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Uni Kassel: Biologiedidaktik untersucht das Verhältnis von Religiosität und Einstellung zu Tieren

20.11.2008 - (idw) Universität Kassel

Kassel. Der Anblick eines alten Baumes, ein gleitender Bussard, der Tod eines vertrauten Tiers - Naturerfahrungen enthalten Tiefendimensionen, die Menschen existentiell berühren. Aber wie hängen solche "spirituellen" Dimensionen mit einer Naturbeziehung zusammen? Wie lassen sie sich systematisieren, wodurch werden sie gespeist? Und wie wirken sie sich auf die Bereitschaft aus, die Natur zu schützen? Diesen Fragen hat sich ein Forschungsprojekt der Biologen Dr. Claudia Wulff und Dr. Armin Lude an der Kasseler Universität gewidmet. Am Beispiel des Mensch-Tier-Verhältnisses fanden sie sechs Tiefendimensionen, die sie als implizit religiöse Dimensionen bezeichnen. Sie reichen von einer mystischen Erfahrung der Einheit bis zur ethisch relevanten Verantwortlichkeit. Sie überprüften diese Haltungen als Biologie-Didaktiker, um die Voraussetzung für tier- und naturschutzadäquate Haltungen besser identifizieren und um die Lehrmethoden im Biologieunterricht an diesen Erkenntnissen mit orientieren zu können. Denn wer verschiedene religiöse Dimensionen - fern religiösen Fundamentalismus - in sich vereine, der sei in besonderem Maße bereit, sich für den Schutz von Tieren einzusetzen. So das Fazit von Wulff, das jetzt als Buch unter dem Titel "Religiöse Dimensionen in der Einstellung zu Tieren" erschienen ist.

Bewegende Interviews
Grundlage für die Ergebnisse bilden 26 Interviews, Interviewpartner waren Pfarrerinnen und Pfarrer, die in besonderem Maße mit Naturschutzfragen konfrontiert sind: Sie haben Fledermauswochenstuben, Dohlenkolonien, Turmfalkennester oder Schleiereulenfamilien in ihrer jeweiligen Kirche. Die Wahl der Interviewpartner fiel auf Pfarrer, weil sie als religiöse Profis fähig sind, differenziert über ethische, theologische und philosophische Einstellungen Auskunft zu geben. In den Interviews wurden bewegende Erlebnisse mit Tieren geschildert. Sie haben über das besondere Verhältnis zu Tieren und zur Natur, über besonders prägende Kindheitserlebnisse, über verschiedene Dimensionen einer naturbezogenen Religiosität und über den Einfluss dieser Tiefendimensionen auf die Einstellung zum Naturschutz gesprochen. An den biographischen Schilderungen der Interviewpartner, deren Alter zwischen 30 und 70 Jahren lag, wurde deutlich, dass noch vor 30 Jahren für Kinder der Kontakt zur Natur und zu Tieren selbstverständlich war.

Der Kontext der Kindheit ist entscheidend
Primärerfahrungen mit Tieren, das Eingebettetsein des eigenen Lebens in Naturvorgänge von Geborenwerden und Sterben, das ist der Wurzelgrund für eine tiefgehende Naturbeziehung. Dass dies großen Einfluss auch auf zwischenmenschliche Beziehungen hat, wurde immer wieder betont. Die Selbstverständlichkeit des Umgangs mit Tieren schärft den Blick für Andere - seien es Menschen oder Tiere - und fördert die Empathie und das Einfühlungsvermögen.

Verschiedene Ebenen und Begriffe von Religiosität
Viele Menschen bezeichnen Tiefendimensionen der Naturbeziehung als religiös oder spirituell. Im Gespräch betonten viele Pfarrer, dass eine naturbezogene Religiosität religionsübergreifend sei. Offenheit, Transzendenz, Verbundenheit und Respekt waren die Worte, mit denen diese in der Religionswissenschaft "unsichtbar" oder implizit genannte Religiosität beschrieben wurde.

Innerhalb dieser Form der Religiosität konnten sechs Dimensionen gefunden werden: Verbundenheit, Transpersonale Identifikation, Kommunikation, Staunen, Respekt und Verantwortlichkeit. Bei diesen Dimensionen handelt es sich sowohl um mystische, ästhetische als auch um ethische Aspekte der Religiosität, die bei verschiedenen Personen unterschiedlich ausgeprägt sein können.

Wer verschiedene religiöse Dimensionen in sich vereint, der ist in besonderem Maße bereit, sich für den Schutz von Tieren einzusetzen.
Alle Interviewpartner mit ausgeprägten implizit religiösen Dimensionen zeigten eine eindeutige Naturschutzbereitschaft und klare Entscheidungen, "ihre" Tiere in der Kirche zu schützen und sich im Kirchenvorstand für sie einzusetzen. Die Einsicht, dass die beiden unterschiedlichen miteinander in Spannung stehenden Dimensionen Verbundenheit und Verantwortlichkeit zusammengehören und sich ergänzen, spielt dabei eine besondere Rolle. Dagegen zieht eine ausgeprägte Dimension "Staunen" oft kein entschiedenes Naturschutzhandeln nach sich.

Schlussfolgerung für den Biologieunterricht und den Naturschutz
Für den Biologieunterricht spielen solche implizit religiösen Dimensionen insbesondere innerhalb des Kompetenzbereiches Bewerten eine wichtige Rolle und sollten berücksichtigt werden. Solche stark emotionalen Aspekte wurden bisher eher weniger in den Biologieunterricht einbezogen, weil die Gefahr anthropozentrischer Projektionen besteht.

Die Analyse der verschiedenen Ebenen von Religiosität/Spiritualität (die in der vorliegenden Arbeit auf die Einstellung zu Tieren und zur Natur bezogen werden) ermöglicht einen interdisziplinären Unterricht zwischen Biologie, Religion und Ethik, der verhindert, in die Falle des christlichen Fundamentalismus zu stolpern.

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Claudia Wulff
Religiöse Dimensionen in der Einstellung zu Tieren.
Eine empirische Studie am Beispiel der Einstellung von Pfarrerinnen und Pfarrern zu kirchenbewohnenden Tieren.
kassel university press GmbH, Kassel 2008
http://www.upress.uni-kassel.de
348 Seiten
ISBN 978-3-89958-413-4

Info
Universität Kassel
Fachbereich 18
Didaktik der Biologie
Dr. C. Wulff
Heinrich-Plett-Str. 40
34132 Kassel
tel: (0561) 804 4523
e-mail: claudia.wulff@uni-kassel.de

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