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Ausstellung "Christus an Rhein und Ruhr - Zur Wiederentdeckung des Sakralen in der Moderne 1910 - 1930"

27.05.2009 - (idw) Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf

Morgen wird im Bonner August Macke Haus die Ausstellung "Christus an Rhein und Ruhr - Zur Wiederemtdeckung des Sakralen in der Moderne 1910 - 1930" eröffnet. Kuratorinnen sind Prof. Dr. Gertrude Cepl-Kaufmann und Jasmin Grande M. A. (Institut "Moderne im Rheinland" an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf). Die Vorbesichtigung für die Presse findet um 11.00 Uhr statt. PRESSE-EINLADUNG zur Vorbesichtigung der Ausstellung "Christus an Rhein und Ruhr - Zur Wiederentdeckung des Sakralen in der Moderne 1910 - 1930" (August Macke Haus Bonn 29. Mai - 13. September 2009) am Donnerstag, den 28. Mai 2009, 11.00 Uhr und zur Eröffnung der Ausstellung am Donnerstag, den 28. Mai 2009, um 18.00 Uhr.

Die Ausstellung erinnert an ein Jahrhundertphänomen, das allzu lange im Verborgenen blieb. Der Kölner Künstler Franz W. Seiwert motivierte mit seinem vor 1925 entstandenen, undatierten Glasbild "Christus im Ruhrgebiet" zum Titel der Ausstellung. Christus durfte nicht länger in der süß-kitschigen Stilisierung einer weltfernen, zeitlosen Bildwelt und kommerzialisierten Andachtskultur verkommen. Hier und Jetzt, angesichts der Entfremdungserfahrungen der Moderne, besann man sich auf die Wirkmacht und spirituelle Kraft Jesu und reaktivierte eine verschüttete kulturelle Erinnerung. Christus erschien, wie in seiner Zeit, als der Leidende und als Retter zugleich. Dies galt vor allem nach der Erschütterung, die der Erste Weltkrieg bedeutet hatte. In der urbanen Kultur des Rheinlandes verdichtete sich der messianische Geist, der bis weit in die zwanziger und frühen dreißiger Jahre Künstler und Schriftsteller zu innovativem Schaffen anregte. Philosophie und Theologie, Architektur, Kunstgewerbe und Musik zehrten vom neuen Christusbild. Es bedeutete immer mehr als eine Erweiterung des künstlerischen Themenkanons.

Mit dem 20. Jahrhundert beginnt die Suche nach dem "neuen Menschen". Künstler und Schriftsteller wandten ihren bürgerlichen Welten den Rücken zu und schlossen sich in neuen Gemeinschaften zusammen, um die Fragen einer neuen Kunst zu erörtern und sich selbst neu zu definieren, abseits der schöngeistigen und im Historismus schwelgenden Formkunst des 19. Jahrhunderts. In der Großstadt stieß man auf Jesus Christus. Schon in der naturalistischen Bildwelt begegnet er als Opfer der industriellen Arbeitswelt, aber auch als Sozialrevolutionär. Hieran konnten die Expressionisten anknüpfen.

In den Wirren der Zeit zwischen Urkatastrophe und Ich-Verlust standen auch die Künstler und Schriftsteller an Rhein und Ruhr sich fremd gegenüber, sahen dem Anderen ins Antlitz und suchten nach neuer Spiritualität jenseits des Verlustes an Menschenwürde. Es war der Anachronist Jesus Christus, dessen Prinzip der Nächstenliebe einen Weg jenseits des Mordens und Verurteilens anbot, der seinen Schmerz nicht versteckte, sondern sein Antlitz zeigte und litt.

Wohin sollte man sich wenden, wenn die Welt der Väter untergegangen war und die Söhne gnadenlos mit sich riss? Wer noch war, war entfremdet. Man wandte sich an Jesus Christus. Die Parallelen lagen auf der Hand: Auch er war ein junger Mensch, und auch er teilte die Erfahrung eines mächtigen Vaters. Er hatte gelitten und er liebte dennoch.

Ecce Homo - die "Veronika" Will Küppers hält das Schweißtuch hoch - Seht, ein Mensch! Heinrich Hoerle malt das Antlitz Christi und zerlegt es in kubistische Formen: Hier ist der neue Mensch! Die Kölner Künstlerzeitschrift Ventilator ruft provokant eine "Warnung!" aus: "Laßt Euch auf keinen Handel mit dem Herzen ein. Verbarrikadiert Eure Gefühle. Haltet euch am Besitz - euer gefährlichster Feind ist der Geist! [...] Epidemien greifen um sich! Christus ist auf der Welt. Der Kommunist Christus."

Heinrich Campendonk malt den "Grünen Christus" am Kreuz, grün nicht als Farbe, sondern als Verb, als Seinszustand. Der Christus des 20. Jahrhundert ist grün - er ist jung und er grünt - er lebt und er kommt. Er wird und muss der ganz Andere sein! Wilhelm Lehmbrucks Entwurf für den Ehrenfriedhof auf dem Kaiserberg in Duisburg manifestiert nicht den heroischen Körper, hier begegnet kein Krieger, schwertumgürtet. Er ist der "Gestürzte". Zu schwach, um aufzustehen, scheint er im Kriechen innegehalten. Er weint. Auf allen Vieren schockiert er den Betrachter in seiner Verletzlichkeit, appelliert, man müsse ihm helfen. Lehmbrucks Gestürzter markiert eine Grenze: Hier geht es nicht mehr weiter. Der Mensch hat die Tiefe seiner Existenz erreicht, wie Christus im Leiden an die Grenze der Erniedrigung gelangt ist. Wie er zugleich zum Symbol neuer Menschlichkeit wurde, konnte und musste auch diese Generation der Erniedrigten zu neuem Leben und zu neuem Empfinden vorstoßen.

Jesus wird zum Symbol der Liebe zum Menschen, auch der körperlichen Liebe - Die Menschen unterm Kreuz sind bei Lehmbruck nackt, Emil Zuppkes "Ehe" zeigt zwei Akte am Kreuz und verbindet so das Motiv des Schmerzes mit der Wiedergeburt, denn Nacktheit bedeutet zugleich Geburt, Neuanfang. Hier begegnet das Utopische als Gegenstück zum Apokalyptischen. Beide haben diese Zeit geprägt.

Die Ausstellung zeigt Malerei und Graphik, Plastik und Keramik, Literatur und Bühnenbilder u. a. von Herm Dienz, Otto Freundlich, Heinrich Hoerle, Franz W. Jansen, Will Küpper, Else Lasker-Schüler, Wilhelm Lehmbruck, August Macke, Marie von Malachowski-Nauen, Ewald Mataré, Carlo Mense, Heinrich Nauen, Walter Ophey, Otto Pankok, Lotte B. Prechner, Franz W. Seiwert; Adalbert Trillhaase, Egon Wilden, Emil Zuppke; ferner literarische Arbeiten u. a. Carl Einstein, Kurt Heynicke, Hannes Küpper, Karl Röttger, Karl Gabriel Pfeill, Paul Zech, Carl Zuckmayer.
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Sie spiegeln die Dominanz des Themas in unterschiedlichen Facetten:

"Kreuzigung": Das Kreuz fungiert als Metapher des Leidens wie als Heilssymbol. Die Vielfalt der Trauernden zu Füßen des Kreuzes spiegelt die Intention der Künstler, denen es nicht um eine historische Reminiszenz, sondern um eine Aktualisierung des Themas ging.

"Antlitz": Die leidende Christusfigur findet im Antlitz einen kongenialen Ausdruck der Zeit. So wie der Photograph August Sander das "Antlitz des 20. Jahrhunderts" einzufangen suchte, begegnet im Antlitz Christi sein künstlerisches Gegenstück.

"Pietà": Das Urbild inniger Liebe und zugleich existentieller Trauer haben Künstler und Schriftsteller vor allem im Kontext des Ersten Weltkrieges wiederentdeckt.

"Wandlung": Wilhelm Lehmbrucks Plastik "Der Gestürzte" zeigt die Nähe zwischen leidendem Menschen und messianischer Deutung.

"Der Mensch der Maschine ist unser Messias": Der Düsseldorfer Schriftsteller Hannes Küpper schrieb im Stil der Neuen Sachlichkeit die Christusthematik futuristisch fort. Gezeigt werden ausgewählte Bühnenbilder zu Inszenierungen im Rheinland der zwanziger Jahre.

"Christus im öffentlichen Diskurs": Tagungen und Ausstellungen haben schon seit Beginn des Jahrhunderts die Brisanz der neuen Religiosität reflektiert. Ausgewählte Ausstellungskataloge erinnern an die Qualität dieses Diskurses.

"Paradiese": Die Ausstellung folgt der Architektur des August Macke Hauses und sorgt mit zunehmender Abstraktion für eine eigene Dimension. Die Leidensmetaphorik im Antlitz Christi korrespondiert mit dem Moment des Utopischen, eingefangen im Bild des Paradieses, ein Motiv, das z. B. August Macke und Franz Marc in ihrem Wandbild im Atelier des August Macke Hauses aufgegriffen haben.

Der Katalog reflektiert das Problemfeld und die kulturhistorische Bedeutung der Thematik in einem breiten Spektrum der Anwendungsbereiche:

Dr. Gabriele Broens: Pietà. Sinnbild zwischen Tod, Trauer und Erlösung
Dr. Gerald Köhler: Menschensohn statt Gottessohn. Zur sakralisierten Bühne der Expressionisten
Prof. Dr. Wolfgang Pehnt: Die Form einer ungeheuren Empfindung. Westdeutscher Sakralbau zwischen 1918 und 1933
Dr. Adam C. Oellers: Das Christusbild in der Malerei der (frühen) rheinischen Moderne
Dr. Gast Mannes: Du sollst Dir ein Bildnis machen. Christliche Semantik in der Druckgraphik rheinländischer Künstler zu Beginn des 20. Jahrhunderts
Prof. Dr. Gertrude Cepl-Kaufmann, Jasmin Grande M. A.: Verlust und Wiederentdeckung. Zur Jesusthematik in der Literatur

Katalog zur Ausstellung ca. 320 Seiten, 150 teils farbige Abbildungen, 25.- Euro

Kuratorinnen der Ausstellung: Prof. Dr. Gertrude Cepl-Kaufmann, Jasmin Grande M. A. (Institut "Moderne im Rheinland" an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf)

Die Ausstellung ist ein Kooperationsprojekt des August Macke Hauses Bonn, der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf und dem dortigen Institut "Moderne im Rheinland"

Leihgeber
Kunstmuseum Ahlen
Kunstmuseum Bonn
Rheinisches Landesmuseum Bonn
Rheinisches Archiv für Künstlernachlässe, Bonn
Will-Küpper-Sammlung der Stadt Brühl
Fritz-Hüser-Institut für Literatur und Kultur der Arbeitswelt, Dortmund
Leopold-Hoesch-Museum, Düren
Leihgeber: Hetjens-Museum, Düsseldorf
Universitäts- und Landesbibliothek Düsseldorf
Wilhelm Lehmbruck Museum, Duisburg
Otto Pankok Museum, Haus Esselt, Hünxe-Drevenack
Ewald-Mataré-Sammlung, Museum Kurhaus Kleve
Erzbischöfliche Diözesan- und Dombibliothek Köln
KOLUMBA Kunstmuseum des Erzbistums Köln
Theaterwissenschaftliche Sammlung Schloss Wahn, Köln
Universitäts- und Stadtbibliothek Köln
Universitäts- und Landesbibliothek Münster
Edwin Scharff Museum, Neu-Ulm
Clemens-Sels-Museum, Neuss
Universitätsbibliothek Trier
sowie zahlreiche private Leihgeber, die nicht genannt sein möchten

Kolloquium "Zur Wiederentdeckung des Sakralen in der Moderne 1910 - 1930"
Freitag, den 11. September 2009
Universität Bonn

Sponsoren
Sparkassen-Kulturstiftung Rheinland
Verein Ausstellungshaus für christliche Kunst e.V., München

General Anzeiger Bonn
Stiftung August Macke Haus der Sparkasse in Bonn

Öffnungszeiten
Di - Fr. 14.30 - 18 Uhr, Sa, So u. feiertags 11 - 17 Uhr
Kostenlose Führung sonntags 11.30 Uhr

Pressetext und Pressefotos können Sie ab sofort von unserer Homepage abrufen.

August Macke Haus Bonn
Bornheimer Str. 96 53119 Bonn
Fon 0228/65 55 31 Fax 0228/69 15 50
Internet: http://www.august-macke-haus.de
E-Mail: >buero@august-macke-haus.de>

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