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Erste Hilfe für die Sprachen dieser Welt

09.07.2009 - (idw) VolkswagenStiftung

VolkswagenStiftung bewilligt rund 1,64 Millionen Euro für 14 Vorhaben zur Dokumentation bedrohter Sprachen Etwa zwei Drittel der weltweit rund 6500 Sprachen sind vom Aussterben bedroht. Bedingt durch globale und nationale Einflüsse geben vor allem kleine Völker ihre - oft nur mündlich überlieferten - Sprachen auf. Verloren geht damit viel mehr, nämlich ein Stück des kulturellen Gedächtnisses der Menschheit. Seit 1999 fördert die VolkswagenStiftung die Dokumentation bedrohter Sprachen und führt dabei Forscherinnen und Forscher unterschiedlicher Disziplinen und Länder zusammen. Für neue und fortzusetzende Vorhaben bewilligt die Stiftung jetzt weitere 1,64 Millionen Euro Fördermittel. Mit den drei Projekten, die wir Ihnen im Folgenden näher vorstellen, nehmen wir Sie mit auf eine kleine Reise um die Welt: in den Südpazifik, nach Indien und nach Kamerun (die weiteren Bewilligungen finden Sie am Ende der Presseinfo):

1. 339.700 Euro für das Vorhaben "Languages of Southwest Ambrym" von Professor Dr. Manfred Krifka vom Zentrum für Allgemeine Sprachwissenschaft, Berlin und der Humboldt-Universität zu Berlin;

2. 270.000 Euro für das Vorhaben "The Kurumba Languages of the Nilgiris in South India" von Dr. Christiane Pilot-Raichoor, Centre National de la Recherche Scientifique, Paris, sowie Professor Dr. Frank Heidemann, Universität München;

3. 166.000 Euro für das Vorhaben "Documentation of Bakola of Cameroon" von Professor Dr. Maarten Mous von der Leiden University, Niederlande, sowie Professor Dr. Raimund Kastenholz von der Universität Mainz.

Zu 1. Sprachenrettung auf der Insel Ambrym im Südpazifikstaat Vanuatu

Das Projekt des Dokumentationsteams um Professor Dr. Manfred Krifka vom Zentrum für Allgemeine Sprachwissenschaft in Berlin und der Humboldt-Universität zu Berlin führt in den Südpazifikstaat Vanuatu. Die Sprachen im Westen und Süden der 680 Quadratkilometer großen Insel Ambrym gehören zu den austronesischen Sprachen und sind - was den Westen und Norden betrifft - bislang so gut wie nicht dokumentiert. Es ist nicht einmal klar, um wie viele Sprachen es sich eigentlich handelt, da verschiedene regionale Dialekte stark ineinander übergehen. Nach ersten eigenen Untersuchungen geht Manfred Krifka derzeit davon aus, dass auf Ambrym mit seinen 8.000 indigenen Einwohnern insgesamt fünf voneinander zu unterscheidende Sprachen gesprochen werden.

Bedroht werden die Sprachen gegenwärtig von drei Seiten: Zum ersten setzt sich als Ligua Franca das Bislama - eine auf dem Englischen basierende Kreolsprache - immer stärker durch; zum Zweiten werden die dialektalen Unterschiede zwischen den Sprachen, obwohl immer noch keine feste Straße die Ortschaften verbindet, kontinuierlich nivelliert. Darüber hinaus drohen die beiden Vulkane in der Mitte der Insel die Bewohner zu vertreiben, was mittelfristig auch zu einem Aus für die Sprache führen würde.

Das Forscherteam um Manfred Krifka möchte mit diesem Projekt die sprachliche Vielfalt linguistisch umfassend dokumentieren: auf der Ebene von Phonetik, Phonologie, Morphologie, Lexikon und Syntax. Im Zentrum der Untersuchungen stehen dabei auch das Geschichtenerzählen sowie Beschreibungen der natürlichen Umgebung wie etwa von medizinischen Pflanzen. Darüber hinaus wollen die Forscherinnen und Forscher die Begrifflichkeit des komplexen Verwandtschaftssystems sowie der einzigartigen Sandzeichnungen analysieren, die als eine von 90 UNESCO "Masterpieces of the Oral and Intangible Heritage of Humanity" anerkannt sind. In den Sprachkorpus wird zudem ein mehrsprachiges, möglichst umfassendes Lexikon integriert, das auch den Sprechergemeinschaften zur Verfügung gestellt wird.

Kontakt
Zentrum für Allgemeine Sprachwissenschaft
Prof. Dr. Manfred Krifka
E-Mail: krifka@zas.gwz-berlin.de

Zu 2. Dem Kurumba in Indien auf der Spur

Dieses deutsch-französisch-indische Dokumentationsvorhaben nimmt sich einer Sprache an, die im Nilgiris-Gebirge im Süden Indiens verbreitet ist: des Kurumba. Die Region liegt auf einem Hochplateau in bis zu 2600 Metern Höhe und ist von dichtem tropischen Wald begrenzt. Die abgelegene Lage und die schwierigen klimatischen Bedingungen haben dieses Gebiet in eine Art natürliche biologische Insel verwandelt, die über Jahrhunderte hinweg ihre Abgeschiedenheit bewahren konnte. Gesprochen wird das Kurumba noch von schätzungsweise 4.900 Personen. Innerhalb Indiens erstreckt sich das Gebiet auf drei Bundesstaaten mit drei verschiedenen Sprachen und drei verschiedenen Schulsystemen, was zu einer für das Kurumba prekären Situation führt. Als weitere Bedrohung für die Menschen wie für das Ökosystem erweist sich zudem der Trend zum Wildlife-Tourismus.

Die Bevölkerungsgruppe der Kurumba lässt sich in sieben Untergruppen nach ihren Namen und ihrem Lebensraum unterscheiden, die unterschiedliche Sprachvarianten sprechen; die Forscher gehen aber davon aus, dass es sich dennoch um eine einzige Sprache handelt. Im Rahmen des Projektes sollen vier dieser "Dialekte" aus linguistischen, kulturellen und praktischen Gründen dokumentiert werden. Im Zentrum der Dokumentation stehen traditionelle Aktivitäten und Gegenstände der materiellen Kultur sowie das Alltagsleben. Einen zweiten Schwerpunkt bilden die Rituale der Gruppen, insbesondere Toten- und Heilungsrituale sowie die zugehörigen rituellen Texte. Um die charakteristischen Ausformungen dieser Region zu erfassen - und ohne dabei die Diversität der Gruppen einzuebnen - werden sich die beteiligten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler um einen thematischen und transethnischen Zugang bemühen. So wollen sie beispielsweise das Thema "Honig sammeln" - ein Schlüssel zur Identität der Kurumba - auf Video aufnehmen und zeigen, wie verschiedene Gruppen diese Tätigkeit ausüben. Ergänzend werden Erzählungen und Geschichten sowie Lieder und Musik aufgezeichnet.

Kontakt
Universität München
Institut für Ethnologie und Afrikanistik
Prof. Dr. Frank Heidemann
E-Mail: Frank.Heidemann@vka.fak12.uni-muenchen.de

Zu 3. Hilfe für eine Sprache der "Pygmäen"

Dieses niederländisch-deutsch-afrikanische Dokumentationsprojekt führt auf den afrikanischen Kontinent in den Süden Kameruns, wo die Sprache Bakola beheimatet ist. Bakola wird von maximal 5.000 "Pygmäen" gesprochen, die traditionell von der Jagd im Wald leben. Doch ihr Lebensraum in eigenständigen Siedlungen weitab aller Straßen wird mehr und mehr beschnitten, und der Anpassungsdruck an die mehrheitlich Landwirtschaft betreibende Bevölkerung Kameruns wächst offensichtlich.

Professor Dr. Maarten Mous von der Leiden University möchte daher gemeinsam mit seinem deutschen Kooperationspartner Professor Dr. Raimund Kastenholz von der Universität Mainz sowie jungen Linguisten aus Kamerun die Sprache und Kultur der Bakola durch eine repräsentative Textsammlung dokumentieren, die mit einem umfassenden Multimedia-Lexikon verknüpft wird. Hierzu werden die Forscherinnen und Forscher Audio-Aufnahmen unterschiedlicher Sprechereignisse und Textgenres machen und verschiedene kulturelle Ereignisse auf Video aufzeichnen, insbesondere Tänze, Erzählungen, Gesänge und Rituale wie Hochzeiten und Trauerfeiern. Das Vokabular soll daraufhin untersucht werden, inwieweit sich in ihm die intensive Beziehung der Pygmäen zur Umwelt widerspiegelt. Zudem wird sich der Blick auf besondere Begriffe im Bereich der Musik, Rituale und Kultur richten. Dieses Material wird dann zum einen als wissenschaftlicher Korpus und zum anderen für die Gemeinschaft selbst aufgearbeitet.

Kontakt
Leiden University
Prof. Dr. Maarten Mous
E-Mail: m.mous@let.leidenuniv.nl

Des Weiteren wurden folgende neun Vorhaben bewilligt:

4. 10.000 Euro für die weitere Vorbereitung des Vorhabens "A multi-media documentation of two endangered Bantu Languages of Cameroon: Bubia and Isubu" von Dr. Gratien Gualbert Atindogbe, Dr. Roselyne Jua Mai und Dr. Canute Ambe Ngwa von der University of Buea, Kamerun, sowie Professorin Dr. Anne Storch von der Universität Köln;
Kontakt: Dr. Gratien Gualbert Atindogbe, E-Mail: grat_atin@yahoo.com, Prof. Dr. Anne Storch, E-Mail: anne.storch@uni-koeln.de

5. 50.000 Euro für das Vorhaben "Two languages of the Papuan Tip Cluster: Towards the documentation of Saliba-Logea, an endangered language of Papua New Guinea (Fortsetzungsvorhaben)" von Dr. Anna Margetts und Carmen Dawuda von der Monash University, Australien, Professor John Hajek von der University of Melbourne, Australien, und Professorin Dr. Ulrike Mosel von der Universität Kiel;
Kontakt: Dr. Anna Margetts, E-Mail: Anna.Margetts@arts.monash.edu.au

6. 40.000 Euro für die Fortsetzung des Vorhabens "Documenting biocultural diversity in the languages of Vurës and Vera'a" von Dr. Catriona Malau von der University of Newcastle, Australien, gemeinsam mit Professorin Dr. Ulrike Mosel von der Universität Kiel;
Kontakt: Prof. Dr. Ulrike Mosel, E-Mail: umosel@linguistik.uni-kiel.de

7. 269.000 Euro für das Vorhaben "Multi-media documentation of the Oyda language" von Dr. Azeb Amha von der Leiden University, Niederlande, sowie Professor Dr. Rainer Voßen von der Universität Frankfurt am Main;
Kontakt: Prof. Dr. Rainer Voßen, E-Mail: vossen@em.uni-frankfurt.de

8. 60.000 Euro für das Vorhaben "Inyman Kalmu: Languages of the Cobourg Region, North Australia, Phase II" von Professor Dr. Nicholas Rollo David Evans und Sabine Höng von der Australian National University, Canberra, Professorin Dr. Linda Barwick von der University of Sydney, Australien, Bruce Birch von der University of Melbourne, Australien, Dr. Robert Mailhammer von der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt, Professorin Dr. Gretel Schwörer-Kohl von der Universität Halle-Wittenberg sowie Professor Dr. Dietmar Zaefferer von der Universität München;
Kontakt: Prof. Dr. Nicholas Rollo David Evans, E-Mail: nicholas.evans@anu.edu.au

9. 100.500 Euro für die Fortsetzung des Vorhabens "Making Movima visible: documenting a linguistic isolate in the Moxos cultural complex" von Dr. Katharina Haude von der Universität Köln;
Kontakt: Dr. Katharina Haude, E-Mail: khaude@uni-koeln.de

10. 75.000 Euro für den Abschluss des Vorhabens "Documentation of Cashinahua" von Professor Dr. Bernard Comrie vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie, Leipzig, zusammen mit Dr. Eliane Camargo, Centre d'Etudes des Langues Indigènes d'Amérique, Paris;
Kontakt: Prof. Dr. Bernard Comrie, E-Mail: comrie@eva.mpg.de

11. 251.600 Euro für die Fortsetzung des Vorhabens "A linguistic and anthropological documentation of Tima" von Professor Dr. Gerrit Jan Dimmendaal von der Universität Köln;
Kontakt: Prof. Dr. Gerrit Jan Dimmendaal, E-Mail: gerrit.dimmendaal@uni-koeln.de

12. 10.000 Euro für das Vorhaben "Pots, plants and people: an interdisciplinary documentation of Baïnouk knowledge systems" von Dr. Friederike Lüpke von der University of London, Großbritannien, sowie Dr. Mathieu Guèye und Dr. Moustapha Sall von der University Cheikh Anta Diop, Senegal, und Professorin Dr. Anne Storch von der Universität Köln.
Kontakt: Prof. Dr. Anne Storch, E-Mail: anne.storch@uni-koeln.de

Kontakte VolkswagenStiftung
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Dr. Christian Jung
Telefon: 0511 8381 - 380
E-Mail: jung@volkswagenstiftung.de

Förderinitiative Dokumentation bedrohter Sprachen
Dr. Vera Szöllösi-Brenig
Telefon: 0511 8381 - 218
E-Mail: szoelloesi@volkswagenstiftung.de


Nächster Stichtag für Anträge ist der 15. September 2010.

Der Text der Presseinformation sowie Fotos stehen im Internet zur Verfügung unter http://www.volkswagenstiftung.de/service/presse.html?datum=20090709
Weitere Informationen: http://www.volkswagenstiftung.de/foerderung/auslandsorientiert/bedrohte-sprachen... - Internetseite der VolkswagenStiftung zur Förderinitiative
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