenn sie frühzeitig zum Einsatz kommen - das Erkrankungsrisiko wesentlich senken. Die medikamentösen wie diätetischen Maßnahmen kommen für Kinder in Betracht, bei denen vieles auf ein hohes Erkrankungsrisiko hindeutet.

Schutzimpfungen gegen Infektionskrankheiten haben in den letzten Jahren wieder verstärkte Aufmerksamkeit in der Industrie erfahren. Schon bis 2012 könnten erstmals Impfstoffe gegen Gürtelrose, Genitalherpes, Malaria und Hirnhautentzündung durch B-Meningokokken zugelassen werden. Ebenfalls in Erprobung sind Impfstoffe gegen Tuberkulose, Pfeiffersches Drüsenfieber, Dengue-Fieber und die Leberkrankheiten Hepatitis C und E. Impfen schützt oft nicht nur vor der Infektion selbst, sondern hat auch günstige Folgewirkungen: So wird die Senkung des Schlaganfallrisikos durch eine Impfung gegen Windpocken oder Grippe ein Thema des Symposiums sein.

Bis es die Gentherapie gibt, werden sich ererbte Stoffwechselstörungen nicht ursächlich behandeln lassen. In immer mehr Fällen ist es aber mittlerweile möglich zu verhindern, dass die Störungen zu größeren körperlichen Schäden führen. Gentechnisch hergestellte Enzyme, regelmäßig infundiert, können bei Patienten mit bestimmten Enzymmangelkrankheiten verhindern, dass sich nur unvollständig abgebaute Abfallprodukte in den inneren Organen anhäufen. Gegen die Folgeschäden der Phenylketonurie, die häufigste erbliche Stoffwechselkrankheit in Deutschland, könnte in Kürze ein erstes Medikament zugelassen werden; bisher kann allein eine strenge Diät die Patienten vor schweren Nervenschäden bewahren. Die Verhütung dieser und weiterer Stoffwechselkrankheiten ist Gegenstand des Symposiums.

Ein weiteres Gebiet, in dem eine medikamentöse Prävention bereits etabliert ist, ist die Vermeidung schwerer Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Herzinfarkt oder Schlaganfall. Experten diskutieren auf der Veranstaltung, was über den Einsatz von Blutdruck- und Cholesterin-senkenden Mitteln hinaus noch getan werden kann. Auch der Stellenwert von Vitaminen und Nährstoffen wird beleuchtet. Hier wie bei anderen medikamentösen Präventionsmaßnahmen bedürfe es trotz ihrer oft einfach scheinenden Anwendbarkeit einer wissenschaftlichen und praktischen Risikoabwägung, betont Prof. Dr. Friedrich Wilhelm Schwartz von der Medizinischen Hochschule Hannover. Ebenso seien angemessene Rahmenbedingungen im Versorgungssystem erforderlich.

Prof. Dr. Dr. h.c. Peter C. Scriba von der Ludwig-Maximilians-Universität München, der das Symposium gemeinsam mit Prof. Schwartz leitet, insistiert, dass Deutschland endlich ein Präventionsgesetz braucht. Trotz mehrerer Anläufe dazu durch das Bundesgesundheitsministerium kamen die Arbeiten daran im März 2008 vorläufig zum Erliegen.

In den bisherigen Entwürfen für das Gesetz war die medikamentöse Prävention allerdings noch nicht enthalten. Insofern liege in der Notwendigkeit einer Neufassung auch eine Chance - so die Sicht von Dr. Dieter Götte von Basilea Pharmaceutica. "Befürchtungen, dass eine gesetzliche Verankerung medikamentöser Prävention das Gesundheitssystem finanziell überlasten könnte, lassen sich mit umfassenden gesundheitsökonomischen Betrachtungen sicherlich relativieren, da den Kosten für die Prävention die wesentlich höheren Kosten für Diagnose und Therapie gegenüberstehen."

Die Paul-Martini-Stiftung
Die gemeinnützige Paul-Martini-Stiftung, Berlin, fördert die Arzneimittelforschung sowie die Forschung über Arzneimitteltherapie und intensiviert den wissenschaftlichen Dialog zwischen medizinischen Wissenschaftlern in Universitäten, Krankenhäusern, der forschenden Pharmaindustrie, anderen Forschungseinrichtungen und Vertretern der Gesundheitspolitik und der Behörden. Träger der Stiftung ist der Verband Forschender Arzneimittelhersteller e.V. (VFA), Berlin, mit seinen derzeit 47 Mitgliedsunternehmen.

Zur Akademie Leopoldina
Die Deutsche Akademie der Naturforscher Leopoldina (gegründet 1652 in Schweinfurt) mit Sitz in Halle an der Saale (seit 1878) ist eine überregionale Gelehrtengesellschaft mit gemeinnützigen Aufgaben und Zielen. Sie fördert inter- und transdisziplinäre Diskussionen durch öffentliche Symposien, Meetings, Vorträge, die Arbeit von Arbeitsgruppen, verbreitet wissenschaftliche Erkenntnisse, berät die Öffentlichkeit und politisch Verantwortliche durch Stellungnahmen zu gesellschaftlich relevanten Themen, fördert junge Wissenschaftler, und sie betreibt wissenschaftshistorische Forschung. Im Juli 2008 wurde die Leopoldina im Rahmen eines Festaktes offiziell zur Nationalen Akademie der Wissenschaften in Deutschland ernannt.
Der Leopoldina gehören zur Zeit etwa 1300 Mitglieder in aller Welt an. Drei Viertel der Mitglieder kommen aus den Stammländern Deutschland, Schweiz und Österreich, ein Viertel aus 30 weiteren Ländern. Zu Mitgliedern werden Wissenschaftler aus naturwissenschaftlichen und medizinischen Disziplinen sowie aus den Kultur-, Technik-, empirischen Geistes-, Verhaltens- und Sozialwissenschaften gewählt, die sich durch bedeutende Leistungen ausgezeichnet haben. Unter den derzeit lebenden Nobelpreisträgern sind 33 Mitglieder der Leopoldina.


Die Abstracts der Vorträge sind nach der Veranstaltung unter www.paul-martini-stiftung.de/download abrufbar.
Weitere Informationen: http://www.paul-martini-stiftung.de http://www.leopoldina-halle.de
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