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3. Psychotherapie-Kongress der Association of European Psychiatrists in Heidelberg: ein Rückblick

05.06.2003 - (idw) Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg

Der Kongress hat zeigen können, dass die Psychotherapie-Forschung heute auf einem hohen Stand steht, der der Main Stream-Forschung in der Medizin in keiner Weise nachsteht

Vom 29. Mai bis zum 1. Juni fand in Heidelberg der dritte Psychotherapie-Kongress der Europäischen Psychiatrischen Vereinigung (Association of European Psychiatrists - AEP) statt. In der Stadthalle trafen sich Teilnehmer aus 25 Ländern, die drei Schwerpunktthemen diskutierten. Neue Entwicklungen in psychotherapierelevanter Diagnostik und Beurteilung sowie Behandlung bildeten einen Themenblock. Zudem standen neurobiologische Grundlagen der Psychotherapie im Vordergrund, und schließlich: Kunsttherapie. Zahlreiche parallel durchgeführte Symposien und Workshops verdeutlichten die in den Plenarvorträgen dargestellten Themen.

Die Veranstaltung wurde eröffnet mit einem Vortrag von Prof. Wolfgang Rutz, Kopenhagen, Regional Adviser der WHO, der darauf hinwies, dass die Psychotherapie in den Europäischen Ländern eine erhebliche Bedeutungszunahme erfahre. Dies hänge damit zusammen, dass vor allem in den östlichen Ländern ein tief greifender Wandel der gesellschaftlichen Strukturen eingesetzt habe, was erfahrungsgemäß, und in diesen Ländern epidemiologisch nachgewiesen, zu einer erhöhten Morbidität psychischer Störungen führe. Vor allem die Suizidrate hat in diesen Ländern zum Teil erheblich zugenommen. Aber auch in den westlichen Ländern der Europäischen Union gebe es durch vermehrte Migration und Wertewandel einen erhöhten Bedarf an psychotherapeutischen Interventionen, die neuerdings wieder stärker mit sozialpsychiatrischen Konzepten verbunden werden.

Die WHO fördert die Bereitstellung von Behandlungsressourcen. Auch unterstütze sie zurzeit intensiv die Entwicklung und Praktizierung von Gesundheitskonzepten, für die Psychotherapie ebenfalls dringend benötigt werde. Gesundheitsmedizinische Konzepte beziehen sich vor allem auf Menschen, die in Risikokonstellationen für die spätere Entwicklung psychischer Erkrankungen stehen und durch eine frühzeitige Unterstützung mit psychotherapeutischen Mitteln das Manifestwerden belastender und durch soziale Einschränkungen teurer psychischer Erkrankungen vermeiden können.

Die Eröffnungsveranstaltung wurde abgeschlossen mit einem Vortrag von Prof. Spitzer, Ulm, der über die Neurobiologie der Entstehung des Musikerlebens sprach und der damit erzeugten Gefühlsbewegung. Der Vortrag zeigte im Detail auf, wie eng heute die früher schwer fassbaren und kaum präzisierbaren Gefühlszustände mit naturwissenschaftlich erforschten biologischen Vorgängen im Gehirn parallelisiert werden können.

Das Hauptthema des zweiten Tages, Innovationen in der psychotherapeutischen Beurteilung und Behandlung, beschäftigte sich mit der Breitenanwendung psychotherapeutischer, diagnostischer Vorklärung und Behandlung in den Allgemeinpraxen. Die Freiburger Psychologen Prof. Caspar und Dr. Berger zeigten in eindrucksvoller Weise, wieweit für die eigentlichen psychotherapeutischen Aktivitäten und die Qualitätssicherung der Interventionen heute Computer- und Internet-Techniken angewandt werden. Prof. Sensky, London, und Prof. Mundt, Heidelberg, zeigten mit ihren Vorträgen über Leiden und die Bedeutung von Lebensthemen in der Psychotherapie Wege, wie aus passivem Erdulden aktives Gestalten von Lebenskonstellationen werden kann. Prof. Larsen aus Stavanger konnte zeigen, dass durch frühe psychotherapeutische Intervention in Kombination mit medikamentöser Behandlung bei jungen Menschen, die Risiko-Symptome für eine spätere psychotische Erkrankung zeigen, der Ausbruch der Psychose verhindert werden kann.

Der zweite Tag war den neurobiologischen Grundlagen von Psychotherapie gewidmet. Hierzu haben weltweit führende Experten aus Genf, der Harvard-Universität, Boston, und Toronto Vorträge zur Entstehung und Regulierung von Gefühlen, zu den Mechanismen des Erlernens der Gefühlssprache bei Neugeborenen, und zu den Gedächtnisstrukturen gehalten, die Grundlage für Lernprozesse und Umlernprozesse in der Psychotherapie darstellen. Dazu gab es anwendungsorientierte Vorträge, die auf der Basis dieser neurobiologischen Grundlagenforschung über psychotherapeutische Anwendung bei Trauma, Depression und der wissenschaftlichen Beobachtung und psychotherapeutischen Nutzung von Gefühlsaustausch durch Mimik und Körpersprache in der Interaktion berichtet haben. Vor allem die Einblicke in die prägenden Vorgänge des Erlernens der Affektsprache durch Mimik, Stimm-Modulation und vegetative körperliche Zustände beim Säugling haben besonderes Interesse in den nachfolgenden Symposien gefunden.

Zwei von der pharmazeutischen Industrie geförderte Satelliten-Symposien haben durch ihre Beiträge demonstriert, wie eng in der Psychiatrie psychopharmakologische und psychotherapeutische Therapien miteinander verflochten sind. Unter der Leitung von Prof. Linden, Berlin, wurde dies für die schizophrenen Psychosen aufgezeigt, unter der Leitung der Professoren Hegerl und Möller, München, für die depressiven Störungen.

Der letzte Tag des Kongresses galt der so genannten Kunsttherapie, das heißt den Therapien mit künstlerischen Mitteln. Hier war besonders eindrucksvoll, in welchem Umfang es heute möglich ist, die Auswirkungen künstlerischen Gestaltens, der Musiktherapie, der Therapie durch Theaterspiel, aber auch der Übungsverfahren für Gedächtniserhalt und motorische Geschicklichkeit bei Alzheimer-Patienten durch neurobiologische Untersuchungstechniken sichtbar zu machen. Mit den beeindruckenden Befunden von Prof. Resch, Heidelberg, und Prof. Maurer, Frankfurt, könnte einem in sehr vielen Kliniken auch außerhalb der Psychiatrie verbreiteten Einsatz der Kunsttherapien zu wissenschaftlicher Anerkennung verholfen werden, Therapien, die bis heute von vielen als ohne wissenschaftlich legitimierten Wirksamkeitsnachweis angesehen werden.

Das Symposium über Kunsttherapien zeigt aber auch, dass die geisteswissenschaftlichen Methoden in der Psychotherapieforschung erhalten bleiben müssen. Der Philosoph Prof. Matthias Kaufmann, Halle, zeigte in seinem Vortrag über die Sprache der Bilder, dass Psychotherapie zu kurz greift, wenn sie nur auf den sprachlichen Umgang mit den Patienten setzt. Vielmehr müssen die vorsprachlich bestimmten, in Bildern repräsentierten Wahrnehmungs- und Denkprozesse mit angesprochen werden, um Patienten psychotherapeutisch erreichen zu können.

Die politische Aufgabe des Kongresses bestand neben einer Präsentation der psychotherapeutischen Praxis und Forschung in der Psychiatrie darin, die Sektion Psychotherapie der Europäischen Psychiatrischen Vereinigung wieder zu begründen.

Dies geschah in einer Sitzung mit den AEP-Mitgliedern, die am Kongress teilgenommen hatten. Ziel der neu begründeten Sektion Psychotherapie der Europäischen Psychiatrischen Vereinigung AEP ist die Umsetzung der von den medizinischen Fachgesellschaften der EU erarbeiteten Psychotherapiestandards in den einzelnen Ländern der EU im Hinblick auf Ausbildung, Qualitätssicherung und Öffnung für die Finanzierung durch Krankenkassen und nationale Gesundheitssysteme. Darüber hinaus wird es eine wichtige Aufgabe der Sektion sein, auf europäischer Ebene Forschungsgelder für die Psychotherapie-Forschung einzuwerben. Der Kongress hat zeigen können, dass die Psychotherapie-Forschung heute auf einem hohen Stand steht, der der Main Stream-Forschung in der Medizin in keiner Weise nachsteht.

Zum Vorsitzenden der neubegründeten Sektion wurde Prof. Hohagen, Lübeck, gewählt. Der nächste Folgekongress der Sektion wird im Rahmen des AEP-Zwei-Jahres-Kongresses im April 2004 in Genf stattfinden.

Rückfragen bitte an:

Prof. Dr. Christoph Mundt
Universitätsklinikum Heidelberg
Psychiatrische Klinik, Abt. Allg. Psychiatrie
Tel. 06221 562748, Fax 565998
christoph_mundt@med.uni-heidelberg.de

Dr. Michael Schwarz
Pressesprecher der Universität Heidelberg
Tel. 06221 542310, Fax 542317
michael.schwarz@rektorat.uni-heidelberg.de
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