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Ahrtalgespräch 2009: War es wirklich die Gier? Der Markt, die Krise und die Moral

23.11.2009 - (idw) Europäische Akademie zur Erforschung von Folgen wissenschaftlich-technischer Entwicklungen Bad Neuenahr-Ahrweiler GmbH

Bad Neuenahr-Ahrweiler, 23. November 2009. - Am 18. November 2009 fand das nunmehr fünfte Ahrtalgespräch statt, veranstaltet vom Verein der Förderer der Europäischen Akademie und der Stadt Bad Neuenahr-Ahrweiler. Auf dem Programm stand das wirtschaftsethische Thema "War es wirklich die Gier? Der Markt, die Krise und die Moral". Der Bürgermeister der Stadt Bad Neuenahr-Ahrweiler, Dr. Hans-Ulrich Tappe, begrüßte im Rathaussaal ca. 80 Gäste, bevor Professor Dr. Dr. h.c. Carl Friedrich Gethmann, Direktor der Europäischen Akademie, in die Veranstaltung einführte. Mit Blick auf die wirtschaftliche Krise wurde die Titelfrage gestellt und von zwei Referenten diskutiert: Der Ökonom und Professor für christliche Gesellschaftsethik, Professor Dr. rer. oec. Friedhelm Hengsbach SJ, sowie der Ökonom und Rektor des Internationalen Hochschulinstitut Zittau, Professor Dr. rer. pol. Albert Löhr, seit 2001 Vorstandsvorsitzender des Deutschen Netzwerks für Wirtschaftsethik, stellten ihre Standpunkte in Kurzvorträgen dar und diskutierten anschließend das Thema mit dem Publikum, moderiert von Gethmann.
Schon in seinen einführenden Bemerkungen deutete Gethmann an, dass individuelle Schuldzuweisungen die Krise nicht erklärten und der Ruf nach "mehr Ethik in der Wirtschaft" nicht aus ihr herausführen könne. Individuelles Gewinnstreben sei aus Sicht der philosophischen Ethik nicht zu verurteilen, auch dann nicht, wenn es dabei um große Zahlen ginge. Nicht so sehr mangelnde Moral der Manager als vielmehr die bestehenden Anreize, auf die sie ihr Handeln ausrichteten, seien zu kritisieren. Die Anreizsysteme zu verändern sei jedoch eine gesellschaftliche und politische Aufgabe.
Dem schloss sich Löhr in seinem Beitrag an, indem er nicht den Reichtum als solchen kritisierte, sondern manche Wege zum Reichtum als problematisch ansah. Ein moralisches Umdenken könne indessen nicht "von oben" verordnet werden: "Ein neuer moralischer Grundkonsens kann nur von unten her, aus Wirtschaft und Gesellschaft selbst, entwickelt werden".
Auch Hengsbach lehnte den Vorwurf der Gier als "subjektivistisch" ab. "Ich kann das Wort Gier nicht mehr hören" zitierte er - bewusst provokant - den ehemaligen Vorstandschef der Deutschen Bank Hilmar Kopper. Demgegenüber wies er in seiner Analyse der wirtschaftlichen Krise eine Reihe von Systemfehlern auf. Diese seien zum Beispiel die durch beliebige Ausweitung (und nicht durch Knappheit) bestimmte Funktionsweise der Kapitalmärkte, der durch hohe Renditeversprechen angereizte hohe Verschuldungsgrad sowie die weitgehende Haftungsbeschränkung von Kapitalgesellschaften.
Die Krise habe einen ruckartigen Wechsel der Denkmuster ausgelöst, der zu einem vom "rheinischen Kapitalismus" inspirierten politischen Neustart führen könne, in dem der Kapitalismus demokratiefähig zu machen wäre: Jeder, der in der Gesellschaft zur Wertschöpfung beitrage, müsse auch entsprechend davon profitieren. Dies erfordere aber eine Korrektur der bestehenden kapitalistischen Verteilungsregeln.
Im zweiten Teil der Veranstaltung hatte das Publikum Gelegenheit, in die Diskussion einzugreifen. Dabei wurden u. a. die Fragen der Langfristigkeit der Verantwortung der Manager im Zusammenhang mit den Bonus-Prämien, die Vernachlässigung mittelständischer Unternehmen durch die Politik und die erheblichen Unterschiede zwischen Kapitalgesellschaften einerseits und Unternehmen mit Eigentümerunternehmern andererseits diskutiert.

Die Europäische Akademie zur Erforschung von Folgen wissenschaftlich-technischer Entwicklungen Bad Neuenahr-Ahrweiler gGmbH wurde 1996 vom Land Rheinland-Pfalz und dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt e.V. (DLR) gegründet. Direktor der Gesellschaft ist der Philosophieprofessor Dr. Dr. h.c. Carl Friedrich Gethmann. Wissenschaftlich-interdisziplinäre Arbeitsgruppen widmen sich der Erforschung und Beurteilung von Folgen wissenschaftlich-technischer Entwicklungen für das individuelle und soziale Leben des Menschen und seine natürliche Umwelt. In wissenschaftlicher Unabhängigkeit führt die Akademie einen Dialog mit Wirtschaft, Kultur, Politik und Gesellschaft. Damit will sie zu einem rationalen Umgang der Gesellschaft mit Folgen wissenschaftlich-technischer Entwicklungen beitragen.

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