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Ursprung der Milch-Verträglichkeit bei Erwachsenen liegt in Südosteuropa

28.08.2009 - (idw) Johannes Gutenberg-Universität Mainz

Studie verortet den Beginn der Milchwirtschaft nicht in Nord-, sondern in
Südosteuropa - Veröffentlichung in PLoS Computational Biology Die Fähigkeit, Milch auch im Erwachsenenalter zu verdauen, ist vor etwa 7500 Jahren in einer Region zwischen dem zentralen Balkan und Mitteleuropa unter Milchwirtschaftsbauern entstanden. Zu diesem Ergebnis kommen Wissenschaftler des University College London (UCL) und der Johannes Gutenberg-Universität Mainz in einer neuen Studie, die das Fachmagazin PLoS Computational Biology heute als Titelgeschichte veröffentlicht hat. Die sogenannte Laktosetoleranz, also die Verträglichkeit von Milchzucker über die Säuglingszeit hinaus, nahm demnach nicht in Nordeuropa ihren Anfang.

"Wir gehen jetzt davon aus, dass die Milch-Verträglichkeit vor etwa 7500 Jahren im Gebiet des heutigen Ungarn, Österreichs oder der Slowakei aufgekommen ist, vielleicht in der Kultur der Linearbandkeramiker, und sich von dort aus mit unglaublicher Durchsetzungskraft unter der gesamten mittel- und nordeuropäischen Bevölkerung verbreitet hat", erklärt Prof. Dr. Joachim Burger vom Institut für Anthropologie der Universität Mainz. Heute liegt die Milch-Verträglichkeit unter Erwachsenen bei durchschnittlich 60 Prozent in Mitteleuropa im Vergleich zu nur 20 Prozent in Südeuropa und einer nahezu kompletten Milch-Unverträglichkeit in den meisten anderen Regionen der Welt.

Erwachsene Menschen konnten nicht schon seit eh und je Milch verdauen und ein großer Teil der Weltbevölkerung kann es auch heute noch nicht. Die Fähigkeit, den Milchzucker Laktose zu spalten, verliert sich normalerweise nach der Säuglingszeit. Dann geht die Bildung des Enzyms Laktase, das den Milchzucker in verwertbare Zuckerarten aufteilt, zurück. Reine Milch kann dann kaum noch verdaut werden, sondern muss durch spezielle Prozesse wie Käse- oder Joghurtherstellung verträglicher gemacht werden. "Andere Völker haben die Milch-Intoleranz sozusagen kulturell gelöst", so Burger. "Unter unseren jungsteinzeitlichen Vorfahren in Mitteleuropa hat sich dagegen eine Genmutation herausgebildet, die sogenannte Laktasepersistenz. Dieses Merkmal hat sich rasant demographisch durchgesetzt wie kaum ein anderes". Wie genau sich die neue Fähigkeit verbreitet hat und mit dem Aufkommen der Tierhaltung - die ersten Hausrinder kamen vor ungefähr 8000 Jahren aus Anatolien nach Europa - einherging, muss noch untersucht werden.

Bei der jetzigen Arbeit hat das Team, zu dem Wissenschaftler der britischen Elite-Universität UCL, der University of Reading und des Instituts für Anthropologie der Universität Mainz gehören, eine Computersimulation verwendet. Simuliert wird die mögliche Verbreitung der Variante in Milchwirtschaft betreibenden Ackerbauern, die von Jäger- und Sammlerpopulationen umgeben sind. "Wir waren etwas überrascht, dass der Ursprung der Laktasepersistenz offenbar nicht im nördlichen Europa beheimatet ist", sagt Mark Thomas, Seniorautor der Studie und Professor für Evolutionsbiologie in London. "Die heutige Verteilung der Genmutation hätte diesen Rückschluss begünstigt, liegt doch die Milch-Verträglichkeit unter Nordeuropäern in Skandinavien und Irland bei rund 90 Prozent."

Dass sich die Milch-Verträglichkeit in evolutionsgeschichtlich gesehen so kurzer Zeit so schnell verbreitet hat, dürfte verschiedene Gründe haben, die jeweils einen Entwicklungsvorteil bedingen. Im Gegensatz zu anderen landwirtschaftlichen Erzeugnissen ist Milch beispielsweise ständig verfügbar, aber auch die Energie, die aus einer Kuh beim Melken gewonnen wird, ist höher als die durch Schlachten. Aber auch rein demographische Gründe, nämlich der sogenannte Surf-Effekt in einer sich ausbreitenden Bevölkerung, können für die hohe Häufigkeit im Norden verantwortlich sein.

Außer in Europa ist in Afrika noch eine Reihe von kleineren Bevölkerungsgruppen mit veränderter Laktaseproduktion bekannt, wobei drei davon vermutlich die Mutation unabhängig entwickelt haben.

Weitere Informationen: http://www.ploscompbiol.org/doi/pcbi.1000491 ; http://www.uni-mainz.de/FB/Biologie/Anthropologie/MolA/Deutsch/Home/Home.html ; http://www.uni-mainz.de/presse/31471.php (Bildergalerie)
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