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UDE: Die Kompromisse der Obrigkeit: Herrschaftsvermittlung in der Frühen Neuzeit

16.02.2009 - (idw) Universität Duisburg-Essen

Der politischen Kultur in den europäischen Monarchien der Frühen Neuzeit spürt ein neues Forschungsprojekt am Historischen Institut der Universität Duisburg-Essen (UDE) nach, das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanziert wird. In den kommenden drei Jahren untersuchen die Historikerinnen Dr. Hanna Sonkajärvi, Corinna von Bredow und Birgit Näther die typischen Formen der Kommunikation zwischen Obrigkeiten und Untertanen. Die Projektleitung hat Professor Dr. Stefan Brakensiek übernommen.

Mit dem Projekt knüpfen die UDE-Forscherinnen an die aktuelle Neubewertung der politischen Verhältnisse im 17. und 18. Jahrhundert an, eine Zeit, die traditionell als die Epoche des Absolutismus galt. Diese Selbstverständlichkeit ist aber mittlerweile erschüttert. Die zeitgenössische politische Theorie erklärte die Monarchen zwar zum souveränen Herrscher und die fürstliche Propaganda feierte ihre Alleinherrschaft in Texten und Bildern.

Prof. Brakensiek: "Im politischen Alltag mussten dieselben Majestäten jedoch mit ansehen, wie ihre Befehle häufig nicht befolgt wurden. Sie waren ständig genötigt, Kompromisse zu schließen und auf die Rechte der Privilegierten und selbst vieler Untertanen Rücksicht zu nehmen." Die Erfahrung lehrte, dass sich neue Gesetze nur dann erfolgreich einführen ließen, wenn die Betroffenen in den Umsetzungsprozess einbezogen wurden.

Herrschaft war demnach auf Vermittlung angewiesen: Um die Kommunikation zwischen Obrigkeiten und Untertanen zu ermöglichen, wurden sowohl in den Territorien des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation, als auch in den großen europäischen Monarchien geeignete Verfahren entwickelt: Visitation, Supplikation, Bericht und Enquête. Damit sollten Informationen beschafft, die Loyalität von Amtsträgern überprüft, Entscheidungen begründet sowie deren Erfolg kontrolliert werden.

Da diese Verfahren den beteiligten Untertanen auch die Möglichkeit boten, ihre Sicht der Dinge zu formulieren und an die Obrigkeit zu adressieren, wurden sie entsprechend zur Interessenartikulation genutzt und "zweckentfremdet". Solche institutionalisierten Formen der Herrschaftsvermittlung bildeten prägende Elemente der politischen Kultur des vorrevolutionären Ancien Régime. Manche dieser Kommunikationsformen sind von den autoritären Regimes des 19. und 20. Jahrhunderts übernommen worden.

Die Untersuchung der Verfahren soll die Fragen klären, inwieweit sie zur Funktionsfähigkeit der Fürstenstaaten beitrugen, den beteiligten Untertanen begrenzte politische Teilhabe eröffneten und dadurch die Legitimität monarchischer Herrschaft stützten. In einer noch weiter gefassten Perspektive geht es darum, Lernprozesse auf Seiten der Obrigkeiten und der Untertanen zu erkennen und herauszufinden, ob dadurch historischer Wandel innerhalb der fürstenstaatlichen Ordnung ermöglicht wurde. Im UDE-Projekt werden das Kurfürstentum Bayern, die Landgrafschaft Hessen-Kassel, die habsburgischen Lande "unter der Enns" (Niederösterreich) sowie die Provinz Flandern in den österreichischen Niederlanden untersucht.

2009 und 2010 wird das Forschungsprojekt zwei Workshops am Kulturwissenschaftlichen Institut (KWI) in Essen veranstalten, an dem Historikerinnen und Historiker aus verschiedenen europäischen Staaten teilnehmen werden, die mit ähnlichen Fragestellungen und Methoden der Herrschaftsvermittlung in anderen Fürstenstaaten nachgehen. Im Zentrum der Überlegungen steht der Beitrag herrschaftsvermittelnder Verfahren für die Ausprägungen der politischen Kulturen in verschiedenen Teilen Europas.


Weitere Informationen: Prof. Dr. Stefan Brakensiek, T. 0201/183-3586, stefan.brakensiek@uni-due.de

Redaktion: Beate H. Kostka, Tel. 0203/379-2430

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