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Internationale Herbsttagung der Europäischen Akademie zu "Animal Welfare"

14.10.2009 - (idw) Europäische Akademie zur Erforschung von Folgen wissenschaftlich-technischer Entwicklungen Bad Neuenahr-Ahrweiler GmbH

Interdisziplinäre Ansätze zu Konzepten des "Animal Welfare"

Bad Neuenahr-Ahrweiler, 14. Oktober 2009. - Wissenschaftler aus den Bereichen der Verhaltensbiologie, Tiermedizin, Jurisprudenz, Ethik und Wissenschaftsphilosophie kamen am 8. und 9. Oktober auf Einladung der Europäischen Akademie in Bad Neuenahr-Ahrweiler zusammen, um zu erörtern, wie philosophische Analysen zur weiteren Entwicklung der "Animal Welfare Science" beitragen können. Der Begriff "Animal Welfare" kann in diesem Zusammenhang als "Wohlergehen von Tieren" übersetzt werden. Animal Welfare Science ist die Wissenschaft vom Wohlergehen, der Lebensqualität, den Leiden und Freuden von Tieren.
Professor Donald M. Broom (University of Cambridge), der 1986 die weltweit erste Professur für diesen Wissenschaftsbereich erhielt, stellte deren historische Entwicklung dar: Noch in den 1980er und 1990er Jahren sei die Erforschung von Empfindungen bei Tieren in wissenschaftlichen Kreisen nicht ernst genommen worden. Mittlerweile seien die Resultate dieser Forschung jedoch auch in der Rechtssprechung zentral, worauf Dr. Ian Robertson (Ministry of Agriculture and Forestry, Neuseeland) und Professor Tjard de Cock Buning (Vrije Universiteit Amsterdam) hinwiesen. De Cock Buning betonte allerdings auch, dass in mehreren europäischen Ländern neben dem Wohlergehen der Tiere andere ethische Konzepte, etwa das der tierischen Integrität, eine wichtige Rolle spielen würden.
Dr. Kirsten Schmidt (Ruhr-Universität Bochum) erörterte Zusammenhänge zwischen den verschiedenen tierethischen Konzepten und der empirischen Erforschung der tierlichen Befindlichkeit aus ethischer Perspektive, während Dr. Cristine Leeb (Universität für Bodenkultur Wien) anhand der Tierschutzstandards in der "Bio"-Tierhaltung und ihrer praktischen Umsetzung die praktischen Dilemmata illustrierte: So müsse ein "natürlich" gehaltenes Schwein nicht unbedingt ein glückliches sein.
Professor Lennart Nordenfelt (Linköping Universitet) argumentierte gegen "Natürlichkeit" als Teil einer Definition von Animal Welfare. Darin stimmte er Broom zu, dessen "biologische" Definition Nordenfelt allerdings abwies, um stattdessen für eine Theorie auf Grundlage positiver Empfindungen zu argumentieren. Während die genaue Bedeutung des Animal Welfare-Begriffs kontrovers diskutiert wurde, waren sich die Teilnehmer der Tagung jedoch weitgehend einig, dass das "natürliche" Verhalten von Tieren im Sinne ihrer durch die Evolution und Zucht hervorgebrachten biologischen Eigenschaften eine wichtige Grundlage ihrer Bedürfnisse (etwa nach Ernährung, Bewegungsmöglichkeiten, Sozialpartnern oder strukturellen Eigenschaften der Umgebung) ausmachen würde und dass andererseits auch subjektives Empfinden und Gesundheit zum Wohlergehen dazugehörten.
Ob eine Definition des Begriffs jedoch überhaupt hilfreich sei, stellte Professor Colin Allen (Indiana University) in Frage. Er plädierte dafür, moralisch relevante Merkmale von Tieren unter Berücksichtigung der artspezifischen biologisch-mentalen Eigenschaften zu untersuchen. Dies sei eine Schnittstelle, in denen Natur- und Geisteswissenschaftler eng zusammenarbeiten müssten. Beispiele dafür, wie moralisch relevante Merkmale der Haltungsbedingungen einzelner Tierarten erforscht würden, gab Professor Hanno Würbel (Justus-Liebig-Universität Gießen), wobei er die methodologischen Herausforderungen klassifizierte: welche Merkmale bei welchen Tierarten mit welchen Mitteln erforscht werden müssten.
Auch die abschließende Podiumsdiskussion bestätigte, dass das Konzept des Animal Welfare zwar mit unterschiedlichen Bedeutungen verwendet würde, diese aber gleichzeitig ausreichend umrissen seien und einen ausreichend großen gemeinsamen Nenner hätten, um die Kommunikation zwischen Natur- und Geisteswissenschaftlern zu ermöglichen, die bei der Erforschung moralisch relevanter tierlicher Zustände notwendig sei.
Zu der von der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanziell unterstützten Konferenz ist ein Tagungsband geplant.

Wissenschaftliche Koordinatorin der Tagung:
- Kristin Hagen, Ph.D. (Europäische Akademie Bad Neuenahr-Ahrweiler GmbH)

Referenten:
- Professor Colin Allen, Ph.D. (Indiana University, USA)
- Professor Donald M. Broom, Ph.D., Sc.D., Hon.D.Sc. (Cambridge University, Großbritannien)
- Professor Tjard de Cock Buning, Ph.D, M.Sc., M.Phil. (VU Amsterdam University, Niederlande)
- Dr. med. vet. Christine Leeb, CertWEL (Universität für Bodenkultur Wien, Österreich)
- Professor Lennart Nordenfelt, Ph.D. (Linköping University, Schweden)
- Dr. Ian Robertson, LL.B., B.V.Sc., M.R.C.V.S. (Leeds University, Großbritannien; Ministry of Agriculture and Forestry, Neuseeland)
- Dr. phil. Kirsten Schmidt (Ruhr-Universität Bochum)
- Professor Dr. sc. nat. Hanno Würbel (Justus-Liebig-Universität Gießen)

Die Europäische Akademie zur Erforschung von Folgen wissenschaftlich-technischer Entwicklungen Bad Neuenahr-Ahrweiler gGmbH wurde 1996 vom Land Rheinland-Pfalz und dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt e.V. (DLR) gegründet. Direktor der Gesellschaft ist der Philosophieprofessor Dr. Dr. h.c. Carl Friedrich Gethmann. Wissenschaftlich-interdisziplinäre Arbeitsgruppen widmen sich der Erforschung und Beurteilung von Folgen wissenschaftlich-technischer Entwicklungen für das individuelle und soziale Leben des Menschen und seine natürliche Umwelt. In wissenschaftlicher Unabhängigkeit führt die Akademie einen Dialog mit Wirtschaft, Kultur, Politik und Gesellschaft. Damit will sie zu einem rationalen Umgang der Gesellschaft mit Folgen wissenschaftlich-technischer Entwicklungen beitragen.

Weitere Informationen erhalten Sie über die Homepage www.ea-aw.de.
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