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Das Wochenende frisst den Sonntag

16.06.2009 - (idw) Julius-Maximilians-Universität Würzburg

Seine zentrale Rolle als Höhepunkt der Woche hat der Sonntag eingebüßt. Daran ist vor allem das veränderte Freizeitverhalten moderner Gesellschaften schuld. Die Kirchen stellt dies vor große Herausforderungen. Wie ging es doch dem Sonntag früher gut: Dies solis - der Tag der Sonne bei den Römern. Der erste Tag der Woche im Kalender. Der Tag, an dem Christen die Auferstehung des Herrn feierten. Und heute? "Heute ist der Sonntag beinahe völlig im Wochenende untergegangen. Schon ab Donnerstag wünschen die Menschen sich ein 'Schönes Wochenende'. Der Sonntag ist der Tag, an dem man sich ausruht, auf der Heimfahrt im Stau steht oder - als Alleinstehender - depressiv wird", sagt Guido Fuchs.

Fuchs ist Professor am Lehrstuhl für Liturgiewissenschaft der Universität Würzburg. Regelmäßig beschäftigt er sich in seiner Forschung und in seinen Seminaren mit dem Zusammenprall von Alltag und christlicher Tradition. Die Ergebnisse seiner jüngsten Untersuchungen hat er gerade in einem Buch veröffentlicht mit dem Titel: "Wochenende und Gottesdienst. Zwischen kirchlicher Tradition und heutigem Zeiterleben." Fuchs hatte dafür im Jahr 2008 über die Zeitschrift Liturgie konkret eine Umfrage unter katholischen Gemeinden gestartet und mehr als 300 Antworten erhalten. In seinem Buch beschreibt Fuchs nicht nur die Geschichte des Wochenendes und das Verständnis und Erleben der Tage Freitag bis Sonntag, sondern auch viele neuere Gottesdienstformen.

Wie der Wochenanfang ans Ende kam

1976 war das Aus für die sonntägliche Sonderrolle in Deutschland für Alle zum ersten Mal sichtbar geworden. In diesem Jahr kam die DIN-Norm 1355 zum Tragen; seitdem steht der Sonntag in allen offiziellen Kalendern am Ende der Woche und nicht - wie Jahrhunderte lang zuvor - am Anfang. Der Protest der Kirchen gegen diese Degradierung hatte keinen Erfolg gehabt. "Als eines der wenigen Zugeständnisse konnten sie nur erreichen, dass zumindest in kirchlichen Fest- und Namenstagskalendern weiterhin der Sonntag als Wochenbeginn festgehalten wird", sagt Guido Fuchs.

Im Bewusstsein der meisten Menschen endet die Woche mittlerweile am Sonntag. Die Vorstellung, das habe auch im christlichen Sinne seine Richtigkeit, weil ja schon die Bibel sagt, dass sich "Gott am siebten Tage ausruhte", beruht auf einer Fehlinterpretation. "Damit ist der siebte Tag in der Tradition des jüdischen Kalenders gemeint; also der Sabbat, beziehungsweise Samstag", erklärt Fuchs. Und somit beginnt für beide Religionen die Woche selbstverständlich am Sonntag.

Das Wochenende dominiert im Bewusstsein

Viel stärker als deutsche Industrienormen hat allerdings das veränderte Freizeitverhalten der Menschen die herausgehobene Bedeutung des Sonntags ins Wanken gebracht. "An seine Stelle ist das Wochenende gerückt", sagt der Liturgiewissenschaftler. Man lebt aufs Wochenende hin; man wünscht sich ein schönes Wochenende, man fragt: "Wie war dein Wochenende?". Der zentrale Tag der Woche ist für Viele inzwischen der Samstag. Da geht man shoppen, macht einen Ausflug, feiert. "Der Sonntag dient dem Ausruhen, und am Nachmittag fängt man zumindest in Gedanken schon mal damit an, sich auf die anstehende Arbeitswoche vorzubereiten", sagt Fuchs. Für die Traditionen der Kirchen bleibt dabei nur wenig Platz.

Aus Sicht der katholischen Kirche ist das Wochenende klar gegliedert: Der Freitag dient der Erinnerung der Passion Christi; der Samstag ist dem Mariengedächtnis gewidmet; Sonntag ist Tag der Auferstehung. Dementsprechend boten früher die Pfarrer in ihren Gemeinden Gottesdienste und Andachten an, in denen sie die jeweiligen Themen aufgriffen. Und die evangelische Wochenschlussandacht fand selbstverständlich am Samstag statt.

Und heute? "Der Samstag ist aus gottesdienstlicher Sicht so gut wie ganz ausgefallen", sagt Guido Fuchs. Die Wochenschlussandacht ist auf den Freitag gerutscht, und der Gottesdienst am Sonntagvormittag zieht längst nicht mehr so viele Gläubige an, weil der Beginn um 9.00 oder 9.30 Uhr dem typischen Wochenendmenschen nicht in den Rhythmus passt. Dafür greifen jedoch neue Formen und neue Zeiten um sich.

Kirchen reagieren mit neuen Angeboten

"Work-out-Gottesdienst" - "Moonlightmass" - "Brunch & Pray": Es ist nicht so, dass die Kirche nicht versuchen würde, dem veränderten Zeitplan der Menschen mit passenden Angeboten entgegenzukommen. Das ist sogar dringend notwendig, findet Guido Fuchs: "Die Kirchen müssen versuchen, Tradition und Moderne miteinander zu verbinden, wenn sie verhindern wollen, dass ein Gottesdienstbesuch demnächst als 'kulturelle Verhaltensanomalie' betrachtet wird", sagt er. Anstatt an Altem festzuhalten, müssten sie das "Erleben des Wochenendes" in ihre Arbeit integrieren. "Wenn es gelingt, den Lebensrhythmus der Menschen aufzugreifen, dann können die Kirchen auch wieder voll sein", ist Fuchs überzeugt.

Beispiele dafür gibt es einige: So laden Innenstadtgemeinden mittlerweile am Samstagvormittag zu einem kurzen Verweilen in der Kirche ein - eine halbe Stunde Atemholen mitten im Bummel über den Markt und als Start ins Wochenende. Andere bieten gegen Mittag Musik und kurze geistliche Texte. Vielfältig auch das Angebot der "Zweitgottesdienste" am Sonntagabend, zumeist in evangelischen Gemeinden. Sie wenden sich an Menschen, die mit den normalen Sonntagvormittag-Gottesdiensten und ihren Zeiten wenig anfangen können, aber ein gottesdienstliches, spirituelles Angebot am Sonntag durchaus schätzen.


"Stirbt der Sonntag am Wochenende?", fragte der Jesuit Ludwig Bertsch bereits 1981. Das muss nicht sein, glaubt Guido Fuchs. Mit neuen Formen und anderen Zeiten werde auch der Sonntag als eigene Zeiteinheit Bestand haben in der Kirche und um Leben der Menschen.

Kontakt: http://www.liturgieundalltag.de

Guido Fuchs: "Wochenende und Gottesdienst. Zwischen kirchlicher Tradition und heutigem Zeiterleben".160 Seiten. Verlag Friedrich Pustet. ISBN 978-3-7917-2149-1

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