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RUB-Geschlechterstudie zur Harald Schmidt Show

05.06.2003 - (idw) Ruhr-Universität Bochum

Harald Schmidt macht nicht nur Witze über Politiker, Fußballer oder seine Fernsehkollegen, sondern oft auch über Frauen. Sehen deshalb weibliche Zuschauer die Sendung anders als männliche? "Alles ist witzig!"? fragt die RUB-Medienwissenschaftlerin Rebecca Oestreich in ihrer qualitativen Genderstudie zur Harald Schmidt Show, erschienen in der Reihe Kommunikation Aktuell des Bochumer Universitätsverlages.

Bochum, 04.06.2003
Nr. 172


Harald Schmidts Wirkung auf Frauen
Eine Geschlechterstudie zur bekannten TV-Show
RUB-Neuerscheinung: "Alles ist witzig!"?


"Ganz weit nach vorne in der Punktewertung bringt uns dieser subtile Scherz, eine Frau in der Marlborowerbung! Oder wird es dann bald heißen: 'Come to Marlborokitchen'?" Harald Schmidt macht nicht nur Witze über Politiker, Fußballer oder seine Fernsehkollegen, sondern oft auch über Frauen. Sehen deshalb weibliche Zuschauer die Sendung anders als männliche? "Alles ist witzig!"? fragt die RUB-Medienwissenschaftlerin Rebecca Oestreich in ihrer qualitativen Genderstudie zur Harald Schmidt Show, erschienen in der Reihe Kommunikation Aktuell des Bochumer Universitätsverlages. Ein zentrales Ergebnis der Untersuchung: Es gibt bereits unterschiedliche Gründe, die Sendung einzuschalten. Männer wollen Unterhaltung. Frauen wollen das zwar auch, aber zudem überdurchschnittlich oft tagesaktuelle Information.

Kultstar Harald Schmidt

Seit dem 5. Dezember 1995 läuft die Harald Schmidt Show auf Sat1 und ist damit seit fast 1.500 Ausgaben mal mehr, mal weniger erfolgreich und polarisierend auf Sendung. Rebecca Oestreich hat in ihrem Buch zunächst den Aufbau und die Eigenschaften der männerdominierten Late-Night-Sendung analysiert, um so ihre Funktionen und Wirkungen aufzuschlüsseln. Zusätzlich befragte Oestreich, bekannten Prinzipien der Genderforschung folgend, elf Frauen und elf Männer zwischen 18 und 59 Jahren. Die Autorin betrat damit Neuland, da die geschlechtsspezifische Rezeption von Humor im Fernsehen kaum erforscht wurde. Dabei handelte Oestreich nicht nur einen vorgefertigten Fragenkatalog ab, sondern ließ Raum für freie Antworten und zeigte Ausschnitte der Show. Unter den Befragten waren sowohl Fans der Sendung als auch Zuschauer, die sie nur sporadisch ansehen.

Humor als Geschlechtermerkmal

In der Genderforschung kommt es weniger auf das biologische Geschlecht an, sondern auf die soziale und kulturelle Dimension der Rolle von Frauen und Männern. Ausgangspunkt ist, dass Frauen und Männer Medien unterschiedlich wahrnehmen. Oestreich betrachtete den Humor vor dem Hintergrund der Sozialisation und Geschichte: "Frauen sollten, so wurde bis zum Beginn des letzten Jahrhunderts in den Schulen für höhere Töchter gelehrt, nicht einfach lachen. Sie bekamen Unterricht im 'klangvollen Lachen', um denjenigen, der einen Scherz gemacht hat, ein gutes Gefühl zu vermitteln", schreibt sie. Auch heute ist die Erziehung in Sachen Spaß und Humor unterschiedlich. "Die Jungen machen die Witze, die Mädchen lachen."

Frauen und Männer sehen anders

In "Alles ist witzig!"? stellt Oestreich Eigenschaften und Besonderheiten der Harald Schmidt Show heraus und entwickelt verschiedene Erklärungsansätze für den Erfolg des Konzeptes. Neben Schmidts Sprüchen zitiert die Medienwissenschaftlerin Aussagen der Befragten. Oestreich konnte nicht nur bestätigen, dass Frauen und Männer die TV-Sendung unterschiedlich aufnehmen, sondern bereits verschiedene Erwartungen an die Show haben und sucht daraufhin nach Gründen für diese Herangehensweise. "Alles ist witzig!"? blickt hinter die Kulissen eines der populärsten Unterhaltungsformate im deutschen Fernsehen und verrät mehr darüber, wie die Show und ihr schwäbischer Moderator bei weiblichen und männlichen Zuschauern ankommen. So hält die Mehrheit der Befragten Schmidt für eine "Leitfigur" und durchweg für intelligent. "Harald Schmidt ist, wie sich gezeigt hat, ein Mann mit hohem Prestige. Harald Schmidt ist 'cool', Pop- und Gegenwartskultur. Akzeptiert man die Sendung nicht, läuft man Gefahr unmodern zu wirken", so Oestreich.

Humor mit Strategie

Die Antworten der Befragung fielen keineswegs einheitlich aus. Oestreich fand heraus, dass einige Zuschauerinnen, die die Sendungsausschnitte positiv bewerten, verschiedene Strategien entwickeln, um mit den Witzen umzugehen. Zum Beispiel wird Frauenfeindlichkeit als Teil der gesellschaftlichen Realität erachtet, "über die es sich nicht aufzuregen lohnt". Oder sie schaffen Distanz, indem sie sagen, diese Art Humor sei unter ihrem Niveau, sie stünden darüber. Schätzen allerdings Männer eine Szene als frauenfeindlich ein, sind sie auch wesentlich direkter in ihrer Ablehnung. Die Autorin beendet ihre Studie mit einer These: Fernsehen verbreitet eine männliche Sicht auf die Gesellschaft und unterstützt damit bestehende Hierarchien, was jedoch nicht offen thematisiert wird. Oestreich bezweifelt, dass ein ähnliches TV-Format mit weiblichen Protagonisten die nötige Akzeptanz finden würde.

Zur Autorin

Rebecca Oestreich kommt aus Stuttgart und hat in Bochum und Berlin Publizistik- und Kommunikationswissenschaft, Theater-, Film- und Fernsehwissenschaft studiert. Heute arbeitet die 36-Jährige im Institut für Medienwissenschaft der Ruhr-Universität und als freie Journalistin für den WDR.

Weitere Informationen

Rebecca Oestreich, Ruhr-Universität Bochum, Tel. 0234/32-28301, E-Mail: rebecca.oestreich@ruhr-uni-bochum.de

Titelaufnahme

Rebecca Oestreich, "Alles ist witzig!"?, Eine qualitative Genderstudie zur Harald Schmidt Show, Kommunikationsforschung Aktuell, Band 10, 184 Seiten, Bochumer Universitätsverlag 2002/03, ISBN 3-89966-113-3, 19,90 Euro

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