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Wie Heinrich Hoffmann gekonnt mit unbewussten Fantasien spielt

20.04.2009 - (idw) Goethe-Universität Frankfurt am Main

FRANKFURT. Warum übt die kurze Geschichte des Struwwelpeter, der seine Haarpracht und seine langen gefärbten Nägel trotzig zur Schau stellt, bis heute eine unmittelbare Faszination sowohl auf Kinder als auch auf Erwachsene aus? Prof. Marianne Leuzinger-Bohleber, Direktorin des Frankfurter Sigmund-Freud-Instituts, beleuchtet diese Faszination aus der Perspektive der Psychoanalytikerin und erklärt auch, warum sie den Struwwelpeter für eine ungeeignete Kinderlektüre hält - nachzulesen in ihrem Beitrag im soeben erschienenen Wissenschaftsmagazin "Forschung Frankfurt" 1/2009. In den letzten 200 Jahren wurden die Struwwelpeter-Geschichten zu verschiedensten Zwecken eingesetzt: zur Entdeckung "normaler" kindlicher Widerspenstigkeit in der Zeit aufkommender bürgerlicher Emanzipation, im Dienste einer autoritären Erziehung in der Wilhelminischen Ära, zur Vorbereitung auf den Militärdienst während des Ersten Weltkriegs, als Symbol eines nicht bezähmbaren Revolutionärs, als sarkastische Propaganda gegen nationalsozialistische Ideologien oder schließlich zur aufgeklärten anti-autoritären Erziehung.

"Heinrich Hoffmann ist es in den Struwwelpeter-Geschichten mit bewundernswert treffsicherer Intuition gelungen, ubiquitäre unbewusste Fantasien von Kindern, aber auch von Erwachsenen, anzusprechen und die damit assoziierten Erinnerungen an intensivste Emotionen, Ängste und Konflikte wachzurufen", so Leunzinger-Bohleber. Was sind "ubiquitäre unbewusste Fantasien"? Nach dem psychoanalytischen Konzept des "dynamischen Unbewussten" geht es um unbewusste Fantasien und Konflikte, die oft unerkannt menschliches Verhalten determinieren. So können frühere Konflikte später wieder reinszeniert werden, mit der Hoffnung, für Ungelöstes doch noch eine Lösung zu finden. Übertragen auf "Die Geschichte vom bösen Friedrich", die Zweijährigen vorgelesen wird, könnte dies bleibende Spuren im Gedächtnis hinterlassen, gewisse sadistische Fantasien könnten sich einprägen. Denn Kinder setzen sich in diesem Alter mit eigenen aggressiven Impulsen auseinander und ziehen beispielsweise mit Vergnügen Katzen am Schwanz oder reißen Käfern die Beine aus. "Erst wenn Kinder durch Identifikation mit einem empathischen Erwachsenen einen ersten 'Mentalisierungsschritt' vollziehen, das heißt durch Einfühlung nachvollziehen können, dass auch der Hund ein Lebewesen ist, das Schmerzen empfindet, können innere und äußere Grenzen erfahren, etabliert und sadistisch-aggressive Impulse ansatzweise sozialisiert werden", erläutert die Psychoanalytikerin.

Trotz aller Wertschätzung der historischen Leistungen von Heinrich Hoffmann und besonders seiner hellseherischen Fähigkeiten, ubiquitäre Fantasien wahrzunehmen, in Reimen zu gestalten und zu visualisieren, wünsche sich Marianne Leuzinger-Bohleber dennoch, dass der heutige Wissensstand von Psychoanalyse, Bindungs- und Mentalisierungsforschung eine "verstehende, empathische Pädagogik" befruchtet. Vorschul- und Grundschulkinder verfügen noch nicht über die Fähigkeit, sich von den sarkastischen und ironischen Übertreibungen in der verbalen und visuellen Gestaltung der Struwwelpeter-Geschichten innerlich zu distanzieren und für einen produktiven Umgang mit den reaktivierten unbewussten Fantasien zu nutzen: Sie werden von den Erinnerungen an die archaischen Konflikte überflutet, was bei besonders anfälligen und verletzlichen Kindern eventuell sogar traumatisierend wirken kann. "Angesichts der vielen wunderbaren Kinderbücher, die uns heute zur Verfügung stehen, um Kinder in ihrem Entwicklungsprozess zu unterstützen, ihre kindlich-archaischen Fantasien zu differenzieren, zu kultivieren und psychisch zu integrieren, ist zu wünschen, dass der Struwwelpeter aus den heutigen Kinderstuben verschwindet und Erwachsenen und ihrem historischen Interesse vorbehalten bleibt", plädiert die Direktorin des Sigmund-Freud-Instituts.


Informationen: Prof. Marianne Leuzinger-Bohleber, Sigmund-Freud-Institut,
Tel. (069) 97 12 04 146, m.leuzinger-bohleber@sigmund-freud-institut.de
Weitere Informationen: http://Wissenschaftsmagazin Forschung Frankfurt 1/2009 im Internet: www.muk.uni-frankfurt.de/Publikationen/FFFM/2009/index.html
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