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Prof. Gänsbacher: "Wirksame Strategien der molekularen Medizin"

14.06.2003 - (idw) Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin (MDC) Berlin-Buch

Eine Million Menschen erkranken jedes Jahr in den USA an Krebs. Im selben Jahr sterben daran rund 500 000 Menschen. Ähnlich sieht das Verhältnis von Neuerkrankungen und Sterbefällen in der Bundesrepublik aus. Rund 300 000 Menschen erkranken in Deutschland jährlich an Krebs, im gleichen Zeitraum erliegen 200 000 Menschen ihrer Krebserkrankung. "Vor dem Hintergrund dieser dramatischen Zahlen müssen wir versuchen, etwas gegen die Krebserkrankungen zu tun", sagte Prof. Bernd Gänsbacher vom Institut für Experimentelle Onkologie und Therapieforschung der Technischen Universität München (TU) auf dem Berlin-Buch Congress on Biotechnology 2003 am Freitag, den 13. Juni 2003, im Max Delbrück Communications Center (MDC.C) in Berlin-Buch. Er wies darauf hin, dass Mediziner und Biologen in den vergangenen Jahren neue Erkenntnisse über die Regulation von Zellwachstum und Zellvermehrung gewonnen haben und damit lernen konnten, wie Krankheiten entstehen. "Die molekulare Medizin hat uns ein ganzes Arsenal an Handwerkszeug an die Hand gegeben. Aus dieser breiten Front schält sich in jüngster Zeit eine Reihe von Strategien heraus, die sich bereits als wirksam erwiesen haben", sagte er. Dazu gehören verschiedene Antikörper und Wachstumshemmer, die direkt in die Regulationsmechanismen der Tumorzellvermehrung eingreifen.

Antikörper blockiert Wachstum von metastasiertem Darmkrebs
Jüngstes Beispiel dafür, das nicht nur Aufsehen bei Medizinern und Patienten erregt hat, sondern auch gleich den Aktienkurs der beteiligten Firma, des Biotechunternehmens Genentech in San Francisco, in die Höhe schnellen ließ, ist der Antikörper Bevacizumab, auch rhumAb-VEGF genannt (Avastin®). Zusammen mit einer Chemotherapie hemmt er bei Darmkrebspatienten, die bereits Metastasen haben, erfolgreich das Fortschreiten der Erkrankung. Dieses Ergebnis einer klinischen Phase-3 Studie, der letzten Stufe vor der Zulassung eines Medikaments, hatte die Biotechfirma Anfang Juni auf der Tagung der Amerikanischen Gesellschaft für Klinische Onkologie in Chicago/USA vorgestellt. Sie hatten den Antikörper an 900 Patienten mit metastasiertem Darmkrebs in mehreren Kliniken in den USA untersucht. Es zeigte sich, dass Patienten, die diesen Antikörper bekamen, eine durchschnittliche Überlebenszeit von 15 Monaten hatten. Patienten, die den Antikörper bekamen und zusätzlich eine Chemotherapie bestehend aus drei Medikamenten (Irinotecan, 5-Fluorouracil und Leucovorin, kurz IFL) lebten im Schnitt 20 Monate länger, berichtete Prof. Gänsbacher.

Die genauen Wirkmechanismen des Antikörpers Bevacizumab sind nach Aussage von Prof. Gänsbacher noch unbekannt. Möglicherweise blockiert der Antikörper die Bildung eines Wachstumsfaktors für Blutgefäße, in der Fachsprache Vascular Endothelial Growth Factor (VEGF) genannt. Tumorzellen selbst schütten diesen Wachstumsfaktor aus, der dafür sorgt, dass neue Blutgefäße (Neoangionese) wachsen, um damit ihre Ernährung sicherzustellen. Aber noch ist unklar, ob der Antikörper tatsächlich die Neoangionese der Tumorzellen unterbindet. Darmkrebs ist nach Angaben der Amerikanischen Krebsgesellschaft unter den Krebserkrankungen in den USA die zweithäufigste Todesursache. Das gilt auf für Deutschland, wo nach Angaben des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) in Heidelberg jedes Jahr rund 30 000 Menschen an Darmkrebs sterben.

Neuartiges Medikament gegen chronisch myeloische Leukämie
Schlagzeilen machte vor knapp zwei Jahren auch ein neu entwickeltes Medikament, das eine bestimmte Form von Blutkrebs, die chronisch myeloische (CML) Leukämie, wirksam bekämpft. Die Ergebnisse klinischer Studien waren so Aufsehen erregend, dass das Medikament Imatinib (Glivec®) des Schweizer Konzerns Novartis im Mai 2001 in den USA und kurz darauf im November desselben Jahres in der Europäischen Union und in der Schweiz zugelassen wurde. Von diesem Medikament profitieren vor allem Patienten in der fortgeschrittenen chronischen Phase der Erkrankung, der so genannten Blastenkrise, die früher innerhalb kurzer Zeit zum Tod führte.

Auch dieses Medikament blockiert das Wachstum der Krebszellen, hat aber einen ganz anderen Angriffspunkt. Imatinib blockiert ein Eiweiß, eine Tyrosinkinase. Das Eiweiß ist das Produkt einer genetischen Veränderung, die nach ihrem Entstehungsort Philadelphia-Chromosom genannt wird. Bei der chronisch myeloischen Leukämie sind Bruchstücke der Chromosomen 9 und 22 in den blutbildenden Zellen vertauscht. Weshalb es zu diesem fehlerhaften Austausch kommt, ist unbekannt. Jedenfalls entsteht dabei ein Fusionsprodukt, kurz bcr/abl genannt. Es produziert diese Tyrosinkinase, die weißen Blutzellen das Signal für unkontrolliertes Wachstum gibt. Imatinib hemmt die Tyrosinkinase, was dazu führt, dass sich das Blutbild der Patienten wieder normalisiert. Inwieweit die Patienten aber tatsächlich länger überleben, ist noch unklar. Der Zeitraum für eine Beurteilung ist noch zu kurz. Das Medikament ist erst seit zwei Jahren routinemäßig im Einsatz. Erprobt wird es inzwischen auch bei seltenen Magen-Darm-Tumoren (GIST).

Antikörper gegen Brustkrebs
Ein Medikament, das ebenfalls das Wachstum von Krebszellen hemmt, ist Trastuzumab (Herceptin®) von HoffmannLaRoche. Trastuzumab ist ebenfalls ein Antikörper. Er besetzt gezielt die Bindungsstelle (Rezeptoren) für den so genannten Wachstumsfaktor HER2 (die Abkürzung steht für humaner epidermaler Wachstumsfaktor 2). Der Rezeptor ist damit für HER2 blockiert. Das Brustkrebswachstum verlangsamt sich. HER2 ist vor allem bei Brustkrebspatientinnen, die bereits Metasen haben, vermehrt vorhanden.

Rückschlag für Gentherapie
Dagegen hat die Gentherapie, die Ende der 80er Jahre des vergangenen Jahrhunderts mit so großen Hoffnungen begonnen hatte, herbe Rückschlage erlitten. So hatten die Ärzte des Hopital Necker in Paris die sehr vielversprechend verlaufene Behandlung von elf Kindern mit einem angeborenen Gen-defekt (SCID-X) abbrechen müssen. Zwei der Kinder erkrankten als direkte Folge der Gentherapie an einer seltenen Blutkrebsform, einer T-Zell-Leukämie. Die zum Einschleusen des gesunden Gens in die Blutstammzellen der Kinder eingesetzten Retroviren hatten offenbar ein Gen dauerhaft angeschaltet, das dann den Krebs verursachte.

Mit dem Aufkommen der Molekularbiologie und Gentechnik hatten Mediziner und Forscher gehofft, schneller neue Therapien entwickeln zu können. Diese Hoffnung hat sich offenbar nicht erfüllt. Denn auch von der Entdeckung des Wirkstoffs Imatinib 1992 bis zur Zulassung als Medikament sind, wie bei konventionellen Wirkstoffen, knapp zehn Jahre vergangen. Erfüllt hat sich dagegen in Einzelfällen die Hoffnung der Ärzte, gezielt in die Entstehungsprozesse von Krankheiten eingreifen können.


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