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Germanistik: Was der Sandmann alles ans Licht bringt

11.05.2009 - (idw) Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf

Ist wirklich jede Interpretation eines literarischen Textes ein ernstzunehmender wissenschaftlicher Beitrag? Germanisten der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf antworten mit einem klaren "Nein". Und schrieben ein provozierendes Buch über die Dauerkrise der Literaturwissenschaft. Was läuft falsch in dieser Disziplin? Ist wirklich jede Textinterpretation legitim? Das waren die Kernfragen, die sich die Düsseldorfer Germanisten Prof. Dr. Peter Tepe, Dr. Jürgen Rauter und Tanja Semlow stellten.
Eine ihrer zentralen Thesen nach langjähriger Arbeit zum Thema: Die Textwissenschaft als Teil der Literaturwissenschaft befindet sich in einer Dauerkrise. Texte werden seit Generationen von Wissenschaftlern, seit den Begründern des Faches "Germanistik", den Brüdern Grimm, wissentlich oder unwissentlich willkürlich interpretiert. Je nach Zeitgeist, Weltanschauung, Ideologie, politischer Couleur oder theoretischem Modell. Man sieht im Text nur das, was man will. Tepe: "Nur etwa 60 Prozent aller wissenschaftlichen Interpretationen sind legitim."
Tepe und seine Mitautoren unterscheiden zwischen einem wissenschaftlichen (kognitiven), einem nichtwissenschaftlichen (aneignenden) und einem pseudowissenschaftlichen (projektiv-aneignenden) Textzugang. Tepe: "Bei kritischer Prüfung von Sekundärtexten zeigt sich, dass viele Arbeiten im Gewand der Wissenschaft aneignend-aktualisierend vorgehen und den Primärtext an die jeweils gängigen Theorien und Weltanschauungen anpassen."
Was die Düsseldorfer Germanisten am Beispiel von E. T. A. Hoffmanns Erzählung "Der Sandmann" (1816) deutlich machen. Über 80 Interpretationen des schauerlichen Gruselstücks um den Studenten Nathanael, der langsam dem Wahnsinn verfällt, um seine Verlobte Clara, einen zweifelhaften Universitätsprofessor, den windigen Wetterglashändler Coppola, herausgerissene Augen und die menschenähnliche Automatenfrau Olimpia werden detailliert analysiert. Ergebnis: Mehr als ein Viertel der vorliegenden Deutungen sind im Kern projektiv-aneignend, - schlichtweg subjektiv. Die bekannteste stammt von Sigmund Freud mit seiner psychoanalytischen Abhandlung über das Unheimliche.
Tepe: "Diese projektiv-aneignenden Interpretationen treten zu Unrecht mit einem wissenschaftlichen Erkenntnisanspruch auf. Der Interpret tut etwas anderes, als er zu tun vorgibt: Er projiziert unbemerkt seine Hintergrundtheorie in den Text und liest sie dann wieder aus ihm heraus. Vorausgesetzt wird, dass der Text einen verborgenen eigentlichen Sinn aufweist. Die Einsicht in diesen Mechanismus ermöglicht es, die Entstehung und die Konjunktur jeweils zeitgeistkonformer Interpretationen von literarischen Texten und anderen Kunst- und Kulturphänomenen zu erklären. Der projektiv-aneignend vorgehende Interpret ist in dem Selbstmissverständnis befangen, er würde eine echte Erkenntnisleistung erbringen, während er de facto handfeste Aneignung betreibt."
Die traditionelle Textwissenschaft, so die Düsseldorfer Germanisten, neige dazu, von vornherein auf eine bestimmte Interpretationsstrategie fixiert zu sein. Tepe: "Es wird vorrangig nach Textelementen gesucht, die den gewählten Deutungsansatz stützen. Es wird nicht systematisch untersucht, ob sich der gesamte Textbestand zwanglos gemäß dieser Option deuten lässt. Überdies kommt es häufig zu einer engen psychischen Bindung des Interpreten an seine Thesen. Für den Autor leitend ist insgeheim das Ziel, eine mit dem eigenen Überzeugungssystem im Einklang stehende Deutung zu gewinnen."
Hoffmanns "Sandmann" bietet sich als idealer Untersuchungsgegenstand an. Denn nahezu alle methodischen Positionen sind auf diese Erzählung angewandt worden. Die kritische Auseinandersetzung mit der Sekundärliteratur ermöglicht es, die wissenschaftliche Leistungsfähigkeit von den älteren bis zu neuesten Forschungsansätzen im Bereich der Textarbeit zu beurteilen.
Bereits an seinem Autor schieden und scheiden sich die Geister.
"Dieser Hoffmann ist mir widerwärtig mit all seinem Geist und Witz von Anfang bis zu Ende", scharfrichterte Germanistikmitbegründer Wilhelm Grimm. In Robert Koenigs bis ins frühe 20. Jahrhundert populärer deutschen Literaturgeschichte (1878, Vortitel: "Dem deutschen Hause") wird "Der Sandmann" beschrieben als "grause Spukgeschichte, in welcher Wahnsinn und Wirklichkeit wild durcheinander wirbeln."
Der Band "Interpretationskonflikte am Beispiel von E.T.A. Hoffmanns 'Der Sandmann'" ist als Arbeitsbuch angelegt, das es ermöglicht, den wissenschaftlichen Wert der verschiedenen Deutungsansätze zu bestimmen.
Studierende sollen lernen, Arten der Textinterpretation voneinander zu unterscheiden, nicht blindlings vermeintlichen Autoritäten zu folgen. Semlow: "Wir versuchen, nicht nur die Mängel der Fachliteratur deutlich werden zu lassen, wir zeigen auch mit unserer neuen Methode der Basis-Interpretation, wie man es besser machen kann. Dieses Verfahren orientiert sich strikt an erfahrungswissenschaftlichen Prinzipien. Die empirische Textwissenschaft ist primär an der bestmöglichen Lösung von Erkenntnisproblemen interessiert. Dazu gehört, dass im Rahmen eines textbezogenen Vergleichs der grundsätzlichen Deutungsoptionen gezielt nach Textelementen gesucht wird, die die favorisierte Interpretation in Schwierigkeiten bringen könnten."
Bei ihrem Interpretationsvergleich kamen Tepe, Rauter und Semlow übrigens zu einem verblüffenden Ergebnis: Derjenige Deutungsansatz, der in der Fachwelt nahezu keine Rolle spielt - die dämonologische Interpretation - erwies sich im Licht kognitiver Kriterien in puncto Textkonformität und Erklärungskraft der Konkurrenz alsdeutlich überlegen.
Zwar bleibt hinsichtlich bestimmter Textelemente offen, ob Claras oder Nathanaels Sichtweise der Dinge zutrifft, da Hoffmann nachweisbar eine Erzählstrategie des Offenhaltens von Deutungsmöglichkeiten verfolgte. Berücksichtig man jedoch den Gesamttext, so überwiegt die dämonologische Perspektive, mit der er sich alles entschlüsseln lässt. Tepe: "Der dämonologische Ansatz führt zu einer Deutung, die Eingriffe einer dämonischen Macht annnimmt. Demnach ist Nathanael in den zentralen Punkten keinen Wahnvorstellungen verfallen, sondern er sieht die Dinge, zumindest im Prinzip, richtig. Clara hingegen sieht sie falsch."
Die Autoren wollen mit ihrem provokanten Studienbuch nicht einfach nur den Stand der Forschung auf eine für Lehrveranstaltungen in den Bachelor- und Masterstudiengängen geeignete Weise vermitteln. Sie sehen es auch als Herausforderung für die traditionelle Textwissenschaft an. Wenn man so will: eine 400-seitige Streitschrift.

Die Autoren:
Prof. Dr. Peter Tepe lehrt Neuere Germanistik und Philosophie an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Er leitet den interdisziplinären Studien- und Forschungsschwerpunkt "Mythos, Ideologie und Methoden" und gibt die Online-Zeitschrift www.mythos-magazin.de heraus sowie die Fachzeitschrift "Mythos". Dr. Jürgen Rauter ist Informationswissenschaftler und lehrt Ältere und Neuere Germanistik an der HHU. Tanja Semlow ist Mitherausgeberin der Zeitschrift "Mythos" und ebenfalls in der germanistischen Lehre tätig.


Peter Tepe, Jürgen Rauter, Tanja Semlow: Interpretationskonflikte am Beispiel von E. T. A. Hoffmanns "Der Sandmann". Kognitive Hermeneutik in der praktischen Anwendung. Mit Ergänzungen auf CD. Würzburg: Verlag Königshausen & Neumann, 2009, 400 Seiten, 39,- Euro

Für die Redaktionen:
Kontakt:
Prof. Dr. Peter Tepe, Tel. 0211-81-1 29 48 oder 0211- 752173
mail: tepe@phil-fak.uni-duesseldorf.de

Rezensionsexemplare können beim zuständigen Verlagsleiter, Dr. Thomas Neumann, angefordert werden: neumann@koenigshausen-neumann.de

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