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Schluss mit den Sarrazinaden!

16.05.2003 - (idw) Humboldt-Universität zu Berlin

Erklärung von Professorinnen und Professoren der Berliner Universitäten

Erklärung von Professorinnen und Professoren der Berliner Universitäten
Berlin, 15.5.2003

Schluss mit den Sarrazinaden!

Finanzsenator Thilo Sarrazin hat sich im Tagesspiegel vom 12. Mai 2003 einmal mehr über seine speziellen Sparpläne in bezug auf die Berliner Universitäten geäußert. Wenn dieses Interview nicht ein hochrangiger Politiker gegeben hätte, könnte man Inhalt und Botschaft rasch vergessen. Denn was dort zu lesen ist, hat mit Konzept, Gestaltungskraft und Vision - also mit dem, was man von Politikern mit Recht erwarten kann - nichts zu tun. Vielmehr offenbart dieses Interview in geradezu erschreckender Weise, dass dieser Finanzsenator der gegenwärtigen Situation Berlins nicht gewachsen ist. Dass es vielmehr sein wissenschaftspolitischer Dilettantismus und seine fehlende Sachkenntnis sind, die mittlerweile selbst zu einem zentralen Problem der Berliner Landespolitik werden. Denn sie reden Berlin als Wissenschaftslandschaft auf die Dauer "tot".

(1) Mit der Begründung, die Industrie stütze sich heute "im Wesentlichen auf natur- und ingenieurwissenschaftlichen Absolventen", hat Sarrazin die heutige hochkomplexe Wissenschaftslandschaft in "produktive" und "unproduktive" Wissenschaften aufgeteilt. Angesichts weltweiter und sorgfältiger Diskussionen um die neue Qualität synergetischer Erkenntnisgewinne in interdisziplinären Austauschprozessen zwischen den Wissenschaftskulturen kann man sich auf diese absurde Auffassung nicht ernsthaft einlassen. Stattdessen muss die Frage gestellt werden, ob jemand, der solche Vorstellungen über Wissensproduktion und Wissensgenerierung in der gegenwärtigen Gesellschaft besitzt, überhaupt in der Lage ist, über Perspektiven wissenschaftlicher Ausbildung in Berlin nachzudenken und die Zukunft der Universitäten maßgeblich mitzubestimmen.

(2) Offensichtlich hat der frühere Bahnmanager bis heute noch nicht verstanden, dass man eine europäische Metropole wie Berlin nicht wie einen Betrieb "bewirtschaften" kann. Lange genug ist die Stadt einer gewissen Provinzialität gescholten worden - teils zu recht. Nun sollte man diese Provinzialität nicht ausgerechnet noch auf eine hochwertige Wissenschaftslandschaft übertragen. Was für Städte in der Größenordnung von Darmstadt, Herne oder Kassel sinnvoll sein mag, sich nämlich Gedanken über besondere lokale Standortqualitäten zu machen, greift im Falle von Berlin notwendig zu kurz. Metropolen sind Zentren komplexer Wissensgenerierung, keine Standorte, an denen man einzelne "produktive" Denkbatterien aufstellt. Im Übrigen drückt das ein Verständnis von Produktivität aus, das eher dem 19. als dem 21. Jahrhundert entspricht. Für Berlin als ein funktionierendes Laboratorium innovativen und interdisziplinären Denkens ist solch eine beschränkte Sicht strategisch kontraproduktiv und unsinnig.

(3) Vielleicht findet sich ja jemand, der dem Finanzsenator endlich verrät, dass Universitäten über intellektuelle Kapazitäten verfügen, die man andernorts gerade in der Zeit schwieriger Transformationsprozesse nutzt. Etwa um damit die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Probleme großer Städte besser und effektiver zu lösen. Man müsste Herrn Sarrazin also beratungsfähig machen. Und man müsste ihm vor allem erklären, dass gerade die "unproduktiven Wissenschaften" sich auf vielfältige Weise damit beschäftigen, die künftigen Gestaltungsmöglichkeiten von Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur auszuloten und zu erklären. Das gilt gerade für die Möglichkeiten der großen Städte als den Zukunftswerkstätten gesamtgesellschaftlicher Entwicklung. Wer diese Kapazitäten vernichtet, spart nicht für die nächste Generation, sondern vernichtet deren Zukunftsfähigkeit.

(4) Im Übrigen: Wer Studierende öffentlich nur als Problem- und Lehrende nur als Pensions-Fälle diskutiert, missachtet in unerträglicher Weise deren hohe Identifikation mit dieser Stadt. Und er verkennt in ignoranter Form auch die Identitätsarbeit, die von den Berliner Universitäten und all ihren Angehörigen geleistet wird - nach draußen für die Stadt wie nach drinnen, in ihre Räume und Bezirke hinein. Berlin ist auch unsere Stadt, unsere Lebens-Welt. Von vielen, die gekommen sind, frei gewählt und aktiv mitgestaltet - länger, zuverlässiger und nachhaltiger als von so manchem durchreisenden Politiker.

(5) Im Interview weist der Finanzsenator selbstbewusst darauf hin, dass er kein Vermittlungsproblem habe. Damit hat er Recht. Vermittlungsproblem kann nur jemand haben, der Ideen hat, die zu vermitteln wären. Sarrazin hat aber keine Ideen, keine Botschaft. Er denkt (und redet leider auch) über Wissenschaft und Hochschulwesen, wie man auch über Fußball am Stammtisch redet. Da will auch jeder gerne Bundestrainer spielen, der einen Ball von weitem gesehen hat. Nur geht es hier nicht um Spiele. Hier geht es um die Zukunft dieser Stadt und ihrer kommenden Generationen. Es reicht, Herr Sarrazin, so können Sie die Probleme dieser Stadt nicht lösen. Schluss mit den Sarrazinaden. Endlich metropolitan denken!

Stellvertretend:

Wolfgang Kaschuba
Rolf Lindner
Peter Niedermüller
(Institut für Europäische Ethnologie der Humboldt-Universität zu Berlin )
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