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Religion als treibende Kraft der Veränderung: Das Epochenjahr 1989 in christentumsgeschichtlicher Perspektive

10.06.2009 - (idw) Ludwig-Maximilians-Universität München

Vor 20 Jahren markierte der Fall der Berliner Mauer einen Epochenbruch. Dabei spielten christliche Aktionsgruppen und Kirchen in den Transformationsprozessen Osteuropas vielfach eine wichtige Rolle. Bislang kaum erforscht, aber nicht minder bedeutend ist die Bedeutung religiöser und christlicher Gemeinschaften in den Transformationsprozessen außerhalb Europas - in Afrika, Asien und Lateinamerika. Der zweisprachige Konferenzband "Einstürzende Mauern. Das Jahr 1989/90 in der Geschichte des Weltchristentums" untersucht die globale Bedeutung des Zeitraumes 1989/90 in christentumsgeschichtlicher Perspektive. Er enthält die Texte der 4. Internationalen München-Freising-Konferenz an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München, die von dem evangelischen Kirchenhistoriker Professor Klaus Koschorke organisiert worden war.

Der Zeitraum 1989/90 signalisiert einen globalen Umbruch. Es sah den Fall der Berliner Mauer, den Kollaps des Sowjetimperiums, das Ende des Kalten Krieges und die Auflösung der von den rivalisierenden Supermächten dominierten bipolaren Weltordnung. Für die Kirchen und Christen in Ostmittel- und Osteuropa markiert dieses Datum eine einschneidende Zäsur. Denn es brachte das Ende der kommunistischen Unterdrückung, Religionsfreiheit sowie neue Wirkungsmöglichkeiten im öffentlichen Raum. Bereits in der Übergangsphase spielten christliche Gruppierungen vielfach eine wichtige Rolle als zivilgesellschaftliche Akteure. So nahmen die Montagsdemonstrationen in der DDR - die schließlich zum Sturz des SED-Regimes führten - ihren Ausgangspunkt in der Leipziger Nikolai-Kirche; und in Rumänien entwickelte sich die politische Aufstandsbewegung aus lokalen Solidaritätsbekundungen für den regimekritischen Pastor Lázlo Tökes in Timi?oara. In Polen hatte die Wahl des "polnischen Papstes" die Massen elektrisiert, und katholische Bischöfe moderierten den Übergang zur Demokratie. Mit der Wahl des ersten nicht-kommunistischen Regierungschefs im August 1989 fand diese Entwicklung einen ersten Höhepunkt.

Inwiefern stellt 1989/90 eine Zäsur auch für die Kirchen und Christen in anderen Kontinenten dar? Das war die zentrale Frage der 4. Internationalen München-Freising-Konferenz vom Februar 2008, dessen Beiträge nun in einer zweisprachigen Publikation vorliegen. An der Konferenz nahmen Historiker, Politik- und Kulturwissenschaftler, Kirchengeschichtler und Religionswissenschaftler aus vier Kontinenten teil. "Auch zahlreiche Transformationsgesellschaften der südlichen Hemisphäre wurden von den Schockwellen des globalen Systembruchs im Jahr 1989/90 getroffen", so Professor Klaus Koschorke. "Für die Kirchen der betroffenen Länder blieb das nicht ohne Folgen". Dies gilt vor allem für Afrika. Nur wenige Wochen nach dem Fall der Berliner Mauer stürzten auch in Südafrika die Mauern des Apartheid-Regimes, das der Westen lange Zeit als "antikommunistisches Bollwerk" gestützt hatte. Umgekehrt kollabierte 1991 in Äthiopien die sozialistische Militärdiktatur, die zuvor von den Sowjets alimentiert worden war - und die die orthodoxe Mehrheitskirche des Landes teils blutig verfolgt hatte. In zahlreichen Ländern des subsaharischen Afrikas implodierten zwischen 1989 und 1993 autoritäre Einparteien-Regime, die bislang von den rivalisierenden Supermächten unterstützt worden waren. Es folgte eine "zweite Welle der Demokratisierung", in der die christlichen Kirchen des Kontinents vielfach eine Führungsrolle übernahmen. Sie präsidierten nationale Konferenzen und "Runde Tische"- so in Gabun, Togo, Zaire, Kongo, Madagaskar, Sambia und Kenia.

In Lateinamerika verlor die "Befreiungstheologie" mit dem Kollaps des osteuropäischen Sozialismus ein wichtiges Referenzmodell. Im sozialistischen Asien (China, Vietnam etc) sahen sich die christlichen Kirchen dem verschärften Spagat zwischen ökonomischer Liberalisierung und dem andauernden ideologischen Führungsanspruch der herrschenden KP ausgesetzt. In West- und Zentralasien war die neue Allianz von Religion und Nationalismus ein wichtiger Faktor im Prozess der Desintegration der Sowjetunion. Sie führte einerseits zu einem Boom kirchlichen Lebens (etwa in Armenien und Georgien) und andererseits zur Konfrontation mit einem revitalisierten Islam (Zentralasien). In Ländern wie Südkorea - mit gelungenem Übergang zur Demokratie - sahen sich christliche Aktionsgruppen vor neuen Herausforderungen. Bisherige Modelle kontextueller Theologie, die im Widerstand gegen autoritäre Herrschaft entwickelt worden waren, erwiesen sich als zu konfrontativ. Erforderlich wurde nun die Suche nach stärker partizipatorisch ausgerichteten sozialethischen Konzepten. Das gilt sowohl für die Minjung-Theologie Koreas wie für die Kairos-Theologie der - im Widerstand gegen die Apartheit aktiven - ökumenischen Kirchen Südafrikas wie für die Befreiungstheologien Lateinamerikas. In der vergleichenden Analyse paralleler regionaler Entwicklungen liegt ein Schwerpunkt des Bandes.


Publikation:
"Falling Walls. The Year 1989/90 as a Turning Point in the History of World Christianity: Einstürzende Mauern. Das Jahr 1989/90 als Epochenjahr in der Geschichte des Weltchristentums." Hrsg.: Klaus Koschorke, Harrassowitz Verlag, Wiesbaden 2009.

Ansprechpartner:
Prof. Dr. Klaus Koschorke
Abteilung für Kirchengeschichte
Evangelisch-Theologische Fakultät
Tel: 089 / 2180 - 3481
E-Mail: kg.koschorke@evtheol.uni-muenchen.de

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