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Familienpolitik im Großraumlabor

01.02.2010 - (idw) Max-Planck-Institut für demografische Forschung

Familienpolitik im Großraumlabor
Deutschland und Russland arbeiten in der Bevölkerungsforschung enger zusammen
- eine neue Website informiert über aktuelle Ergebnisse -

Wieso sind die Geburtenraten vielerorts so niedrig? Und was könnte sie ändern: Mehr Kinder¬betreuung? Mehr Gleichberechtigung? Mehr ökonomische Stabilität? Im Rahmen des Pro¬jektes "Diadem - German-Russian Dialogue on Demography" forschen russische und deutsche Wissenschaftler gemeinsam an der Frage, ob und wie der Staat den Demografischen Wandel beeinflussen kann. Der vergleichende Blick auf die zwei höchst unterschiedlichen Länder führt dabei zu einem tieferen Verständnis der Ursachen und Konsequenzen demografi¬scher Entwicklungen.
Eine neue Website (http://www.dia-dem.de) geht jetzt mit ersten Ergebnissen zum Thema Geburten- und Familiendynamik online. Der angesehene Fertilitätsforscher Tomas Frejka gibt in einem hier erst¬mals veröffentlichten Artikel einen Überblick über die Fertilitätsentwicklung beider Länder. Beiträge international renommierter Wissenschaftler zur Berliner DiaDem-Tagung "Challenges in Family and Fertility Development in Russia and Germany" (Dezember 2009) berühren eine Vielzahl politisch wie gesellschaftlich relevanter Fragen. Ein Überblick:

Kinderzahl: Zwei, eins, oder keins?

Sowohl in Deutschland als auch in Russland sind die Geburtenraten massiv gefallen. Während der Abschwung hierzulande bereits 1970 kam, setzte er in Russland jedoch erst um 1990 ein. Die Veränderung unterscheidet sich nicht nur zeitlich: In Russland sank vor allem die Zweitgeburtenrate. Der Anteil von Familien mit nur einem Kind stieg dadurch deutlich. Die Zahl kinderloser Frauen ist in Russland nach wie vor gering. In Westdeutschland hin¬gegen ist sie stark gestiegen, der Anteil der Familien mit einem bzw. zwei Kindern blieb hier aber konstant. Ostdeutschland ist Russland wesentlich ähnlicher: Dort ist die Zweitgeburten¬rate ebenfalls sehr viel geringer als in den alten Bundesländern, obwohl die durchschnittliche Zahl der Kinder pro Frau inzwischen die Westdeutschlands erreicht hat.

Mütter im Osten: Ledig, jung, voll berufstätig

Sowohl in den neuen Bundesländern als auch in Russland sind Frauen bei der ersten Geburt jünger als in Westdeutschland. Und wie in Russland ist auch in Ostdeutschland der Anteil unverheira¬teter Mütter und solcher, die in Vollzeit arbeiten, wesentlich höher als in Westdeutsch¬land. Jobsituation und Mutterschaft hängen in Russland eng zusammen: So sank die Zweitgeburten¬rate nach 1991 in Russland am stärksten bei arbeitslosen Frauen und Frauen in Beru¬fen, für die nur geringe Qualifikation nötig ist. Auch in Westdeutschland hängen Bildung und die Realisierung des Kinderwunsches zusammen: Dort könnte ein größeres Angebot an Kinder¬betreuung für Kinder unter drei Jahren zu mehr Geburten führen - und zwar besonders unter hoch gebildeten Frauen.

Eine Gesellschaft der Machos hat wenige Kinder

Die Rollenverteilung zwischen Mann und Frau wird als Einflussfaktor auf die Familiengröße noch viel zu wenig erforscht, glauben die DiaDem-Wissenschaftler. Erste Untersuchungsergeb¬nisse aus Russland legen nahe, dass für die Kinderzahl dort die gelebten Geschlechterrollen häufig von großer Bedeutung sind: Denn russische Frauen sind einer starken Doppelbelastung ausgesetzt. Dem klassischen Rollenbild folgend kümmern sie sich weiter um die Kinder, haben aber zugleich ein immer stärkeres Interesse an beruflicher Karriere. Neben mangelnden Kinder¬betreuungsangeboten ist es daher vor allem die ungleiche Verteilung der häuslichen Aufgaben zwischen Mann und Frau, die es russischen Frauen erschwert, ihren Kinderwunsch zu verwirkli¬chen. Daher und weil sie inzwischen immer stärker souverän über Verhütung entscheiden können, belassen es viele Frauen bei nur einem Kind. Mehr wären nur möglich, wenn der Mann mehr im Haushalt helfen würde.

DiaDem - German-Russian Dialogue on Demography wurde gegründet vom Rostocker Max-Planck-Institut für demografische Forschung und dem Institut für Demografie an der Higher School of Economics in Moskau mit Förderung durch die Robert Bosch Stiftung und Unter¬stützung durch das Auswärtige Amt. DiaDem fördert den Aufbau eines deutsch-russi¬schen Netzwerks zum Thema Demografie unter Beteiligung von Wissenschaftlern, politi¬schen Entscheidungsträgern und Journalisten. Ziel ist die gemeinsame wissensbasierte Diskus¬sion der Ursachen und Konsequenzen des Demografischen Wandels und die Entwick¬lung möglicher Handlungsoptionen in beiden Ländern.


Die nächste Tagung ist 2010 in Moskau zum Thema "Challenges of Aging Societies in Russia and Germany" geplant.

Kontakt:
Dorothea Rieck, Wissenschaftliche Koordinatorin,
Max-Planck-Institut für demografische Forschung / DiaDem,
rieck@demogr.mpg.de bzw. 0381-2081-231
Weitere Informationen: http://www.dia-dem.de weitere Informationen
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